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18. April 2008, 00:12 Uhr

USA-Reise

Papst trifft Opfer pädophiler Priester

Überraschende Versöhnungsgeste beim US-Besuch des Papstes: Benedikt XVI. hat sich unangekündigt mit Opfern pädophiler Priester getroffen. Er betete gemeinsam mit "einer kleinen Gruppe" in Washington - einige brachen in Tränen aus.

Washington - Der Skandal erschütterte die katholische Kirche und die Weltöffentlichkeit gleichermaßen: Als 2002 herauskam, dass Tausende Priester in den USA mehr als 13.000 Kinder über Jahrzehnte sexuell missbraucht hatten, stürzte die katholische Kirche in den USA in eine tiefe Krise. Jetzt traf Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner USA-Reise unangekündigt mit einigen Missbrauchsopfern zusammen. Benedikt sei am Donnerstag in der Kapelle der Nuntiatur in Washington "mit einer kleinen Gruppe von fünf oder sechs Personen - Männer und Frauen - zusammengetroffen, die von Mitgliedern des Klerus missbraucht wurden", teilte der Vatikan mit.

"Sie haben gemeinsam mit dem Heiligen Vater gebetet, und anschließend hat er ihnen zugehört und ihnen Worte der Ermutigung und der Hoffnung gespendet", erklärte der Vatikan. Die Gruppe wurde vom derzeitigen Erzbischof von Boston, Kardinal Sean O'Malley, begleitet. Das Treffen soll 25 Minuten gedauert haben, einige der Teilnehmer seien in Tränen ausgebrochen, hieß es.

Zuvor hatte der Papst bei einer Messe vor fast 50.000 Gläubigen in Washington sein Bedauern über den Kindesmissbrauch durch Priester ausgedrückt. "Keines meiner Worte könnte den Schmerz und den Schaden beschreiben, den solcher Missbrauch verursacht", sagte Benedikt XVI. Bei einem Treffen mit US-Bischöfen hatte er das Krisenmanagement der US-Kirche in dem Skandal gerügt. Die Kirche sei mit dem Problem "manchmal sehr schlecht umgegangen", kritisierte das Kirchenoberhaupt.

In den Jahren 1950 bis 2002 sollen sich mehr als 5000 Priester landesweit an Kindern und Jugendlichen vergangen haben. Die Kirche musste zwischenzeitlich gut zwei Milliarden Dollar Entschädigung zahlen, fünf Diözesen meldeten Bankrott an. Von der Skandalserie um Kindesmissbrauch und kirchliche Vertuschung hat sich die katholische Kirche bis heute nicht erholt: Allein im vergangenen Jahr zahlte die Kirche 400 Millionen Dollar Schmerzensgeld an Opfer pädophiler Priester.

amz/Reuters/AFP

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