USA Was hinter Amerikas Waffenwahn steckt

Trotz Schulmassakern, Amokläufen und immer lauteren Protesten lieben viele Amerikaner ihre Waffen. Dahinter steckt mehr als der übliche Wild-West-Mythos. Ein Blick in Amerikas bewaffnete Geschichte.
NRA-Messe im April 2017

NRA-Messe im April 2017

Foto: Scott Olson/ Getty Images

James Madison ist an allem schuld. Er war klein und kränklich, doch einer der folgenreichsten US-Gründungsväter: Der Revolutionär, Sklavenhalter und spätere Präsident schrieb die "Bill of Rights", eine Reihe von Zusätzen zur Verfassung, die die persönlichen Freiheiten der Amerikaner verankerten - zumindest die derjenigen, die sich damals frei nennen durften.

Der zweite Verfassungszusatz regelt bis heute die Schusswaffenfrage. Die knappe Passage wurde siebenmal überarbeitet, bevor der Kongress sie 1791 ratifizierte: Das Recht der Bürger, "Waffen zu besitzen und zu tragen", dürfe "nicht eingeschränkt" werden, heißt es dort.

Wie konnte es in den USA zu den Massakern kommen? Wie konnte das halbautomatische AR-15 zum populärsten Gewehr bei Jägern wie Amokläufern werden? Wie konnte es zu den absurden Diskussionen dieser Woche kommen, in der Kinder, die gegen Waffen protestieren, als politische Marionetten verunglimpft wurden und der Präsident statt mehr Kontrolle lieber noch mehr Waffen in Umlauf bringen will?

Besucher beim jährlichen NRA-Treffen

Besucher beim jährlichen NRA-Treffen

Foto: John Sommers II/ REUTERS

Es ist eine komplexe Geschichte, viel komplexer und düsterer als der beliebte Wild-West-Mythos, den viele in dieser Debatte schnell beschwören. Es geht vor allem um Macht, Geld und die Ursünde Amerikas - Rassismus.

Indigene und Sklaven

Waffen schufen Amerika. Die USA erkämpften sich die Unabhängigkeit von der britischen Krone mit Waffengewalt und misstrauen seitdem der Idee eines mächtigen Zentralstaats. So entstand 1791 das "Second Amendment", das den Waffenbesitz freilich an eine "gut reglementierte Miliz" knüpfte, eine Bürgerwehr, die sich gegen staatliche Übergriffe aufstellen könnte - eine Bedingung, die viele US-Waffenfreunde heute gerne ignorieren.

Auch oft vergessen: Das Waffenrecht, in vielen US-Kolonien bereits separat festgeschrieben, diente nicht nur dem Schutz vor Unterdrückung von oben, sondern auch, um seinerseits Revolten von unten zu unterdrücken. Gewaltsam vertrieben die neuen Amerikaner erst die Indigenen - die Ureinwohner -, um dann gewaltsam ihre Macht zu festigen und ihre Sklaven zu kontrollieren.

KKK und NRA

Die Gründung der NRA im Jahr 1871 ist eng mit dem Ende des Bürgerkriegs 1865 verbunden. Damals bekamen erstmals auch Schwarze Zugang zu Waffen - und prompt gab es erste Bemühungen, diesen wieder zu beschränken. Es sei darum gegangen, "den Schwarzen die Fähigkeit zu nehmen, sich selbst zu verteidigen", sagte der spätere NRA-Präsident David Keene rückblickend. Nicht durch Zufall gründete sich die NRA zur gleichen Zeit, zu der sich auch Amerikas erste Ku-Klux-Klan-Bewegung unter Druck auflöste und sich als "Gewehrgruppen" neu erfand.

Als später die US-Bürgerrechtsbewegung in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die weiße Macht zu demontieren begann, mutierte die NRA von einer eher harmlosen Sportjäger- und Waffen-Kontroll-Organisation zum radikalen Lobbyverband in Diensten der Waffenindustrie mit einem Ziel: mehr Waffen, aber am liebsten nur für Weiße. Das kam bei den Konservativen in Washington gut an, die gegen Malcolm X, die Black Panthers und andere schwarze Rebellen kämpften. Waffenkontrolle wurde zum ideologischen Streitfall zwischen Demokraten und Republikanern, links und rechts.

Western und andere Fantasien

Anfangs waren Waffengesetze allein Frage der Staaten, Kommunen - und der Siedlergebiete im Westen. Die ersten lokalen Gun-Control-Gesetze sollten Schießereien zwischen Cowboys eindämmen.

Hollywoodstar Clint Eastwood

Hollywoodstar Clint Eastwood

Foto: Victoria Will/ AP

Hollywood verklärte die Waffengewalt später zu Heldensagen. Waffenpolitik und Western-Klischee verschmolzen schnell miteinander: Die Filmgewehre von John Wayne und Clint Eastwood hängen in einem Museum der US-Waffenlobby NRA, Kinostar Charlton Heston, vormals ein Demokrat, leitete die NRA später jahrelang.

Film und Fernsehen fachten die US-Waffenfreude auch auf andere Weise an. "Rambo", die Lichtschwerter von "Star Wars", Thelma und Louise: Die Fiktion überhöhte Schusswaffen zu Werkzeugen des Guten. Umstritten ist, welchen Einfluss Waffengewalt in Kinofilmen oder auch die Brutalität von Videospielen auf die Täter der Massenschießereien hatten. Bei vielen Amokläufern der jüngeren Geschichte gibt es aber Hinweise darauf, dass sie von Ressentiments und Hass getrieben waren - und fast immer handelte es sich um weiße Männer.

Alte und neue Mythen

Die NRA beharrt darauf, dass sie für das Waffenrecht aller Amerikaner kämpft. Doch Kritiker werfen ihr vor, Waffen eigentlich nur in der Hand von Weißen sehen zu wollen: Man müsse nur alle Schwarzen bewaffnen - und prompt würde die NRA, wie schon in ihren Anfangsjahren, nach mehr Waffenkontrollen rufen, hieß es nach dem jüngsten Schulmassaker von Florida.

NRA-Chef Wayne LaPierre

NRA-Chef Wayne LaPierre

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

NRA-Chef Wayne LaPierre schürt als Reaktion auf die 17 Toten die alten Tyrannei-Ängste: Gott habe den Amerikanern Waffen "als unser Geburtsrecht" gegeben. Schuld an den Massakern seien die Demokraten, die Medien, das FBI und "europäische Sozialisten", die die USA von innen und außen angriffen. Diese Paranoia findet vor allem in den ärmsten US-Regionen Zuspruch, deren Arbeiter sich von der Tech-Revolution und der Politik im Stich gelassen fühlen. Die Waffe - wie das Bergwerk und der Getreidesilo ein Symbol des "guten, alten Amerikas" - wird plötzlich zum Symbol des Kampfes gegen progressive "Eliten", wie es LaPierre sagte. (Lesen Sie hier ein Porträt über den NRA-Chef.)

NRA-Chef LaPierre im Video: "Wir werden noch lauter"

SPIEGEL ONLINE

Von Freiheit zum Fetisch

Die Macht der NRA ist heute kulturell, finanziell und politisch. Unter dem Vorwand, Freiheiten zu pflegen, spendet sie Millionen an die Republikaner und sichert so den amerikanischen Waffenfetisch. Allein US-Präsident Donald Trump erhielt im jüngsten Wahlkampf mehr als 30 Millionen Dollar von der Waffenlobby.

Dank ihres Einflusses überstand die NRA ein vorübergehendes Verbot halbautomatischer Waffen ("assault rifles"), das der Kongress 1994 nach einer Reihe von Schießereien erlassen hatte. Als es 2004 auslief, mobilisierte die Gruppe ihre ganze Macht - mit Erfolg: Das Verbot wurde nicht verlängert, obwohl selbst die höchsten US-Gerichte geurteilt haben, dass der Besitz solcher Waffen nicht vom zweiten Verfassungszusatz geschützt ist.

Heute sind in den USA rund 300 Millionen Waffen im Umlauf. Geld allein erklärt das nicht. Die moderne NRA reitet auf der gleichen Welle, die auch Trump zum Erfolg trieb - eine Kombination aus Wut, Ignoranz und Rassismus. Waffen bleiben das einzige Konsumgut, das allein zum Zweck des Tötens produziert wird. Zwei Drittel der US-Amerikaner begrüßen inzwischen strengere, sensible Waffengesetze, die freilich von den politischen Machthabern weiter verhindert werden - noch jedenfalls.

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