Maduro-Herausforderer Guaidó in Venezuela Aufstand gescheitert, Revolution geht weiter

Juan Guaidó rief zur Revolte auf - doch die meisten Soldaten sind ihm nicht gefolgt. Verloren hat die venezolanische Opposition deshalb aber noch lange nicht. Denn auch Autokrat Maduro schwächelt.

Juan Guaidó bei einem Aufmarsch am 1. Mai in Caracas
CRISTIAN HERNANDEZ/AFP

Juan Guaidó bei einem Aufmarsch am 1. Mai in Caracas

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Diese Ansprache hatte Juan Guaidós Anhängern Hoffnung gemacht. Umrahmt von abtrünnigen Soldaten und mit seinem politischen Mentor, Leopoldo López, an seiner Seite, rief der venezolanische Oppositionsführer am Dienstag im Morgengrauen die letzte Phase der "Operation Freiheit" aus. War das Ende des Regimes von Nicolás Maduro wirklich gekommen?

Nein, war es nicht. Guaidós Appell an die Streitkräfte, die Seiten zu wechseln, blieb weitestgehend ohne Erfolg. Maduro ist weiter im Amt, und im Kampf um die Macht in Venezuela herrscht wieder Patt. So geht das nunmehr seit Monaten: eine Lage, die Guaidó in Zugzwang bringt.

"Seine Hauptherausforderung ist die Zeitfrage", sagt Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Er muss Ergebnisse liefern, um seinen Status als Übergangspräsident zu legitimieren."

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Venezuela: Aufruf zur Revolte

Ein Rückschlag für Guaidó

Dass der Großteil der Streit- und Sicherheitskräfte seinem Aufruf nicht folgte, ist vor diesem Hintergrund ein Rückschlag für den Oppositionsführer. Denn auch gut drei Monate, nachdem er sich zum Interimspräsidenten erklärte, hängt der Ausgang des Machtkampfs in Venezuela ganz maßgebend von einer Frage ab: Was macht das Militär?

Die Lage in den Streitkräften ist komplex. Überläufer berichten von einer tiefen Unzufriedenheit mit dem Regime. Ein hocheffektives Spitzelsystem und die Angst vor Repressionen hielten viele Soldaten aber von der offenen Rebellion ab. Etwa zwei Dutzend der Militärs, die am Dienstag zu Gauidó übergelaufen waren, suchten Berichten zufolge noch am Abend Zuflucht in ausländischen Botschaften.

Die Armeespitzen halten Maduro - jedenfalls nach außen hin - die Treue. Verteidigungsminister Vladimir Padrino bekannte sich in den vergangenen Tagen mehrfach öffentlich zum Machthaber. Zuletzt zeigte er sich bei einer vom Staatsfernsehen übertragenen Militärparade an Maduros Seite. Die Botschaft des Autokraten: Seht her, die Soldaten halten nach wie vor zu mir.

Zuvor hatte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, John Bolton, behauptet, Padrino und andere wichtige Vertreter des Regimes hätten zu Gauidó überlaufen wollen. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sagte am Mittwoch vor Journalisten, dass sich nach Einschätzung seines Geheimdienstes eine Spaltung an der Spitze des venezolanischen Militärs abzeichne.

Nicalás Maduro und seine Frau Cilia Flores mit Unterstützern am 1. Mai
Juan BARRETO/AFP

Nicalás Maduro und seine Frau Cilia Flores mit Unterstützern am 1. Mai

Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, Guaidós Lager hätte mehrere Spitzenleute des Regimes bereits überzeugt gehabt, die Seiten zu wechseln. Am Montag hätte Maduro allerdings von diesen Plänen Wind bekommen. Dies habe Guaidó dazu veranlasst, einen Tag früher zur Revolte aufzurufen, was zum Scheitern des Plans beigetragen haben könnte.

Es ist schwierig zu beurteilen, wie viel davon stimmt und wie viel auf falsche Informationen, auf Bluffs und auf Wunschdenken seitens der venezolanischen Opposition und ihrer internationalen Unterstützer zurückzuführen ist.

Guaidó besinnt sich unterdessen auf einen weiteren Strang seiner Strategie: die Mobilisierung der Straße. Zehntausende folgten am Maifeiertag seinem Aufruf zu Demonstrationen. Allerding konnte er sein Versprechen, den "größten Marsch der Geschichte" anzuzetteln, nicht erfüllen.

Der selbst ernannte Interimspräsident rief zu gestaffelten Streiks auf, die in einem Generalstreik gipfeln sollen. Dass dies das Regime in die Knie zwingen wird, scheint fraglich. Nach jahrelanger Rezession sind viele Betriebe ohnehin fast zum Erliegen gekommen. Manche Beobachter befürchten vielmehr, dass schon bald eine Protestmüdigkeit in der Bevölkerung einsetzen könnte.

Im Video: Guaidó ruft zum Generalstreik auf

Auch wenn der jüngste Aufstand implodierte, sind Guaidó und die Opposition nicht am Ende. Denn auch Maduro scheint zu schwächeln. Manuel Ricardo Christopher Figuera, bis Dienstag noch Chef des gefürchteten Geheimdienstes Sebin, brach in einer öffentlichen Mitteilung mit dem Regime.

Nach Guaidós Aufruf dauerte es den ganzen Tag, ehe sich Maduro in der Öffentlichkeit zeigte. Auch unternahm er keinen Versuch, die Opposition permanent zu schwächen.

Wie verhalten sich Washington und Moskau?

"Ich bin nicht davon überzeugt, dass Maduro nachts gut schläft", sagte Benjamin Gedan, unter Barack Obama im Nationalen Sicherheitsrat für Venezuela zuständig, dem "Guardian". Es sei schwierig, eine Diktatur zu beseitigen, die das gesamte Territorium kontrolliere. "Aber Machtwechsel kommen oft unerwartet und unerwartet schnell."

Der Konflikt könnte sich aber auch deutlich länger hinziehen. Maduros internationale Unterstützer halten unverändert an ihm fest. Gleiches gilt für Guaidós Stützen im Ausland. Auch eine "militärische Aktion" in Venezuela sei möglich, sagte US-Außenminister Mike Pompeo zuletzt. Ein Schritt, vor dem sein russischer Amtskollege, Sergej Lawrow, ihn in einem Telefongespräch am Mittwoch gleichwohl warnte.

Der Herausforderer stellt sich derweil auf eine Fortsetzung des Machtkampfs ein. Er wisse nicht, wie viele Stunden, Tage oder Wochen es dauern werde, bis Maduro gestürzt sei, sagt Guaidó zuletzt vor Demonstranten. Es sei mit verstärkter Repression durch das Regime zu rechnen. "Schwere Tage liegen vor uns."



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