Krise in Venezuela "Wir haben Fähnchen, und die haben Gewehre"

Machthaber Maduro lässt die Hilfstransporte an der Grenze zu Venezuela mit Gewalt stoppen. In Cúcuta werden mehrere Demonstranten verletzt. Die Wut wächst.

Ein Demonstrant vor Sicherheitskräften
AFP

Ein Demonstrant vor Sicherheitskräften

Aus Cúcuta berichtet


Es ist kurz vor 13 Uhr, als am Grenzübergang Francisco de Paula Santander plötzlich Jubel aufbrandet. Auf der schmalen Fußgängerbrücke über den Grenzfluss Táchira nähern sich vier Lkw mit Hilfsgütern, an den Seiten und auf dem Dach hängen unzählige Freiwillige, sie jubeln, pfeifen und schwenken die venezolanische Flagge. Sie sind nur noch ein paar Meter von der Grenze entfernt.

Seit dem Morgen standen hier im Stadtteil Escobal in der kolumbianischen Stadt Cúcuta Dutzende Zivilisten Hunderten venezolanischen Sicherheitskräften am Grenzübergang gegenüber. Es war und ist ein Nervenkrieg. "Únanse", rufen die Menschen auf der kolumbianischen Seite. "Schließt euch an".

Angesicht zu Angesicht stehen sich die Venezolaner beider Seiten gegenüber, die einen betteln, bitten und fallen auf die Knie. Aber die Sicherheitskräfte stehen stramm, stoisch und stundenlang; trotzen dem psychischen Druck und der gleißenden Sonne in ihren Kampfmonturen mit Gasmasken und Schutzschilden. Nur zwei Polizistinnen halten dem Druck im Laufe des Vormittags nicht mehr stand und rennen unter Tränen auf die andere Seite der Grenze.

Aber einen Meter weichen die Sicherheitskräfte zurück, fast scheint es so zu sein, als wollten sie aufgeben. Aber als die ersehnten Laster um kurz vor ein Uhr vorfahren, ist ihre Geduld am Ende: Es fliegen Gummigeschosse und Tränengasbomben, die Demonstranten rennen in Panik zurück auf die kolumbianische Seite, Sanitäter der kolumbianischen Polizei ziehen mehrere Verletzte aus dem Gewühl. Einer ist am Kopf verletzt, ein anderer hat eine Wunde in der Brust. Ein dritter ist bewusstlos. Die Lkw und die Hilfsgüter bleiben erst einmal vor der Grenze stehen.

Analysten befürchten bewaffneten Konflikt mit Kolumbien

Vorerst also hält die Mauer des noch amtierenden Staatschefs Nicolás Maduro. Bis zum Nachmittag am Samstag hat kein Lkw mit den dringend benötigten Hilfsgütern die Grenze nach Venezuela passiert. Nicht in Cúcuta, nicht in Pacaraima in Brasilien. Auch die Hilfe auf der Insel Curaçao steckt fest.

Juan Guaidó, selbst ernannter Übergangspräsident, hatte diesen Tag zum "D-Day" erklärt, zu dem Tag, an dem die Hilfe ins Land kommen soll. "Sí o Sí" - ohne Wenn und Aber. Bisher aber hat er sein Versprechen nicht einlösen können.

Währenddessen feiert der autokratische Machthaber Maduro feixend im fernen Caracas vor Tausenden Anhängern und bricht demonstrativ die diplomatischen Beziehungen zur Regierung von Präsident Iván Duque in Bogotá ab.

Die "faschistische Regierung von Kolumbien" habe die von Guaidó initiierten ausländischen Hilfslieferungen nach Venezuela aktiv unterstützt, sagte Maduro bei der Kundgebung. Deshalb müssten alle diplomatischen Vertreter des Nachbarlandes Venezuela binnen 24 Stunden verlassen. Analysten wie Carlos Alberto Montaner fürchten nun, dass es zu einem bewaffneten Konflikt zwischen beiden Staaten kommen könnte.

"Wir müssen uns wehren"

Am Grenzübergang Francisco de Paula Santander in Cúcuta steigt die Wut der Venezolaner. Hunderte sind aus Barquisimeto, aus Maracaibo, aus Caracas, aus vielen Ecken Venezuelas gekommen, um die so dringend benötigten Nahrungsmittel und die Medikamente über die Grenze zu begleiten.

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Marlón Sánchez hat die Nase gestrichen voll: "So geht das nicht, wir müssen uns wehren. Wir haben Fähnchen, und die haben Gewehre. Das Problem lässt sich nur mit Blei lösen," sagt der 38-jährige Unternehmer aus der Stadt Colón, kurz hinter der kolumbianischen Grenze. "Wenn wir Maduro und seine Mafia jetzt nicht wegbekommen, dann bleiben die noch 40 Jahre."

Polizei setzt Lkw mit Hilfsgütern in Brand

Kurz danach gehen drei von vier Lkw mit Hilfsgütern auf der Grenzbrücke in Flammen auf. Wer genau gezündelt hat, ist unklar. Kolumbianische Polizisten und venezolanische Beobachter, die selbst nicht an den Ausschreitungen beteiligt waren, machten zunächst venezolanische Grenztruppen verantwortlich. Nachträgliche Recherchen lassen es hingegen als wahrscheinlicher erscheinen, dass Maduro-Gegner mindestens einen der Lastwagen selbst versehentlich in Brand gesetzt hatten. Unbestritten ist: Medikamente, Nahrungsmittel und Hygieneartikel im Wert von Tausenden Euro verbrennen.*

Nun erfüllen sich die düstersten Prognosen über diesen entscheidenden Tag, der politisch so aufgeladen ist. Die venezolanische Polizei, die Nationalgarde und die Armee schießen auf alles und jeden, der sich der Grenze mit einem Lkw zu sehr nähert.

Auch auf der venezolanischen Seite gehen die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen Menschen vor, die zur Grenze wollten, um die Hilfe in Empfang zu nehmen. Berichten zufolge werden die Sicherheitskräfte von den "Colectivos" unterstützt, den paramilitärischen Motorradgangs, die auf Seiten der Maduro-Regierung kämpfen. Augenzeugen berichten, sie hätten mit scharfer Munition auf Demonstranten geschossen.

Nach Angaben der kolumbianischen Einwanderungsbehörden desertieren an diesem Samstag mehr als 60 Mitglieder unterschiedlicher venezolanischer Einheiten. Zum Teil verlassen sie mit ihren Familien Venezuela. Guaidó beglückwünscht die Deserteure zur Wahl der "richtigen Seite der Geschichte". Er sichert ihnen Amnestie zu.

Unterdessen fragen sich schon erste politische Beobachter, was die Zukunft des 35-jährigen Hoffnungsträgers der Opposition ist. Guaidó, der am Freitag trotz eines gerichtlich verfügten Ausreiseverbots Venezuela verlassen hatte, riskiert bei einer Rückkehr nach Caracas die Festnahme. Guaidó sagte am Freitag in Cúcuta, er werde per Flugzeug nach Venezuela zurückkehren, und spielte darauf an, dass bis dahin Maduro durch die Nahrungsmittelhilfe und die desertierenden Truppen gestürzt sei. Danach sieht es im Moment nicht aus.


*Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes stand, Einheiten der venezolanischen Polizei hätten die Transporter mit Hilfsgütern in Brand gesetzt. Diese Darstellung beruhte auf Augenzeugenaussagen von mehreren kolumbianischen Polizisten und venezolanischen Helfern gegenüber unserem Korrespondenten. Mittlerweile legen Recherchen unter anderem der "New York Times" nahe, dass Maduro-Gegner mindestens einen der Lastwagen selbst versehentlich in Brand gesetzt hatten.



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