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17. Oktober 2001, 18:32 Uhr

Usbekistan

Das amerikanische Phantom-Regiment

Von Lutz C. Kleveman, Karschi/Usbekistan

Militärexperten gehen davon aus, dass die USA einen Einsatz von Bodentruppen in Afghanistan vorbereiten. Im Nachbarland Usbekistan sind bereits amerikanische Truppen angekommen - möglicherweise, um von dort aus zu operieren. Die Regierung in Taschkent hält sich bedeckt.

Militäreinrichtungen in Usbekistan: Stützpunkte für amerikanische Truppeneinheiten
AP

Militäreinrichtungen in Usbekistan: Stützpunkte für amerikanische Truppeneinheiten

Wenn Makhmud Ishankulow nachts nicht schlafen kann, zählt er die Flugzeuge. "Jede Stunde landet oder startet eins von diesen Riesendingern, Tag und Nacht, manchmal sind es sogar zwei", flüstert der Busfahrer mit aufgeregter Stimme. Große, schwarze Maschinen seien es, die niemand je zuvor gesehen hat in Ishankulows Heimatstadt Karschi, einem ganz und gar unbemerkenswerten Kaff in der weiten, kargen Steppe Usbekistans, der seit 1991 unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik in Zentralasien.

"Seit einer Woche geht das schon so, und es werden immer mehr." Während Ishankulow spricht, donnert wieder eine amerikanische Hercules-Transportmaschine über ihn hinweg, am helllichten Tag, im Landeanflug auf die Airbase von Karschi, Chanabad. Zwei Wochen ist es her, da die usbekische Regierung den Vereinigten Staaten die Luftwaffen-Basis in Chanabad für den Kampf gegen den Terrorismus zur Verfügung gestellt hat. In den achtziger Jahren war sie einer der Hauptstützpunkte der Sowjet-Luftwaffe im Krieg gegen Afghanistan; das Nachbarland liegt gerade einmal 150 Kilometer südlich von hier.

Was die Flieger der US-Air-Force allerdings an Bord haben, ist das bestgehütete Geheimnis Zentralasiens. An detaillierten Gerüchten freilich mangelt es nicht, in den Bars der Hauptstadt Taschkent so wenig wie in den Teehäusern von Karschi. Tausende amerikanische Soldaten sollen es sein, so hört man, Elitetruppen, Spezialeinheiten in Kampfhubschraubern für eine Bodeninvasion Afghanistans. Auch von den geheimnisumwobenen britischen Spezial-Einheiten SAS ist die Rede.

Einmarsch über Usbekistan ?

Ein US-Flugzeug auf dem Weg zum Luftwaffenstützpunkt Chananabad
AP

Ein US-Flugzeug auf dem Weg zum Luftwaffenstützpunkt Chananabad

Je unwahrscheinlicher es wird, dass US-Truppen aus Pakistan, dem Land, in dem Tausende Taliban-Unterstützer mobil machen, nach Afghanistan einmarschieren, desto glaubhafter erscheinen Berichte von angriffsbereiten Bodentruppen in Usbekistan.

Das Problem ist nur, dass keiner der Gerüchteköche bislang auch nur einen einzigen amerikanischen GI gesehen hat. Die Wahrheit von Chanabad liegt nämlich hinter drei Ringen von Soldaten, die eine Zehn-Kilometer-Sperrzone um die Airbase gebildet haben und streng bewachen. Bis an die Zähne bewaffnete Spezialtruppen des usbekischen Innenministeriums blockieren alle Zufahrten zur Base, die zudem nicht einsichtbar in einer Senke liegt. Drei Reporter, die der Base tags zuvor zu nahe kamen, wurden kurzerhand verhaftet und abgeführt.

Neue Allianzen

Die Abwehr jeglicher Art von Neugier ist durchaus nachvollziehbar im Krieg der neuen Allianzen: Immerhin ist es das erste Mal, dass amerikanische Truppen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ihre Zelte aufschlagen. Russland, das die zentralasiatischen Republiken noch immer als seinen strategischen Hinterhof betrachtet, dürfte etliche Späher und Spione nach Usbekistan gesandt haben.

Die unschuldige Frage, ob denn wirklich kein Durchkommen drin sei, beantworten die finster dreinblickenden Wächter am äußersten Checkpoint daher entschieden humorlos: "Aussteigen! Ausweise her!" Was wir hier zu suchen hätten? "Amerikanische Soldaten." Der usbekische Offizier verzieht keine Miene: "Hier sind keine." Dass just in dem Moment wieder ein großes Flugzeug der US-Air Force aus der Senke hinter dem Wachposten aufsteigt, ändert nichts an der Entschiedenheit des Offiziers. "Dreht um und haut ab."

Diskretion der Gastgeber

Die Einzigen, die nach kurzer Kontrolle der Papiere weiterfahren dürfen, sind zwei Zivilisten mit nordamerikanischem Akzent. "Wir sind Subkontraktoren der US-Army", sagt einer der beiden. Wie es denn auf der Base so aussehe? "Können wir nicht drüber reden, sorry."

Glaubt man der Regierung des autokratischen Präsidenten Islam Karimow in Taschkent, so ist nicht ein einziger Amerikaner in Uniform auf usbekischem Boden. Das Recht auf "korrekte" Information wird allerdings nicht sehr ernst genommen in den Ministerien Karimows, einem ehemaligen Sowjet-Apparatschik. Alle Medien stehen unter strikter Regierungskontrolle. So verwundert es wenig, dass in usbekischen Tageszeitungen zu lesen ist, die Flugzeuge brächten lediglich Care-Pakete zum Abwurf über Afghanistan.

Blick über die Grenze nach Afghanistan: Berichten zufolge bereiten amerikanische Einheiten den Bodeneinsatz vor
AFP

Blick über die Grenze nach Afghanistan: Berichten zufolge bereiten amerikanische Einheiten den Bodeneinsatz vor

Washington dürfte über die Diskretion der usbekischen Gastgeber entzückt sein. Dennoch hat das Pentagon selbst bestätigt, dass 1000 Elite-Infanteristen der 10. Mountain-Division aus New York State nach Chanabad geschickt worden sind. Ein weiteres Kontingent von 1000 sei unterwegs.

Außerdem, so verlautet es aus Pentagon-Quellen, sollen Spezialeinheiten aus Fort Campbell in Kentucky und der MacDill Air Force Base in Florida hier eingetroffen sein. Offiziell heißt es, Ziel der Truppen sei es, über Afghanistan abgeschossenen Piloten zu Hilfe zu kommen und Care-Pakete für die notleidende Bevölkerung abzuwerfen.

Geheimnisvolles Chanabad

Die Einheimischen von Karschi wissen wenig darüber zu erzählen, wie es im geheimnisumwobenen Chanabad aussieht. "Schon seit Jahren darf niemand von hier mehr auf die Base", erzählt ein Anwohner. Das Verbot gelte, seit Brandstifter Anfang der neunziger Jahre die halbe Base niedergefackelt hätten.

"Nun gibt es dort keine Jobs mehr, nicht mal in der Küche oder zum Putzen. Machen die Militärs alles selber." Die wenigen usbekischen Zivilisten, die als Dolmetscher anheuern, dürfen die Base nicht verlassen.

Die einzigen Hinweise darauf, was die amerikanischen Truppen tatsächlich vorhaben könnten, findet man derzeit in der Luft. Tags zuvor seien zum ersten Mal Helikopter, möglicherweise Chinooks oder Blackhawks, über der Base aufgestiegen, berichten zwei Männer in einem Teehaus. "Die Piloten machen Testflüge", vermuten sie. Zu mehr als bloßen Spekulationen reicht es nicht.

Aus Sicht der usbekischen Regierung sind die Diskretion und die strengen Sicherheitsvorkehrungen um Chanabad begründet. Schließlich gibt es auch in Zentralasien radikalislamische Gruppen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 blutige Guerillakriege gegen die säkularen Regierungen Usbekistans und des benachbarten Tadschikistans führen, um Gottesstaaten zu errichten. Ihre Führer, die enge Kontakte mit den Taliban haben sollen, haben bewaffneten Widerstand gegen die amerikanische Präsenz angekündigt.

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