Islam Karimow Usbekistan wartet auf den Tod des Diktators

Usbekistan kennt nur einen Herrscher: Islam Karimow, 25 Jahre im Amt. Doch nun ist der Diktator schwer erkrankt, die eigentliche Thronfolgerin steht unter Hausarrest. Wie geht es weiter mit dem Land?

Getty Images

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es sind zwei dürre Sätze, die mehr als 30 Millionen Usbeken seit zwei Tagen in Atem halten. "Präsident Islam Karimow befindet sich in stationärer Behandlung. Nach Meinung der Spezialisten werden die genaue Untersuchung und die folgende Behandlung eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen", teilte die usbekische Regierung in einer Erklärung mit.

Allein die Tatsache, dass die Führung in Taschkent sich zum Gesundheitszustand des Staatschefs äußert, ist so bemerkenswert wie besorgniserregend. Denn Spekulationen über die Fitness des 78-Jährigen gehören zu den vielen Tabus für die Presse in Usbekistan.

Am Montag lieferte Lola Karimowa-Tilljajewa, die jüngere Tochter des Diktators, weitere Informationen: Via Instagram teilte die 38-Jährige mit, ihr Vater habe am Samstagmorgen eine Hirnblutung erlitten. Sein Zustand sei stabil, aber "zu diesem Zeitpunkt ist es zu früh, Vorhersagen zu seiner zukünftigen Gesundheit zu machen".

Donnerstag feiert Usbekistan 25 Jahre Unabhängigkeit

In der usbekischen Presse steht dazu kein Wort. Umso mehr machen Gerüchte die Runde. Selbst der Kreml sah sich schon zu einer Stellungnahme gezwungen: "Wir können nur sagen, dass sich Berichte über Karimows Tod bislang nicht bestätigt haben", sagte der Sprecher von Wladimir Putin.

Die schwere Krankheit des Präsidenten ereilt das Land kurz vor einem historischen Jubiläum. Am Donnerstag, dem 1. September, feiert Usbekistan seinen 25. Unabhängigkeitstag. In der Hauptstadt sind große Feierlichkeiten geplant, die Regierung hat kurzerhand auch den Freitag zum Feiertag erklärt.

In dem Vierteljahrhundert seit der Unabhängigkeit hat es in Usbekistan nie einen anderen Präsidenten gegeben als Karimow. Der Waisenjunge aus Samarkand war 1989 an die Spitze der KPdSU in der sowjetischen Teilrepublik geklettert und hatte nach dem gescheiterten Putsch gegen Sowjetchef Michail Gorbatschow im August 1991 die Unabhängigkeit Usbekistans aufgerufen.

"Systematische, ungezügelte Folter"

Seither regiert er das bevölkerungsreichste Land in Zentralasien mit harter Hand. Der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen stellte "institutionalisierte, systematische, ungezügelte" Folter im usbekischen Justizwesen fest. Der damalige britische Botschafter Craig Murray deckte 2002 auf, dass zwei Dissidenten bei lebendigem Leib in kochendes Wasser gesteckt und getötet wurden.

Karimow drangsaliert die Presse, ein Gesetz verbietet, dass Medien "abweichenden Meinungen" Platz bieten. Der gesamte Internetverkehr läuft über den staatlichen Anbieter UzPak, der kritische Webseiten filtert.

Obwohl Karimow den Vornamen Islam trägt, geht er mit großer Härte gegen Islamisten vor - und gegen all jene, die er dafür hält. Tausende Menschen wurden inhaftiert, weil ihnen das Regime Mitgliedschaft in islamistischen Vereinigungen vorhält. Doch darunter sind auch zahlreiche Menschenrechtsaktivisten, die sich für mehr Demokratie und gegen die Alleinherrschaft des Präsidenten starkgemacht hatten.

Trotz der Verbrechen wurde Karimow über Jahre vom Westen hofiert. Als Nachbarstaat von Afghanistan galt Usbekistan als wichtiger Partner im Kampf gegen den Terror. Von Februar 2002 bis Dezember 2015 unterhielt die Bundeswehr in der Stadt Termez einen Lufttransport-Stützpunkt. Dieser diente als Drehscheibe für die Versorgung des deutschen Kontingents im Afghanistankrieg. Pro Jahr überwies die Bundesregierung dafür geschätzt 20 Millionen Euro nach Taschkent.

Das Massaker von Andischan

Auch das größte Massaker seiner Amtszeit rechtfertigte Karimow mit dem Kampf gegen den Islamismus. Im Mai 2005 feuerten Sicherheitskräfte auf Tausende Demonstranten in der Stadt Andischan. Sie hatten die Freilassung von 23 Geschäftsleuten gefordert, die wegen Islamismusvorwürfen in Haft saßen. Bei der Niederschlagung der Proteste wurden nach offiziellen Angaben 187 Menschen getötet. Ein desertierter Funktionär des Inlandsgeheimdienstes SNB sprach von 1500 Toten.

Der SNB dürfte auch die Hauptrolle bei der Inthronisierung eines Nachfolgers für Karimow spielen. "In Usbekistan führt derzeit der Geheimdienst die Regie, und es sieht nach einem kontrollierten Machtwechsel aus", sagt Andrea Schmitz, Usbekistan-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

SNB-Chef Rustam Inojatow führt den Geheimdienst seit 1995. Er gilt bereits seit Jahren als graue Eminenz, die im Hintergrund für den alternden Staatschef die Strippen zieht. Es gibt nur ein Foto von ihm, das ihn bei einem Besuch in China zeigt.

Der Absturz der "Paris Hilton Usbekistans"

Inojatow gilt auch als derjenige, der für den tiefen Fall der einstigen Kronprinzessin Gulnara Karimowa verantwortlich ist. Die älteste Tochter des Diktators galt als designierte Thronfolgerin. Die "Paris Hilton Usbekistans" war das moderne, junge Gesicht des Landes, leitete mehrere Wohltätigkeitsorganisationen, sang im Duett mit Julio Iglesias und Gérard Depardieu, entwarf Schmuck für Chopard und präsentierte auf der New York Fashion Week eine eigene Modelinie. Außerdem war sie Botschafterin in Spanien und bei den Vereinten Nationen in Genf.

Doch seit 2013 entzweit eine beispiellose Familienfehde den Karimow-Clan. Zunächst zog Lola in einem BBC-Interview über ihre ältere Schwester Gulnara her: "Wir sprechen seit zwölf Jahren nicht mehr miteinander", ätzte sie. "Uns verbinden weder freundschaftliche noch verwandtschaftliche Beziehungen." Im Übrigen seien die Chancen der verhassten Gulnara auf das Präsidentenamt "nicht sehr hoch". Die Ältere warf der Jüngeren daraufhin via Instagram vor, der schwarzen Magie verfallen zu sein.

Wenig später verlor Gulnara nicht nur ihren Botschafterposten, auch ihre Bank und ihre Stiftung wurden wegen angeblicher Devisenvergehen geschlossen. Karimowa rächte sich mit wütenden Twitter-Attacken gegen die eigene Familie und Geheimdienstchef Inojatow, den sie für den Drahtzieher der Angriffe hält. Ihm wirft sie vor, Untergebene zu schlagen sowie für "Besäufnisse und Orgien" in seiner Behörde verantwortlich zu sein. Ihre jüngere Schwester Lola vergnüge sich "auf ihrer eigenen Jacht mit Koks". Und ihre Mutter, so behauptete Gulnara Karimowa, gebe sich dem Okkultismus hin.

Seit Februar 2014 steht die einst mächtigste Frau des Landes unter Hausarrest. Im September 2014 spielte sie der BBC Fotos und Tonbandaufnahmen zu. Darauf ist zu sehen, wie die Frau von Sicherheitskräften bedrängt wird. Gulnara selbst sagt, sie und ihre Tochter würden schlechter behandelt als Hunde und benötigten dringend medizinische Hilfe.

"Er hat kein Gehirn, aber eine Faust"

Nun gibt es keinen klaren Favoriten auf die Nachfolge des Präsidenten mehr. Derzeit werden in Taschkent zwei Namen hoch gehandelt: Der seit 2003 amtierende Premierminister Shawkat Mirsijajew und Finanzminister Rustam Asimow.

"Mirsijajew hat kein Gehirn aber eine Faust", heißt es in Taschkent über den Regierungschef. Einmal soll er persönlich einen Bauern verprügelt haben, der sich über harte Lebensbedingungen beklagt hatte. Menschenrechtler fürchten, der 58-Jährige könne noch autoritärer regieren als Karimow. Mehrere Indizien sprechen dafür, dass er die Macht übernimmt:

  • Beobachter weisen darauf hin, dass die von Mirsijajew angeführte Regierung bislang das einzige offizielle Statement zum Gesundheitszustand Karimows veröffentlicht hat.
  • Karimow hat in den vergangenen fünf Jahren mehrere Verfassungsänderungen durchgesetzt, mit denen die Rolle des Premiers zumindest auf dem Papier gestärkt wurde. Dies könnte ein Fingerzeig sein dafür, dass Mirsijajew sein Nachfolger werden soll.
  • Mirsijajew stammt aus dem Umland von Samarkand, der Heimat von Karimow.

Doch genau diese Tatsache könnte auch für Finanzminister Asimow sprechen. Denn dieser stammt aus Taschkent - genau wie Geheimdienstchef Inojatow, der möglicherweise einen Mann aus seiner Heimat an der Spitze des Landes installieren wird.

Einen ersten Fingerzeig könnte der Unabhängigkeitstag am Donnerstag bringen. Derjenige, der für den kranken Karimow die Rede an das Volk hält und die Militärparade abnimmt, darf als neuer starker Mann in Usbekistan gelten.


Zusammengefasst: Islam Karimow, Langzeitdiktator von Usbekistan, liegt mit Hirnblutungen im Krankenhaus. Lange galt seine älteste Tochter Gulnara als Favoritin, doch sie steht inzwischen unter Hausarrest. Nun gelten der Finanzminister und der Premierminister als Kandidaten. Menschenrechtler fürchten, der 58-Jährige Shawkat Mirsijajew könnte noch autoritärer regieren als Karimow.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.