Wahl in USA Drei Gründe, warum Clinton verlieren könnte

Donald Trump kämpft sich in Umfragen wieder vor, im Lager von Hillary Clinton wächst die Nervosität. Kann die Frau, die bis vor Kurzem so souverän dastand, noch verlieren? Aber ja.

Hillary Clinton
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Hillary Clinton

Von , Washington


Hillary Clinton will neuerdings etwas zugänglicher sein. Am Donnerstag beantwortete die Präsidentschaftskandidatin auf dem Rollfeld ihres Heimatflughafens in New York einige Fragen von Reportern. Sie empörte sich über Donald Trump und sprach über den Kampf gegen den "Islamischen Staat", aber ihre eigentliche Botschaft war: Ihr könnt mich alles fragen, ich verstecke mich nicht.

Clintons neue Offenheit ist auch ein Eingeständnis, dass sie - zwei Monate vor der Wahl - noch viel zu tun hat für einen Sieg. Trump ist zuletzt in den Umfragen wieder an sie herangerückt, und in Clintons Team wächst die Sorge, dass bis zum 8. November doch alles ein wenig unübersichtlicher werden könnte, als viele das noch im Sommer gedacht hatten. Ihre Beliebtheitswerte sind im Keller, Reporter und Gegner durchforsten weiter ihre E-Mails und selbst in ihrem eigenen Lager entfacht sie wenig Enthusiasmus.

Dass Clintons Ausgangslage noch immer ein Stück besser scheint als jene Trumps, liegt an den Zahlen aus den besonders umkämpften Staaten. In Swing States wie Virginia, Florida oder Pennsylvania schmilzt zwar ihr Vorsprung, aber sie führt weiterhin. Dass es trotzdem Trump sein könnte, der Barack Obama im Weißen Haus ablöst, ist nicht unmöglich. Drei Probleme, die einen Sieg von Hillary Clinton verhindern können.

1. Clinton macht konventionellen Wahlkampf in aufgeregten Zeiten

Die Demokratin ist gut organisiert. Aber sie baut ihren Wahlkampf auf eine Berechnung, die auch aus den Neunzigerjahren stammen könnte: Viel Geld, viele Helfer in den besonders wichtigen Staaten. Ob das Prinzip "Viel hilft viel" aufgeht, ist völlig offen: In Florida etwa unterhält Clinton 50 Büros, Trump nur eins - und trotzdem liegen die Kandidaten gleichauf. Dass Clinton sich in ihrer Wahlwerbung besonders auch an Latinos und Afroamerikaner wendet, ist sicherlich nicht verkehrt. Aber dass die auch zur Wahl gehen - darauf kann sie sich nicht verlassen. Denn groß ist das Misstrauen gegen beide Kandidaten.

2. Leistung lohnt sich nicht mehr

Clinton kennt sich aus. Ob Verteidigungspolitik, Steuerwesen oder der Machtkampf in Gabun - sie ist in fast jedem Thema firm und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Expertise gegen Trumps Ahnungslosigkeit auszuspielen.

Das Problem aber ist, dass Amerikaner Expertise immer weniger wertzuschätzen zu scheinen. Trump hat Schwierigkeiten, auf elementarste Fragen zu antworten, und dass er in vielen wichtigen Themen wie etwa dem Syrienkrieg nicht einmal den Anlauf unternimmt, sich fortzubilden, liegt auch daran, dass er gerade mit seiner Ignoranz großen Erfolg hat. Denn diese gilt vielen als authentisch und bodenständig. Trump hat es geschafft, dass Teile der Wählerschaft Erfahrung und Sachkenntnis als Merkmale einer elitären politischen Klasse wahrnehmen. Clinton ist in einer ungemütlichen Lage: Sie darf inhaltlich keine Fehler machen, kann aber gleichzeitig nicht mehr wirklich darauf hoffen, mit ihrer Kenntnis zu punkten.

3. Die Zahl der Unentschlossenen ist viel höher als vor vier Jahren

Man möchte meinen, dass sich die meisten Amerikaner angesichts der Bekanntheit beider Kandidaten und ihrer so diametral unterschiedlichen Vorstellungen bereits entschieden haben, für wen sie stimmen werden. Falsch. Die Zahl der unentschlossenen Wählerinnen und Wähler ist so hoch wie selten.

Rund 20 Prozent der Amerikaner wissen laut den Wahlforschern von FiveThirtyEight.com noch nicht, wen und ob überhaupt sie wählen, rund drei Mal mehr als zum vergleichbaren Zeitpunkt vor vier Jahren. Das macht die anstehenden TV-Debatten noch wichtiger als ohnehin schon. Wer sich auf der Fernsehbühne gut schlägt, kann im Lager der Unentschlossenen punkten. Die Erwartungen an Trump sind bei den TV-Debatten tendenziell niedriger als an Clinton. Er macht das zum ersten Mal. Und er ist neu auf der politischen Bühne. Der Vorteil für ihn: Viele Zuschauer sähen ihn wohl schon als Sieger, wenn er nicht patzte.

Kein Wunder, dass Clinton sich inzwischen viel Zeit nimmt, um daheim in Chappaqua für die Fernsehtermine zu proben. Schiefgehen, so viel ist klar, darf nichts.



insgesamt 181 Beiträge
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DenisJohnson 09.09.2016
1. Der 4. Grund fehlt.
Ich denke, die Amerikaner wissen ganz genau, wie viele Jahre Clinton in der Politik zugebracht hat und dass sie sich natürlich in allen politischen Bereichen wesentlich besser auskennt als Trump. Es ist einfach ihre enorme Unehrlichkeit, ein ausgeprägtes taktisches Verhältnis zur Wahrheit sowie ihre an Korruption grenzende Verstrickungen mit den Mächtigen und Einflussreichen, dass macht es in den Augen vieler Amerikaner so schwer, Hillary Clinton ihre Stimme zu geben.
Stäffelesrutscher 09.09.2016
2.
Tja, vielleicht wäre Bernie Sanders doch die bessere Option gewesen.
lost_in_translation 09.09.2016
3. Brexit uns Trump
Es ist so erstaunlich wie bedenklich, dass im englischsprachigen Raum tatsächlich weite "Teile der Wählerschaft Erfahrung und Sachkenntnis als Merkmale einer elitären politischen Klasse wahrnehmen". Aber genau dieses Phaenomen (don't believe in experts) hat bei uns hier in Grossbrittanien nicht unwesentlich zum Brexit beigetragen. Da fragt man sich schon, in welchen Zeiten man eigentlich lebt... Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Wahlkampfhilfe des Ex-UKIP-Chefs Nigel Farage fuer Trump, die genauso verdeutlicht, dass der Erfolg Trumps in Amerika und Brexit sich extrem verwandt sind. Bleibt zu hoffen, dass Trump trotzdem niemals Mr President wird.
sam07 09.09.2016
4. Na ja,
aus sicherer Entfernung können wir prima spekulieren und den Amerikanern kluge Ratschläge geben, was für sie gut ist oder nicht. Der Name Clinton ist untrennbar verbunden mit zahlreichen politischen Fehlentscheidungen (und in deren Folge mit Hunderttausenden Toten) in der letzten Dekade. Nicht nur als Außenministerin, sondern auch als öffentliche Person hat sie daran mehr oder weniger unmittelbar mitgewirkt. Dazu kommt, dass ihr (und ihrem Galan) große Nähe zum neoliberalen Finanzkapital nachgesagt wird, die Schere zwischen arm und reich im Vorzeigeland also unter ihrer Regentschaft weiterhin auseinandergehen wird. Über Trump können wir in D nur spekulieren. Uns wird von den Medien unentwegt das Bild eines echten Schurken, Dümmlings und Trampels vermittelt. Dabei halte ich seine Ansätze - Gespräche mit Russland, Rückzug von Militär, Infragestellung von TTIP und anderes - für nicht verkehrt. Zur tieferen Analyse wissen wir in D zu wenig. Und, wie erwähnt: Die Amis müssen wählen, nicht wir.
Überfünfzig, 09.09.2016
5. #1: Oder simpler......
.....der durchschnittliche Mittelstandsamerikaner hat von seinen bisherigen politischen Eliten, für die Ms. Clinton steht, genauso die Schn....ze voll, wie weil ein Großteil der Deutschen oder anderen europäischen Völker, die sich durch ihre "Eliten" und Politiker nicht mehr vertreten sehen. Nachfühlen kann ich ihnen das!
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