Handschlag zwischen Obama und Castro Geste für die Geschichte

Die Zeit der Erzfeindschaft scheint zu Ende: Auf dem Amerika-Gipfel in Panama-Stadt reichen die USA Kuba die Hand. Der US-Präsident glaubt, "dass der Weg der Isolation gescheitert ist". Er setzt auf Wandel durch Annäherung.
Handschlag zwischen Obama und Castro: Geste für die Geschichte

Handschlag zwischen Obama und Castro: Geste für die Geschichte

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Amerika-Gipfel sind für US-Präsidenten kompliziertes Terrain. 2005 in Argentinien organisierte der linke Staatschef Néstor Kirchner Massendemonstrationen gegen George W. Bush, und die Lateinamerikaner beerdigten dort die amerikaweite Freihandelszone ALCA, die Washington unbedingt durchsetzen wollte. Vier Jahre später in Trinidad und Tobago, Barack Obama war gerade im Amt, verweigerten die Linksländer Venezuela, Bolivien und Nicaragua eine gemeinsame Abschlusserklärung. Das Dokument war ihnen zu feindlich gegenüber Kuba. Obamas erste Begegnung mit dem Süden des Kontinents endete im Clinch.

Sechs Jahre und zwei Gipfel später ist nun endlich der Kalte Krieg in Lateinamerika zu Ende gegangen. Auf Obamas drittem und letzten Amerika-Spitzentreffen ist Kuba erstmals überhaupt dabei, und die USA sind vom bösen Buben zum Partner gereift. Am Freitagabend, zu Beginn des Treffens, federte ein selbstbewusster US-Präsident beim Defilee auf den roten Teppich zu und klopfte die Schulter von Panamas Staatsoberhaupt und Gastgeber Juan Carlos Varela.

Nur wenige Minuten später folgte die Geste für die Geschichtsbücher, wegen der sich 2000 Journalisten aus aller Welt für das Treffen akkreditiert haben. Der US-Präsident ging zu Raúl Castro und streckte ihm seine Hand entgegen. Selbst ein paar warme Worte wurden gewechselt. Der historische Moment war erledigt.

Streichung von der Liste der Bösen

Für Samstagnachmittag, so sagte Obamas stellvertretender Sicherheitsberater Ben Rhodes, ist ein inhaltliches Gespräch der beiden Staatschefs geplant. "Wir haben zwar kein formelles Treffen zu einer bestimmten Zeit auf der Agenda, aber wir erwarten, dass sie morgen einen kurzen Austausch haben werden", bestätigte Rhodes und ordnete die historische Dimension des Gesprächs auch gleich ganz oben ein: "Wir betreten hier Neuland. Der Präsident glaubt, dass der Weg der Isolation gescheitert ist." Wandel in Kuba soll nun durch Annäherung erreicht werden.

Zur Bestätigung will Obama Havanna von der Liste streichen, die Kuba seit 1982 als Unterstützer des Terrorismus führt. Washington wirft Havanna vor, weltweit linke Gruppen wie die baskische ETA oder die kolumbianische FARC-Guerilla mit Waffen beliefert und unterstützt zu haben. Neben Kuba werden noch der Iran, Syrien und der Sudan auf dieser Liste des Bösen geführt.

Die kubanische Regierung macht die Streichung zur Voraussetzung, um weiter über eine Eröffnung von Botschaften zu sprechen. Und Obama ist bereit, das zu tun. Das Terrain ist politisch so weit bereitet, dass er vielleicht schon am Samstag beim Treffen mit Castro Vollzug melden kann. Der US-Präsident ist entschieden, mit der Region auf Augenhöhe zu reden, die seine Vorgänger jahrzehntelang als "Hinterhof" der USA verunglimpft haben.

Venezuela wird das neue Kuba

Nur einer scheint bei dem Gipfel der Freundlichkeiten nicht mitspielen zu wollen. Nicolás Maduro, Venezuelas Staatschef und nun der neue Lieblingsfeind Washingtons, nimmt die Rolle des Spielverderbers ein. Am Freitag machte in Panama das Gerücht die Runde, Maduro verlange in der Abschlusserklärung eine Verurteilung der USA wegen der Sanktionen, die Washington kürzlich gegen seine Regierung verhängte. In diesem Fall würde es vermutlich wieder kein gemeinsames Schlussdokument geben, denn diese Position ist nicht konsensfähig in Lateinamerika. Dafür ist der venezolanische Linksnationalist bei vielen Kollegen zu isoliert.

Aber der Präsident Venezuelas nutzte die Zeit vor Beginn des Gipfels am Freitag zu einem geschickten Besuch an einem Ort, der davon erzählen kann, warum die USA in Lateinamerika so einen schweren Stand haben. Maduro ging in den Stadtteil El Chorrillo im Osten von Panama-Stadt, ein Viertel gezeichnet von karibischen Plattenbauten und dominiert von Armut, Arbeitslosigkeit und Angst. "In Chorrillo herrschen die Banden", sagen die Einwohner der Stadt und machen einen Bogen um die Gegend.

El Chorrillo wurde im Morgengrauen des 20. Dezember 1989 von US-Truppen bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht, weil Washington dachte, in den nahen Militäranlagen verschanze sich Machthaber Manuel Noriega. Es gab Dutzende Tote und Verletzte, und El Chorrillo wurde fast komplett zerstört und danach sich selbst überlassen.

Seither ist das Viertel ein sozialer Brennpunkt, eine ständige Erinnerung an die US-Invasion, die damals den zynischen Namen "Gerechte Sache" trug und zum Ziel hatte, Noriega festzunehmen und die "Interessen der USA" in Panama zu verteidigen. Dass auch das Völkerrecht dabei mit Füßen getreten wurde, störte die US-Machthaber nicht.

Maduro erinnerte in El Chorrillo an die Grauen der USA und versprach den Bewohnern, von Obama eine Entschuldigung und Entschädigung für die Bombardierung zu fordern. Währenddessen saß der US-Präsident bei einem Forum der Zivilgesellschaft und äußerte sich zu der unseligen Tradition seines Landes in Lateinamerika: "Die Tage sind endgültig vorbei, in denen die Vereinigten Staaten straflos nach Belieben in dieser Hemisphäre intervenierten."

Worte, die vor ein paar Jahren noch genauso unvorstellbar waren wie das Tauwetter zwischen Havanna und Washington.

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