Mutmaßliche Kriegsverbrechen Skandal erschüttert Eliteeinheit Navy Seals

Ein Kämpfer der US-Spezialkräfte soll im Irak wahllos Zivilisten erschossen haben, darunter ein spazierendes Schulmädchen und einen alten Mann - und wurde womöglich von Vorgesetzten gedeckt. Auch Präsident Trump schaltete sich ein.

US-Elitekämpfer im Einsatz
DPA

US-Elitekämpfer im Einsatz

Von , Washington


Sein Spitzname lautete angeblich "Blade", Klinge. Bei der US-Eliteeinheit Seals zählte er lange Zeit zu den besten Kämpfern: Special Operations Chief Edward "Eddie" Gallagher.

Viele Soldaten sahen in ihm ein Vorbild. Er bildete andere Seal-Kämpfer aus, er war Scharfschütze, Sanitäter und Bombenspezialist. Mehrfach war Gallagher mit seiner Spezialeinheit im Irak und in Afghanistan im Einsatz. Doch damit ist es nun vorbei.

Ab Mai wird Gallagher vor einem Militärgericht der Prozess gemacht. Der hochdekorierte Soldat soll im Irak grausame Kriegsverbrechen begangen haben. Laut Zeugenaussagen soll Gallagher wehrlose Zivilisten erschossen und erstochen haben. Später wurden seine Taten womöglich von ihm und Vorgesetzten an der Marinebasis Coronado in San Diego, Kalifornien, vertuscht.

Schüsse auf Schulmädchen

Der Fall bringt nicht nur die beste Militäreinheit der Vereinigten Staaten in Verruf, sondern ist längst auch zu einem Politikum geworden: Viele halten Gallagher für einen Kriegshelden, der zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt. Bei Twitter und Facebook wird für seine Freilassung getrommelt. Andere sehen in ihm dagegen ein abschreckendes Beispiel für eine Subkultur innerhalb des US-Militärs, in der besondere Gewissenlosigkeit als Auszeichnung gilt und Grausamkeiten verherrlicht werden.

Gallagher und seine Anwälte weisen alle Vorwürfe zurück. Doch die Beweislast erscheint erdrückend. Die "New York Times" und die Fachzeitschrift "Navy Times" zitieren aus einem internen Untersuchungsbericht der US-Marine, in dem detailliert geschildert wird, was Gallagher zur Last gelegt wird:

  • Demnach soll er 2017 im irakischen Mossul als Anführer des "Alpha Platoons" im sogenannten Seal-Team Sieben immer wieder auf Zivilisten geschossen haben. Gallagher habe sich mit seinem Scharfschützengewehr versteckt und drei- bis viermal so viele Schüsse abgegeben wie andere Scharfschützen, heißt es. Bei einer Gelegenheit habe er ein Schulmädchen erschossen, das am Ufer des Tigris spazieren ging, ein anderes Mal einen alten Mann, der Wasser holen wollte.
  • Eigentlich war Gallaghers Einheit in Mossul eingesetzt, um die Stadt von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu befreien. Doch der Elitesoldat soll immer wieder alle erdenklichen Regeln gebrochen haben.
  • Laut Augenzeugen soll Gallagher regelmäßig mit einem Kampfwagen auf einer Tigris-Brücke haltgemacht haben. Von dort aus habe er mit einem schweren Maschinengewehr ohne erkennbaren Grund auf benachbarte Wohngegenden gefeuert, bis das Magazin leer war. Mehrfach soll Gallagher vor Kameraden damit geprahlt haben, wie viele Menschen er schon getötet habe, einschließlich Frauen.
  • Besonders grausam soll Gallagher mit einem jungen Gefangenen umgegangen sein. Sanitäter der Seals hätten den kaum 15 Jahre alten IS-Kämpfer nach einer Verwundung versorgen wollen, heißt es. Doch dann sei Gallagher dazu gekommen und habe den wehrlosen Jugendlichen mit einem Messer in den Nacken und den Bauch gestochen. Anschließend habe er mit einer US-Flagge über dem Toten posiert und sich dabei fotografieren lassen.

Dass die mutmaßlichen Untaten des Elitekämpfers überhaupt zum Thema wurden, geht wohl vor allem auf die Hartnäckigkeit anderer Navy Seals zurück. Obwohl sie intern zunächst auf große Widerstände gestoßen sein sollen, setzten sie eine Untersuchung des Falls durch.

Kampf um Aufklärung

Es war ein langer Weg: Einige Soldaten, die mit Gallagher im Irak im Einsatz waren, meldeten die Vorgänge zunächst an den für ihre Einheit zuständigen Leutnant. Doch es geschah erst mal: nichts.

Nach der Rückkehr in die USA sprachen sieben Männer dann beim zuständigen Kommandeur der Seals in San Diego vor und forderten eine offizielle Untersuchung. Doch statt einzuschreiten, sollen der Offizier und ein anderer Vorgesetzter ihnen geraten haben, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Ihre Karrieren könnten sonst in Gefahr geraten, lautete demnach die Warnung der Offiziere an die Soldaten. Beide Offiziere waren laut "New York Times" mit Gallagher befreundet.

Gallagher bekam nach dem Treffen für seinen Einsatz im Irak noch einen Orden verliehen. Die Soldaten, die ihn beschuldigten, soll er unterdessen als "Verräter" beschimpft haben. Erst als sich die Männer an eine andere Marine-Dienststelle außerhalb des Seal-Kosmos in San Diego wandten, sollen die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher und seine Vorgesetzten in Gang gekommen sein.

Gallagher sitzt nun seit einigen Monaten in Untersuchungshaft. Auch den Vorgesetzten drohen Haftstrafen. Um den Fall ist zudem eine Art Kulturkampf entbrannt.

Anerkennung von Trump

Die Seals gelten bislang als der Stolz der US-Marine und des gesamten US-Militärs. Sie führten einst den erfolgreichen Einsatz gegen Qaida-Terrorchef Osama Bin Laden in Pakistan aus. Für viele Amerikaner ist es unvorstellbar, dass einer dieser Helden ein Verbrecher sein soll.

Gallaghers Frau Andrea und seine Freunde kämpfen unermüdlich für seine Freilassung, sie halten ihn für unschuldig.

Im Internet verkaufen sie T-Shirts mit der Aufschrift "Free Eddie" und attackieren die Ermittler. Sie sehen die ganze Sache als eine Verschwörung von jungen, unzufriedenen Seal-Soldaten, die sich an Gallagher rächen wollten. In dem anstehenden Prozess im Mai wollen Gallaghers Anwälte etliche Aussagen von anderen Seals präsentieren, die den Soldaten angeblich entlasten.

Auch in konservativen Medien wie dem Sender Fox News wird für Gallagher Partei ergriffen. Und sogar Donald Trump hat sich in den Fall eingeschaltet. Auf Geheiß des US-Präsidenten wurde Gallagher vor einigen Tagen aus einer kargen Einzelzelle in eine bessere Haft-Unterkunft verlegt.

Dies geschehe, so Trump, "in Anerkennung" von Gallaghers "früheren Verdiensten" als Soldat.

insgesamt 98 Beiträge
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seit1958 25.04.2019
1. Passt wie die berühmte
Faust aufs Auge. Eigene Kriegsverbrecher schützen und gleichzeitig den Anklägern des Internationalen Gerichtshof die Visa entziehen. So machen es Diktaturen und ganz rechte Regime. Mit Trump scheinen die USA sämtliche Skrupel hinter sich zu lassen.
multiknife 25.04.2019
2. wenn das wahr ist
wenn das was im Raum steht wahr ist, dann muss er die Todesstrafe bekommen, mit allem anderen würden die USA sich lächerlich machen. Zudem wäre der Hass gegen die USA absolut verständlich.
#besserwisser 25.04.2019
3. Es gibt einen guten Grund ...
... warum die USA vielen internationalen Vereinbarungen nicht beitreten bzw. internationale Gerichtsbarkeit, wie z.B. den internationalen Gerichtshof in Den Haag, nicht anerkennen. Die USA zählen, wie Russland, zu den Gründerstaaten, die das Statut des Gerichts zwar beschlossen, die Verträge aber in der Folge nie ratifiziert haben.
Plunty 25.04.2019
4. Großen Respekt...
...an seine Kollegen, die die Taten hartnäckig angezeigt haben und auch gegen Widerstand der Vorgesetzten einen Weg gesucht haben die Taten öffentlich zu machen!
Raisti 25.04.2019
5.
Zitat von seit1958Faust aufs Auge. Eigene Kriegsverbrecher schützen und gleichzeitig den Anklägern des Internationalen Gerichtshof die Visa entziehen. So machen es Diktaturen und ganz rechte Regime. Mit Trump scheinen die USA sämtliche Skrupel hinter sich zu lassen.
Was hat das mit Trump zu tun. Nehmen Sie mal dies Rosarote Brille ab. Schon Bush hat z.b. damit gedroht amerikanische Bürger mit Waffengewalt vor den Internationalen Gerichtshof zu schützen. Auch Obama hat da keine bessere Figur gemacht. Vondaher verharmlosen Sie die USA noch, wenn Sie das Problem auf Trump reduzieren !
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