Legendenbildung in Venezuela Heiliger Hugo

Eine pompöses Grab hat Venezuela seinem verstorbenen Staatschef Chávez gebaut. Wenige Monate nach seinem Tod hat er für viele im Land Heiligenstatus. Für den Nachfolger Maduro ist das ein Problem: Selbst die Opposition hält ihm vor, dass er nicht an seinen Vorgänger heranreicht.

SPIEGEL ONLINE

Aus Caracas berichtet Carlos Herrero


Lesbia Peña ist zum Grab ihres Comandante gepilgert. Die 52-Jährige ist extra aus dem westlichen Bundesstaat Zulia nach Caracas gereist. Die Grabstätte von Hugo Chávez liegt symbolträchtig in einer ehemaligen Militärakademie im Armenviertel 23 de Enero. Hier ruht er in einem steinernen Sarkophag, umgeben von Wasserbassins, bewacht von vier Soldaten in Paradeuniform. Drumherum hängen Bilder aus der Vergangenheit an den Wänden: Chávez als Kind, Chávez als Staatschef, Chávez mit Model Naomi Campbell, Chávez mit E-Gitarre. Es gibt eine Kapelle mit Fotos des betenden Präsidenten und in Stein gehauene Zitate - auch sein berühmtestes: "por ahora" - "nur vorläufig".

"Nur vorläufig" sei seine Mission gescheitert, hatte der damalige Oberstleutnant 1992 im Fernsehen erklärt, nachdem er bei einem missglückten Putschversuch festgenommen wurde. Der Auftritt machte Chávez schlagartig berühmt, knapp sieben Jahre später wurde er zum Präsidenten von Venezuela gewählt. 14 Jahre lang führte er das Land, im März starb Chávez.

"Seit diesem por ahora hatten wir Hoffnung", sagt Lesbia Peña. Vorher habe es so viel Elend gegeben, das Leben schien nur aus Krisen zu bestehen. Bei der Erinnerung an seine legendären Worte versagt ihr die Stimme, sie beginnt zu weinen.

Hugo Chávez, für weite Teile der Welt wahlweise Polit-Clown oder Quasidiktator, ist für Millionen von Venezolanern bis heute ein Held. Zwar stößt sein Umverteilungsprogramm zugunsten der Armen, gespeist aus den Erdöleinnahmen des Landes, längst an Grenzen. Die Lage der venezolanischen Wirtschaft ist miserabel, die Opposition im Aufwind. Doch vor allem für seine ärmeren Anhänger stand Chávez nie allein für materielle Verbesserungen, sondern immer auch für die Anerkennung als gleichwertige Bürger. "Er hat uns gezeigt, dass wir lebendig sind", sagt Carlos Serrano, der mit Frau und Tochter zum Grab gekommen ist. "Und in gewisser Weise ist er auch für uns gestorben."

Solche religiösen Untertöne sind keine Seltenheit. "Heiliger Hugo Chávez", steht unweit der Grabstätte an einer blaugestrichenen Hütte. Drinnen liegen Blumen vor einem Poster: Jesus mit Kreuz neben dem salutierenden Comandante. In der Innenstadt von Caracas hängen hundertfach Banner mit dem Bildnis von Chávez. Darauf steht: "Deinen Händen entspringt Regen des Lebens - wir lieben dich!"

Die Liebe zu Chávez ist ungebrochen

Auch wenn Chávez sich zu Lebzeiten als Sozialist des 21. Jahrhunderts bezeichnete, erinnert seine Verehrung an Revolutionäre der Vergangenheit. So wie Ché Guevara, mit dem Chávez auf Graffiti schon Seite an Seite gezeigt wird. In venezolanischen Devotionalienläden steht Chávez' Büste inmitten von Marienstatuen und gleich neben dem Bildnis des Befreiungshelden Simón Bolívar, seinem erklärten Vorbild.

All das müsste eigentlich eine Steilvorlage für Präsident Nicolás Maduro sein, dem von Chávez auserkorenen Nachfolger. Und tatsächlich versuchen die Chavisten alles, um das Ansehen ihres verstorbenen Helden auf Maduro zu übertragen. Dieser bezeichnet sich selbst als "Sohn von Chávez", obwohl er nur acht Jahre jünger ist. An Häuserwänden steht noch aus der Zeit des Wahlkampfs der Reim: "Chávez te lo juro mi voto es pa' Maduro" - Chávez ich schwöre dir, meine Stimme geht an Maduro.

Dieser Aufforderung ist laut dem von der Opposition angezweifelten Wahlergebnis allerdings nur eine äußerst knappe Mehrheit gefolgt. Und in den wenigen Wochen seiner bisherigen Amtszeit zeichnet sich bereits ab, dass Maduro den Chávez-Bonus verliert - zu offensichtlich sind die Unterschiede.

Sein Vorgänger sprach stundenlang aus dem Stehgreif, war emotional und selbst bei Ausfällen gegen seine Gegner unterhaltsam. Zwar lässt auch Maduro Herzen auf seine Plakate drucken. Doch unter seiner Führung hat sich der Tonfall der politischen Auseinandersetzung deutlich verschärft - im Parlament flogen sogar schon die Fäuste.

Fehlende Lebensmittel, steigende Inflation

Im Vergleich zu Chávez wirkt Maduro wie ein steifer Parteifunktionär, der nervös gegen andere keilt - von der "faschistischen" Opposition bis zum "unverschämten" spanischen Außenminister. Das macht es seinen Gegnern leicht, Maduro als eine Marionette von Kubas Staatschef Raúl Castro zu verspotten. "Was mache ich jetzt, Rául?", war am 1. Mai auf einem Plakat zu lesen, das eine Karikatur des Präsidenten als traurigen Esel zeigte.

Den Besuchern von Chavez' Grab fallen zu Maduro vor allem dessen treue Dienste für den Vorgänger ein. Außerdem sei der Ex-Busfahrer ein Vertreter der Arbeiterklasse. Doch so sehr Maduro seine Herkunft und den Kampf gegen die Bourgeoisie beschwört: Probleme wie fehlende Lebensmittel und die enorme Inflation erhöhen auch unter Chavisten die Unzufriedenheit. Laut aktuellen Daten des Instituts Ivad schätzt im Gegensatz zu früheren Umfragen eine knappe Mehrheit die Lage des Landes negativ ein.

"Maduro ist nicht Chávez"

Jeder Zweite macht dafür direkt die Regierung verantwortlich. Offenbar kann Maduro die Unzufriedenheit schwerer von seiner Person ablenken als der schon zu Lebzeiten über den Dingen schwebende Chávez. An vielen Stellen in Caracas kleben nun Aufkleber mit einer simplen Botschaft: "Maduro ist nicht Chávez" - selbst für Regierungsgegner wird Chávez offenbar zum Maßstab.

Umso bemühter ist man an der Grabstätte, dass Chavez' Glanz auf seine Parteigenossen fällt. Gleich am Eingang erhalten alle Besucher das Regierungsprogramm - verfasst noch von Chávez, der auf dem Deckblatt zusammen mit Maduro posiert. Wiederholt stimmen die Führer durch die Gedenkstätte den Ruf "Chávez vive" an, Chávez lebt - was an das auch in Lateinamerika verbreitete "Jesus lebt" erinnert. Die Besucher antworten sofort und aus voller Kehle: "La lucha sigue" - der Kampf geht weiter.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
emperor-of-mankind 19.05.2013
1. Ehre wem Ehre gebührt!
Ehre wem Ehre gebührt, auch wenn man es übertreiben kann! Der Kampf geht weiter!
Stelzi 19.05.2013
2. Einfältig...
... geht das Land zu Grunde.
johannes.kepler 19.05.2013
3. Was dieser Artikel nicht sagt und viele nicht wissen:
Die internationalen Erdölpreise waren und sind das Alpha und Omega der Popularität eines Präsidenten in Venezuela. Chávez hatte das unglaubliche Glück, dass der Erdölpreis pro Fass von $12 im Jahr 1998 bis $100 gestiegen ist. Kurz vor Chavez Wahl fing der Erdölpreis an, zu klettern. Chávez hat nicht so sehr "umverteilt" als dass er viel mehr zum Umverteilen hatte. Das können aber Millionen nicht differenzieren.
Joaquin Ballaguer 19.05.2013
4.
"Ehre wem Ehre gebührt" Ja, wenn denn Hugo Chavez was für dein Land getan hätte! Stattdessen hat er dies in ein Chaos und totale Polarisierung geführt und dies basiert / finanziert auf den noch reichen Ölreserven seines Landes! Eher "Schande wem Schande gebührt!"
adal_ 19.05.2013
5.
Zitat von emperor-of-mankindEhre wem Ehre gebührt, auch wenn man es übertreiben kann! Der Kampf geht weiter!
Ja, besonders der Kampf gegen "fehlende Lebensmittel und die enorme Inflation".
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