Anti-Terror-Krieg Amerikaner und Afghanen streiten um Taliban-Chef

In einer nächtlichen Aktion schnappten US-Spezialeinheiten dem afghanischen Geheimdienst einen Taliban-Kommandeur weg. Jetzt streiten beide Seiten: Die Afghanen bezeichnen Latif Mehsud als Vermittler - die Amerikaner halten ihn für einen Terroristen.

Taliban-Führer Mehsud: Terrorist oder Vermittler?
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Taliban-Führer Mehsud: Terrorist oder Vermittler?

Von , Masar-i-Scharif


Für westliche Geheimdienste ist Latif Mehsud ein Feind. Der Mann mit dem Lockenkopf und dem tiefschwarzen Bart soll, so die Einschätzung der Experten, seit Jahren die pakistanischen Taliban führen und zudem enge Kontakte zum Terror-Netzwerk al-Qaida unterhalten. Als Vertrauter des Anführers der Tehriq-e-Taliban Pakistan (TTP) gilt er für die USA spätestens als Staatsfeind, seit sich die Gruppe vor einigen Jahren zu einem versuchten Bombenanschlag auf den Times Square bekannte.

Es war also kein Wunder, dass die Festnahme Latifs vor rund zwei Wochen als Erfolg vermeldet wurde. Zunächst hieß es, Spezialkräfte der US-Armee hätten den Pakistaner im Osten Afghanistans festgenommen und in die amerikanische Basis Bagram gebracht.

Doch jetzt ist ein erbitterter Streit zwischen der afghanischen Regierung und Washington entbrannt, der sogar die ohnehin schwierigen Gespräche über die Stationierung von US-Soldaten nach dem Ende der Nato-Mission Isaf in Afghanistan gefährdet. Nato-Diplomaten zufolge kam es nach der Festnahme zu hitzigen Diskussionen zwischen dem amerikanischen Chef der Bündnis-Truppen und Präsident Hamid Karzai, für einige Tage setzten die beiden sogar ihre täglichen Treffen im Kabuler Palast aus. Der Zoff belastete auch die Gespräche zwischen US-Außenminister John Kerry mit Karzai.

Die USA beschuldigen Kabul, der afghanische Geheimdienst habe Mehsud als hochrangigen Taliban-Vertreter ins Land geholt, um über ihn Einfluss auf die pakistanischen Taliban zu haben. Die Afghanen wiederum werfen Washington vor, eine Geheimoperation zum Start von Gesprächen mit den Radikal-Islamisten zu torpedieren. Angeblich habe sich Mehsud dafür bereit gezeigt und sollte deswegen nach Kabul gebracht werden.

Die Details des Zugriffs illustrieren die Stimmung aus gegenseitiger Paranoia und Misstrauen. Laut der "New York Times" bestätigten mehrere afghanische Regierungsvertreter, dass Mehsud keineswegs für Friedensgespräche nach Kabul gebracht werden sollte. Vielmehr habe der NDS ihn als Kontakt zu pakistanischen Extremisten nutzen wollen. Seit Jahren beschuldigt Kabul die Pakistaner, aus dem Nachbarland heraus den Aufstand der Taliban gegen die afghanische Regierung zu steuern, um das Land zu schwächen. Nun habe man den Spieß umdrehen wollen, von Rache an Islamabad ist die Rede.

Das Vorhaben Kabuls mag unrealistisch sein, trotzdem wirkt der Vorfall in der Zeit vor dem beschlossenen Abzug der internationalen Truppen bedrohlich: In der Region steht offenbar eine Verschärfung des Stellvertreter-Kriegs bevor. Niemand in Washington zweifelt an der Verstrickung Pakistans in den blutigen Widerstand der Taliban gegen die Ausländer und die afghanische Regierung. Sollte Afghanistan allerdings nun versuchen, im Nachbarland den Krieg der dortigen Islamisten gegen die Regierung anzufeuern, wäre eine Eskalation der Gewalt unvermeidbar. Da beide Länder Partner Washingtons sind, würde dies den Abzug der USA aus Afghanistan gefährden.

Das Misstrauen gegenüber der Regierung von Karzai steigt

Amerikanische Diplomaten betonen, glücklicherweise habe man die Absichten Kabuls in einem frühen Stadion bremsen können. Gleichwohl verstärkt der Fall das Misstrauen gegenüber der Regierung von Hamid Karzai, die aus US-Sicht mittlerweile völlig unberechenbar agiert. Im Nachhinein wirkt auch die Forderung von Karzai, im US-Truppenstatut eine Sicherheitsgarantie bei möglichen Angriffen des Nachbarn auf Afghanistan zu verankern, wie ein Trick. "Bei jeder Eskalation zwischen den Ländern würden wir plötzlich in der Mitte stehen", so ein US-Offizier, "genau diese Rolle aber wollen wir nicht mehr".

Die Afghanen wiederum verteidigen ihre Strategie mit dem bereits begonnenen Abzug der Ausländer. Da man ab 2015 auf sich selbst gestellt handeln müsse, seien eben ungewöhnliche Maßnahmen nötig. Demnach habe man mit Mehsud Gespräche darüber begonnen, wie man die Attacken der pakistanischen Taliban in den Grenzregionen zu Afghanistan stoppen könne. In einer Art Waffenstillstand sollten die Kämpfer versprechen, dass sie die afghanische Armee nicht mehr angreifen, und im Gegenzug würden die Afghanen die Taliban-Gruppen in Ruhe lassen.

Beigelegt ist der Streit zwischen Amerikanern und Afghanen nicht. Aus dem Palast in Kabul hieß es, man werde weiter auf die Übergabe von Mehsud drängen, das Thema erschwere auch die Verhandlungen über das US-Truppenstatut.

Die Zeit drängt: Bis Mitte November muss die Vereinbarung stehen, dann soll die Versammlung Loya Jirga darüber befinden. Bis zum Treffen der 3000 Stammesführer steht viel auf dem Spiel: Ohne das Abkommen wird es auch die geplante Nato-Trainingsmission für Afghanistan ab 2015 nicht geben. Vielmehr, so die Drohung der USA, würde die Nato bis Ende 2014 komplett abziehen, auch die gemachten Finanzzusagen von vielen Milliarden Dollar seien dann hinfällig.

insgesamt 11 Beiträge
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mborevi 29.10.2013
1. Wer hat wohl mehr ...
... unbeteiligte Menschen getötet: Die Bomben der USA in Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan, und neuerdings per Lenkwaffen in Pakistan, oder aber die Taliban? Eben! Dann macht Euch selbst ein Bild, wer hier die wirklichen Terroristen sind!
TiloS 29.10.2013
2. Unglaubwürdig
Sowenig man den Amerikanern auch trauen kann, die afghanische Regierung steckt mit den Taliban unter einer Decke und ist deshalb noch unglaubwürdiger.
mesopotamien00 29.10.2013
3.
Ja ja .....und die Terroristen in Syrien bezeichnen die Amis als Rebellen mit Tatkräftiger Unterstützung !! ....alles klar....!! Ich kann mich nur noch über die Dummheit der Amis amüsieren
vantast64 29.10.2013
4. Für Amerikaner ist jeder ein Terrorist,
so, wie ein Hammer in seiner Umwelt nur Nägel erkennt, eine durch den Philosophen GW.Bush eingeführte Weltsicht in den USA.
chuckal 29.10.2013
5. Merkels Handy
...und mit solchen Leuten telefoniert die Kanzlerin... Leute Leute...Ich hab auch immer gedacht, sie ist eine Schläferin, aber doch im ganz anderen Sinne. Gut gemacht NSA. Wie verteidigt man die Freiheit am Hindukusch? Indem man sie einfach abschafft. genial einfach
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