SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

23. Januar 2019, 22:02 Uhr

Revolte gegen Maduro in Venezuela

Riskanter Konter

Von , Rio de Janeiro

Mutig greift der junge Oppositionspolitiker Juan Guaidó nach der Macht in Venezuela. Eine Chance hat er nur, wenn ihn das Militär gewähren lässt. Und es drohen noch andere Gefahren.

Es ist ein spektakulärer Coup: Venezuelas Parlamentspräsident Juan Guaidó, ein junger, bis vor wenigen Wochen weitgehend unbekannter Nachwuchspolitiker, lässt sich während einer Massendemonstration in Caracas zum Interims-Staatschef einschwören und versetzt dem Amtsinhaber Nicolás Maduro damit den härtesten Konterschlag seit seinem Amtsantritt.

Ob Guaidós Chuzpe wirklich das Aus für Maduro bedeutet oder sich das Ganze zu einem Misserfolg entwickelt, wird sich in den kommenden Stunden oder Tagen entscheiden: Nur wenn das Militär sich auf seine Seite schlägt, hat er eine echte Chance, Maduro aus dem Amt zu vertreiben. Bislang kam es nur zu vereinzelten, sporadischen Rebellionen unterer Ränge, das Offizierskorps hielt zu Maduro. Und in der Nacht zu Donnerstag sah es so aus, als würde sich das Militär hinter Maduro stellen: Der Verteidigungsminister teilte mit, "die Soldaten des Vaterlandes" würden keinen Präsidenten akzeptieren, "der von dunklen Mächten eingesetzt wird, oder sich abseits des Rechts selbst einsetzt".

Die Generäle werden jetzt ihre Interessen abwägen: Nur wenn sie sicher sein können, dass sie straflos ausgehen und zumindest einen Teil ihrer Privilegien behalten, werden sie Maduro die Unterstützung entziehen. Bei diesen Erwägungen wird auch eine Rolle spielen, dass viele hohe Offiziere in Drogenhandel, Schmuggel und andere Verbrechen verwickelt sind. Maduro hält seine schützende Hand über sie, Guaidó wird ihnen das weder garantieren können noch wollen. Gegen mehrere Generäle wird in den USA ermittelt, die Wege ins Exil sind weitgehend verbaut.

Wenn die Streitkräfte glauben, dass ihre Interessen unter Maduro besser gewahrt werden, wäre das politische Kapital des Jungpolitikers Guaidó rasch aufgebraucht - und er könnte damit eine blutige Gegenreaktion der Regierung provozieren.

Trumps Motive

Guaidó hat mit Sicherheit nicht gehandelt, ohne sich vorher mit Washington abzustimmen, dafür spricht die umgehende Anerkennung seiner Präsidentschaft durch Donald Trump. Doch die USA haben in Lateinamerika oft auf der falschen Seite gestanden, Zweifel an ihren Motiven sind angebracht. Im Fall des rohstoffreichen Venezuelas geht es nicht nur um die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse: Dem Gewinner des Machtpokers und seinen Freunden winken Öl, Gold und seltene Erden als Belohnung.

Trumps warme Worte könnten sich für Guaidó daher im Nachhinein als Gift erweisen: Der Amerikaner erwartet für seine Geste eine Gegenleistung, deren Preis noch nicht bekannt ist. Wenn es Guaidó nicht schnell gelingt, der Bevölkerungsmehrheit glaubhaft wirtschaftliche Besserung in Aussicht zu stellen, dürfte er bald als Lakai Washingtons beschimpft werden.

Video: Massenproteste gegen Amtsinhaber Maduro

Möglich ist aber auch, dass Maduro jetzt auf seine Gegner zugehen wird und Zugeständnisse macht, etwa die Einberufung von Neuwahlen. Damit würde er die frisch geeinte Opposition spalten und Luft gewinnen, um seine Herrschaft zu konsolidieren. Dass er dieses Spiel beherrscht, hat er schon öfter bewiesen, sonst hätte er sich kaum so lange an der Macht gehalten.

Auch die internationale Gemeinschaft wäre gespalten, wenn Maduro Konzessionen verspricht: Europa und viele lateinamerikanische Länder drängen auf Dialog; Trump und seine Vasallen in Südamerika würden die Konfrontation verschärfen wollen.

Guaidó wirkt mit seinen 35 Jahren jung und unverbraucht, so hat er der zerstrittenen Opposition neues Leben eingehaucht. Wenn der Überraschungsmoment erst einmal verpufft ist, benötigt er immenses politisches Geschick, damit seine Aktion nicht ins Leere läuft. Es ist vollkommen offen, ob er dieser Herausforderung gewachsen ist.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung