US-Austritt aus Klimavertrag Jammern hilft nicht

Donald Trumps Rückzug aus dem Klimaabkommen ist eine politische und moralische Bankrotterklärung der Vereinigten Staaten. Das Gute: Wie es weitergeht, haben wir in der Hand, nicht Washington.

US-Präsident Donald Trump
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US-Präsident Donald Trump

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Die Welt reagiert mit Entsetzen auf Donald Trumps Entscheidung, die USA aus dem Pariser Klimaabkommen herauszulösen. Staatschefs schimpfen, Umweltorganisationen drohen mit Klagen, selbst große Energiefirmen können nicht fassen, dass der Präsident diesen Schritt wirklich gegangen ist.

Es ist ja auch richtig: Trumps Wende ist eine Bankrotterklärung der Vereinigten Staaten in vielfacher Hinsicht. Sie ist zynisch, weil der Präsident bei einem Thema, in dem es um Leben und Tod geht, agierte, als wäre er der Macher einer Gameshow. Sie ist gefährlich, weil sie offenlegt, wie groß Trumps innerer Drang ist, der Weltgemeinschaft den Mittelfinger zu zeigen, egal, was es kostet. Sie ist verantwortungslos, weil der Präsident so tut, als sei die Haltung zum Klimawandel nicht mehr als ein Chip im Poker um geopolitischen Einfluss. Vor allem aber ist sie dumm, weil die Wende im Kern darauf basiert, die Kohleindustrie zu stärken, eine sterbende Energie. (Lesen Sie hier mehr zu den möglichen Auswirkungen der US-Entscheidung.)

Und dennoch - jammern hilft jetzt nicht. Schauen wir mal nüchtern auf die Folgen.

Erstens: Der Kampf gegen die Erderwärmung wird nicht enden, nur weil Amerika sich für ein paar Jahre aus dem Spiel nimmt. Natürlich wird es Anstrengungen brauchen, ärmere Staaten davon zu überzeugen, dass die Vertragserfüllung auch ohne die USA Sinn macht. Aber unverkennbar ist, dass Klimaschutz heute vielerorts als Chance gilt, nicht mehr als Einschränkung. Und wenn ein wichtiger Player ausscheidet, kann das den Ehrgeiz der Übrigen auch steigern.

Ein Beispiel ist die bewegende Rede des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron - hier im Video:

Es gibt einen Wettbewerb in der Frage, wer den grünsten Markt hat, und selbst üble Luftverschmutzer wie China oder Indien haben sich längst eingeschaltet. Es geht um Jobs, Innovation, Vernetzung und nicht zuletzt um politische Führung. Das gilt natürlich auch für Deutschland. Wenn die Kanzlerin es ernst meint mit ihrem Satz vom Schicksal, das in die eigene Hand genommen werden müsse, kann sie hier gleich mal loslegen und den besten Weg finden, um das geschwächte Klimabündnis zusammenzuhalten.

Zweitens: Amerika wird die Konsequenzen zu spüren bekommen, teils automatisch, teils durch unser Zutun. Trump, der angeblich so große Dealmaker, hat sich mit seiner kindischen Kündigung des Abkommens in eine verheerende Position gebracht.

Dass er das Abkommen neu verhandeln will, ist ein Witz. Niemand wird ihm diesen Gefallen tun wollen. Zudem werden viele andere Fragen der internationalen Zusammenarbeit von Trumps Entscheidung überschattet, vom Handel über die Finanzpolitik hin zu Rüstungsfragen. Die Bereitschaft, jenseits des Antiterrorkampfs, auf Washingtons Wünsche einzugehen, dürfte deutlich schrumpfen.

Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Warum die europäischen Staaten sich jetzt an die Waliser Absprachen halten und ihre Nato-Beiträge aufstocken sollten, erschließt sich angesichts von Trumps Umgang mit Verträgen nicht so recht.

Meinungskompass

Drittens: Unter der Entscheidung wird erst einmal die US-Wirtschaft leiden. Dass große Ölfirmen wie ExxonMobil Trump drängten, dem Pariser Abkommen treu zu bleiben, zeigt, welche großen Risiken sie in der Entscheidung des Präsidenten sehen. Selbst die Kohleindustrie war sehr gespalten in der Paris-Frage. Viele Firmen fürchten, außerhalb des Abkommens ihre angeblich saubere Kohle auf dem Weltmarkt noch schwerer unterbringen zu können als bisher. Zudem droht in den USA eine Spaltung: Staaten wie Kalifornien, New York oder Oregon haben sich jenseits des Pariser Abkommens ehrgeizige Einsparziele verpasst und fungieren längst als international vernetzte Innovationslabore.

Viertens: Trump mag mit seinem Kurs Beifall von seiner Basis bekommen und, ja: er kann sich ein dickes Kreuz auf die Liste seiner eingehaltenen Wahlversprechen machen. Tatsächlich aber offenbart die Entscheidung Trumps ganze Konzeptlosigkeit. Sein einziges Leitmotiv ist die Abschaffung von Obamas Hinterlassenschaften, jenseits dessen existiert nicht der Hauch einer umfassenden Strategie.

Der Schmalspuransatz ist sein gutes Recht. Er wird ihm aber bei dem für einen zweiten Wahlsieg notwendigen Ausbau seiner Wählerschaft kaum helfen.

insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
sven2016 02.06.2017
1.
Trump jammert dauernd, die USA seien finanziell, wirtschaftlich und was weiß ich gegenüber den anderen Staaten benachteiligt. Bringt such jetzt aber in die denkbar schlechteste Verhandlungsposition. Sogar Kanada und Mexiko haben ihn das bei NAFTA wissen lassen. Hoffentlich macht es seine Tochter nach der nächsten Wahl besser. Bis dahin kann man ihn nur international meiden.
Metternich 02.06.2017
2. Bitte abregen!
Blutdruck runter, bitte abregen! Donald Trump ist eine irrsinnige Episode in der US-Geschichte. Nach 4 Jahren ist alles vorbei (da bin ich mir ziemlich sicher), oder schon vorher. Danach werden die Vereinigten Saaten wieder in den Kreis verantwortungsvoller Staaten zurückkehren. Solange benötigt der Klima-Ausstieg ohnehin und einige US-Budesstaaten folgen ihren Präsidenten auch nicht.
Pinky42 02.06.2017
3. Bankrotterklärung
In der Tat ist dies eine "politische und moralische Bankrotterklärung der USA". Damit haben die USA endgültig ihre Position als dominierende Macht des freien Westens verloren. Was ja schon seit dem Vietnamkrieg und mit George W. schleichend begann, ist jetzt vollended. Nun muss Europa und vor allem Frankreich und Deutschland diese Rolle übernehmen. Eine grosse Chance für uns alle.
cerberus66 02.06.2017
4.
Es ist in der Tat zynisch, hier zu behaupten, es gehe um Leben und Tod. Möchte Herr Medick das Augenmerk auf die Migrationsbewegungen in Afrika und Nahost lenken? Hier spielt weniger der Klimawandel eine Rolle, sondern eine verantwortungslose Politik des unkontrollierten Bevölkerungswachstums sowie fehlender liberaler und marktwirtschaftlicher Strukturen in den betroffenen Ländern. Wer Fluchtursachen bekämpfen möchte hat mit dem Klimawandel , der hierzulande lediglich eine Steuererhöhungsmaschine darstellt, ein denkbar falsches Tool. Hier sind marktwirtschaftliche Strukturen und individuelle Freiheiten vonnöten. Diese sind aber in den betroffenen Ländern nicht durchsetzbar, wie die Beispiele Irak und Afghanistan in trauriger Weise zeigen.
Ralf1234 02.06.2017
5. Verlogene Debatte
Betrug bei den Abgaswerten von Autos, realer Ausstoss bei Schwedenöfen zigfach höher als auf dem Papier, realer Energieverbrauch bei Weisser Ware zigfach höher als im Labor ermittelt, bei Staubsaugern, Fernsehern...usw. das Gleiche! So viel zum Thema Klimaschutz
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