Machtkampf in Venezuela Guaidó geht aufs Ganze

Auf die Generäle kommt es an - halten sie Venezuelas Präsident Maduro die Treue? Oder wechseln sie zu Herausforderer Guaidó? Läuft es schlecht, endet dessen "Operation Freiheit" in einem Blutbad.

Rafael Hernandez/ DPA

Von , Mexiko-Stadt


Wie viele Soldaten werden in den kommenden Stunden zum selbsternannten Interimspräsidenten und Oppositionsführer Juan Guaidó überlaufen? An dieser Frage wird sich entscheiden, ob das Regime von Präsident Nicolás Maduro zusammenbricht oder Guaidó mit seinem Versuch scheitert, den Machtwechsel in Venezuela zu erzwingen.

Die Antwort hängt auch davon ab, wie viele Venezolaner in den kommenden Stunden für Guaidó auf die Straßen gehen. Ohne überwältigenden Rückhalt im Volk werden sich die Militärs kaum gegen Maduro stellen.

Im besten Fall fegt Guaidós Vorstoß das Regime innerhalb weniger Stunden oder Tage hinweg. Im schlimmsten Fall gehen nicht so viele Venezolaner für Guaidó auf die Straße, wie von ihm erhofft, und nur ein Teil der Soldaten schlägt sich auf die Seite der Opposition. Dann könnte die "Operation Freiheit", wie Guaidó seinen Aufruf zum Volksaufstand nennt, in einem Blutbad enden. Beide Optionen scheinen möglich, das macht die Situation in Venezuela so explosiv.

Fotostrecke

5  Bilder
Venezuela: Aufruf zur Revolte

Was dem jungen Oppositionsführer hilft: Das Land ist wirtschaftlich ausgeblutet; es gibt keine Aussicht auf Besserung, so lange Maduro an der Macht ist. Guaidó wird von mehr als 50 Nationen als Interimspräsident anerkannt, mehrere internationale Organisationen sowie die großen Nachbarstaaten Kolumbien und Brasilien unterstützen ihn. Die Befreiung seines Mentors Leopoldo López, der unter Hausarrest stand, konnte nur mit Hilfe von Soldaten gelingen, die ihn bewachten.

Hinzu kommt, dass Guaidó einer neuen Generation von Oppositionspolitikern angehört. Er zählt nicht zur alten Oberschicht und beherrscht den Umgang mit Facebook und Twitter, seinen wichtigsten Waffen. Kein anderer Maduro-Gegner verkörpert die Träume und Hoffnungen der jungen Venezolaner so wie Guaidó, auch sein Vorbild Leopoldo López nicht.

Die Euphorie der ersten Tage des Aufstands ist weg

Guaidó steht aber auch unter Zugzwang: Mit jedem Tag wächst der Druck, eine Lösung des Konflikts zu erzwingen. Die Opposition und die US-Regierung, die ihn unterstützt, hatten sich verkalkuliert: Sie hofften, die Streitkräfte würden sofort zu Guaidó überlaufen und Maduro würde innerhalb weniger Tage abgesetzt. Seither sind über drei Monate vergangen, Maduro sitzt immer noch im Miraflores-Palast. Die Euphorie des Aufbruchs drohte zu verfliegen.

Jedem Aufstand wohnt eine innere Dynamik inne. Bislang hat Guaidó die Dramaturgie bestimmt, Maduro traute sich bislang nicht, Guaidó verhaften zu lassen. Offenbar ist er sich der enormen Beliebtheit seines Widersachers bewusst. Trotzdem gelang es ihm, seine Position zu festigen: Moskau und Peking unterstützen ihn, auch die Wirtschaftssanktionen konnten seine Macht bislang nicht erschüttern. Vor allem aber stand bislang die Spitze der Streitkräfte treu zu ihm.


Im Video: Regierung Maduro will "Verrätern" entgegentreten

Cristian Hernßndez/ Agencia EFE/ imago images

Sollte es Guaidó nicht gelingen, die Mehrheit der Soldaten auf seine Seite zu ziehen und sich die Pattsituation verlängern, wächst der Druck auf die internationale Gemeinschaft, in der Venezuelakrise aktiv zu werden. Auch das dürfte Guaidó in sein Kalkül einbezogen haben.

Es ist nicht klar, ob er seinen Vorstoß mit Washington abgesprochen hat, so wie seine Autoproklamation zum Interimspräsidenten. Trotz aller Drohgebärden hat die US-Regierung durchblicken lassen, dass sie zu einem militärischen Eingreifen nicht bereit ist.

Womöglich versucht Guaidó jetzt, eine Militärintervention zu erzwingen. Damit könnte er sich erneut verkalkulieren. US-Präsident Donald Trump scheint wenig gewillt, sich eineinhalb Jahre vor den Wahlen auf ein militärisches Abenteuer in Venezuela einzulassen.

Guaidó hat seine Anhänger vor Kurzem aufgerufen, sich auf der Plaza Altamira zu versammeln, einem traditionellen Aufmarschplatz der Opposition im Osten von Caracas, der von den Maduro-Gegnern beherrscht wird. Sie müssten "ihre Kapazitäten messen", die "illegale Amtsbesetzung" durch Maduro zu beenden. Auf den "Marsch auf Miraflores", wie der Präsidentenpalast heißt, scheint er vorerst zu verzichten. Das deutet daraufhin, dass sich der Showdown hinziehen dürfte.

Guaidó, Maduro und alle Beobachter auf der Welt werden in den nächsten Stunden und Tagen damit beschäftigt sein, blaue Bänder zu zählen: Die Soldaten, die zu Guaidó übergelaufen sind, haben sich solche Bänder umgebunden.

Sie sollen klar machen, auf welcher Seite sie stehen.

insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
World goes crazy 30.04.2019
1. Schwarzmalerei
Im schlimmsten Fall Blutbad, im besten Fall "Revolution"? Vermutlich wird das ganze einfach verpuffen. Die Militärs stehen weiterhin zu Maduro, da sie eh diejenigen sind die die wirkliche Macht haben. "Operation Freiheit / Freedom" kommt mir übrigens sehr bekannt vor der Name... und Freiheit hat der nicht wirklich gebracht. Man kann auf einen Schei*haufen auch ein Schild mit "Schokocreme" stecken, aber am Ende bleibt es immer noch ein Schei*haufen. Hoffentlich bleibt es friedlich und es verläuft im Sande, nicht dass wir wieder in ein paar Jahren erfahren, dass die US ihre Finger drinnen hatten und ein paar arme Venezoelaner dafür sterben mussten...
egonv 30.04.2019
2.
Wenn beide Seiten sich im Recht glauben und von ihrer Beliebtheit/Stärke überzeugt sind, wäre die logische Konsequenz Wahlen für das Präsidentenamt und das Parlament abzuhalten. Dies sollte unter internationaler Aufsicht erfolgen. Gemäßigte Politiker beider Lager sollten eine Übergangsregierung bilden. Das wäre vernünftig. Ich verstehe diese ganze Sache mit dem Militär nicht. Das Militär ist dazu da ein Land und sein Volk zu schützen.
rolandjulius 30.04.2019
3. Guaido ohne Chance
Sein Vorstoß ist bereits gescheitert. Hier gibt es nichts mehr zu berichten. Die Frage ist nur, wie lange er noch frei herumläuft.
LeonLanis 30.04.2019
4. Die Bilder
aus Caracas sprechen eine deutliche Sprache: Es gibt weder Massendemonstrationen für Guaido noch nennenswerte Unterstützung durch das Militär. Zu deutlich ist in den letzten Wochen geworden, dass Venezuela unter Guaido zu einem US-Protektorat werden würde. Dafür gibt es aber in Venezuela keine Mehrheit.
gokahe 30.04.2019
5. Ich wünsche mir?
Ich(hier Jens Glüsing) wünsche mir es mögen die Generale überlaufen, auf das ganz Südamerika eine trumpsche Demokratie nach Brasilien als das Vorbild. Ach Spieglein das Geld für Recherche scheint immer knapper zu werden. Dieser Beitrag konnte das hier https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/norwegen-fischer-finden-beluga-wal-mit-gopro-gurt-spionageverdacht-a-1265023.html (wenn auch nur ausgeschmückte Übernahme) nicht toppen aber die Richtung scheint eindeutig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.