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USA Wall-Street-Proteste erreichen Washington

Sie marschierten in der Hauptstadt Washington, in Los Angeles, selbst in Alaska: Die Wirtschaftsproteste amerikanischer Wutbürger, die in New York begannen, breiten sich über das Land aus - nun zeigte selbst ein Vertreter der Notenbank Verständnis für die Demonstranten.

New York/Washington - Was als Demonstration im Finanzdistrikt Manhattans begann, breitet sich auf immer mehr Städte in den USA aus. Anti-Wall-Street-Proteste gab es am Donnerstag unter anderen in Washington, Los Angeles und Houston. Selbst in Städten, die bislang kaum durch Kapitalismus-Kritik aufgefallen waren, gingen Menschen auf die Straße, etwa in Utahs Hauptstadt Salt Lake City sowie in Anchorage in Alaska.

In der Hauptstadt Washington versammelten sich 500 Demonstranten an der Freedom Plaza nahe dem Weißen Haus und dem Finanzministerium. Sie kritisierten die Wirtschaftspolitik, das Verhalten der Wall Street. Auch gegen den amerikanischen Krieg in Afghanistan, dessen Beginn sich am Freitag zum zehnten Mal jährt, wetterten die Demonstranten. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift "Beendet die Kriege zu Hause und im Ausland", "Besteuert die Reichen" und "Kein Krieg = Kein Defizit". Die Demonstration wurde von einer Gruppe organisiert, die sich "Oktober 2011" nennt. Eine andere Gruppe nennt sich "Occupy DC", in Anlehnung an die "Occupy Wall Street"-Bewegung, die die Proteste vor drei Wochen aufgenommen hatte.

Verständnis für die Demonstrationen der Studenten, Arbeiter und Gewerkschafter äußerte ein hochrangiger Vertreter der US-Notenbank Fed. "Es gibt zu viele Arbeitslose, die Einkommensverteilung ist zu ungleichmäßig", sagte der Fed-Präsident von Dallas, Richard Fisher, am Donnerstag vor Geschäftsleuten in Texas. "Wir haben ein frustriertes Volk, und ich kann ihre Frustration verstehen."

Auch US-Präsident Barack Obama äußerte am Donnerstag erneut Verständnis. "Zurzeit werden viele Menschen, die das Richtige tun, nicht dafür belohnt", sagte Obama in einer Pressekonferenz. "Aber viele, die nicht das Richtige tun, werden dafür belohnt."

In Washington richtete sich die Wut auch gegen die Politik der Obama-Regierung. Einer der Organisatoren des Marsches, Kevin Zeese, sagte der "New York Times", dass es große Unzufriedenheit mit dem Präsidenten gebe. Obama kümmere sich nicht um die wichtigen Probleme.

Die Proteste nahmen ihren Anfang vor drei Wochen in New York, wo die Demonstranten den Zuccotti Park besetzten, wenige hundert Meter von der Wall Street entfernt. Die genauen Ziele der heterogenen Gruppe mit dem Motto "Occupy Wall Street" ("Besetzt die Wall Street") sind unklar. Die Liste der Beschwerden reicht von teuren Studiengebühren über die hohe Arbeitslosigkeit bis zu sinkenden Renten.

Zusammengehalten wird die Bewegung von der Wut darüber, dass vor allem die Mittelschicht und die ärmere Bevölkerung unter den Folgen der Finanzkrise zu leiden hätten. Die Demonstranten erhielten in den letzten Tagen immer mehr Zulauf, zuletzt schlossen sich auch zahlreiche Gewerkschaften der Bewegung an.

fab/dapd/Reuters
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