Marc Pitzke

Amerika unter Trump Nichts wird gut

Die Woche geht zu Ende, die US-Wahlen sind abgehakt: neuer Präsident, neue Regierung, na ja, das Leben geht weiter. Wirklich? So zu denken ist blinder Egoismus.
Demonstration gegen Donald Trump

Demonstration gegen Donald Trump

Foto: Mark Makela/ AFP

Ganz in der Nähe unseres Büros in Manhattan gibt es einen Weihnachtsmarkt. Er heißt "Winter Village", denn wer will jetzt schon von Weihnachten sprechen? Man kann da allerhand Krimskrams kaufen und Crêpes essen und zwischendurch auf einer Pop-up-Eisbahn Schlittschuh laufen.

Ein adrettes Pärchen sitzt am Rande und redet, wie gerade die meisten New Yorker, über Politik. Der Mann beruhigt seine Freundin: "Alles wird gut."

So beginnt sie, die Normalisierung, die Verharmlosung, die Akzeptanz - in den Medien, in der Politik und auf dem Weihnachtsmarkt: Donald Trump? Der ist doch gar nicht so schlimm. Der ist doch eigentlich ganz vernünftig. Ganz normal.

Doch nichts ist normal hier in diesen Tagen.

Es ist auch zehn Tage später nicht normal, dass 60 Millionen Amerikaner einen Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt haben, dessen rassistische, antisemitische, fremden-, frauen- und schwulenfeindliche Rhetorik plötzlich vergessen und vergeben scheint. Egal, ob's dir mies geht, ob du dich übergangen fühlst, arbeitslos bist oder pleite: Nichts entschuldigt, einen Demagogen zu ermächtigen - nach dem Motto, ach, das ist doch alles nur Wahlkampfgetöse.

Nein, es wird nicht gut

Es ist nicht normal, weiter zu "hoffen", dass ein 70-Jähriger sich noch ändern wird. Dass Trump nicht der sein wird, der er immer war. Dass er über Nacht klug, belesen, maß- und respektvoll wird. Dass er plötzlich auch diejenigen Latinos und Muslime wertschätzt, die zufällig nicht für ihn arbeiten. Dass er sich künftig von weisen Geistern leiten lässt, statt von seinem kleptokratischen Clan. Dass er nicht mehr lügt, wenn es ihm nutzt, sondern nur noch die Wahrheit sagt.

Es ist nicht normal, dass der mächtigste Präsidentenberater, der jedes Detail der US-Politik steuern soll, fortan Steve Bannon ist. Ein Mann, der aus seinem Antisemitismus nie einen Hehl gemacht hat, der als Führer der Alternativen Rechten "Alt Right" gilt - ein Mäntelchen für alle möglichen Hassgruppen, darunter die wiederauferstandenen Lynchhorden des Ku-Klux-Klans, die Trumps Wahl als einen "Schritt in die richtige Richtung" bejubeln.

Es ist nicht normal, dass Hunderte Amerikaner diese Wahl als Anlass, ja, Ermutigung sehen, Ausländer, Muslime und Minderheiten anzugreifen. Fast 500 Übergriffe gegen die Schwächsten der Gesellschaft wurden seit dem Wahltag gemeldet, viele mit dem Schlachtruf: "Jetzt ist Trump Präsident!"

Es ist nicht normal, dass Trump-Berater Kris Kobach, Innenminister von Kansas, ein "Melderegister" für Einwanderer einer ganz bestimmten Religion vorschlägt. Und dass Trump auf die Frage, wie sich eine solche Datenbank von der Meldepflicht für Juden im Dritten Reich unterscheide, mehrfach nur sagte: "Sag du es mir!"

Es ist nicht normal, dass NSA-Chef Michael Rogers offen bestätigt, Russland habe die Präsidentschaftswahlen durch Hacks manipuliert - "eine bewusste Anstrengung eines Nationalstaats, eine spezifische Wirkung zu erzielen".

Es ist nicht normal, dass sich im Wahlkampf viele Amerikaner via Facebook "informierten" statt durch die etablierten Medien - und dass die meisten von ihnen dann Donald Trump wählten.

Es ist nicht normal, dass Sarah Palin neue US-Innenministerin werden könnte.

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New York: Widerstand gegen Trump

Foto: KENA BETANCUR/ AFP

Nichts davon ist normal. Besser gesagt: Nichts wäre vor dem 8. November 2016 normal gewesen. Doch jetzt gehört es zum "new normal", wie all die Homestorys aus dem Trump Tower. Wie nett Autokraten doch sein können!

Schwamm drüber, vorwärts, Schluss mit der Panik: Das zu sagen, können sich aber nur diejenigen leisten, die das Privileg genießen, nicht von Trumps Rechtswende betroffen zu sein - das sind vor allem Weiße. Die keine Angst haben müssen vor Gewalt, Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausweisung. Die sich in ihrem Wohlstandsmus "sicher" fühlen, während andere - in deren Haut sie sich nicht hineinversetzen können - nun täglich um ihre Existenz fürchten.

Sie ist längst unterwegs, die vermeintliche Normalisierung, die in Wahrheit eine Verharmlosung ist. Keiner hält sie auf. Denn es ist ein gemeinsamer Egoismus, der sie vorantreibt. Der Egoismus derer, die Trump gewählt haben. Und der anderen, die ihn selbstgefällig unterschätzt haben - und ihn jetzt als stille Mitläufer zum Durchregieren befähigen. Alles wird gut? Vielleicht für manche. Aber zu welchem Preis?