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Maduros Kampf um die Macht in Venezuela Er ist noch da

Der neuerliche Aufstand in Venezuela ist vorerst in sich zusammengefallen. Herausforderer Guaidó scheint sich ebenso verkalkuliert zu haben wie seine Unterstützer in der US- und Bundesregierung. Machthaber Maduro ist weiterhin im Amt.
Von Klaus Ehringfeld, Jens Gluesing und Christoph Schult

Als es dunkel wurde an diesem Dienstag in Caracas, war noch immer nichts entschieden. Juan Guaidó und Nicolás Maduro, die Protagonisten dieses wahnwitzigen Kampfes um die Macht in Venezuela, bereiteten gerade ihre Reden an das Volk vor, als die Mehrheit der Bevölkerung noch versuchte zu verstehen, was in den vorherigen Stunden eigentlich passiert war.

Als es hell geworden war, erwachten die Venezolaner mit einer unerwarteten Nachricht. Guaidó und sein Mentor Leopoldo López standen seit 5.45 Uhr auf der Stadtautobahn Francisco Fajardo vor der Militärbasis La Carlota im Stadtzentrum von Caracas und riefen die Endphase der "Operation Freiheit" aus. "Der Sturz des Regimes ist nicht mehr aufzuhalten", versicherte der Oppositionsführer. "Wir erleben die ruhmreichsten Tage unserer Geschichte!"

Es folgten Stunden des Chaos, der Gewalt und der Scharmützel zwischen Sicherheitskräften und vor allem jungen Oppositionellen. Am Ende waren 69 Verletzte zu beklagen. Es waren die vielleicht gefährlichsten Stunden in der langen Geschichte des Konflikts um die Macht in dem südamerikanischen Land. Ein Bürgerkrieg, ein Kampf Militär gegen Militär, war zu befürchten. Aber anders als von Guaidó versprochen liefen keine weiteren Militärs zur Opposition über. "Sie sind ein paar Dutzend, wir haben 215.000 Soldaten und zwei Millionen Milizionäre", warnte Außenminister Jorge Arreaza die Opposition.

Maduro-Gegner bei Straßenschlacht am 30. April in Caracas

Maduro-Gegner bei Straßenschlacht am 30. April in Caracas

Foto: Fernando Llano/AP

Improvisiertes Video vom Herausforderer

Guaidó, der Mann, der sich im Januar unter Berufung auf die Verfassung zum Interimspräsidenten ausgerufen hatte, veröffentlichte kurz vor 19.30 Uhr ein Video über sein Instagram-Konto. Er saß vor einer weißen Wand, das frontal auf ihn gerichtete Kunstlicht warf tiefe Schatten auf sein Gesicht. Er trug einen dunklen Anzug, vor ihm auf dem Tisch stand eine Büste des Befreiers Simón Bolívar. Wo das Video aufgenommen wurde, war nicht klar, die Szenerie war improvisiert. Guaidós Aufenthaltsort wird geheim gehalten. Der Oppositionsführer redete hastig, wirkte ein bisschen fahrig. "Maduro hat weder die Unterstützung noch den Respekt der Streitkräfte und schon gar nicht den vom Volk", sagte er und rief die Bevölkerung dazu auf, am Mittwoch massiv auf die Straßen zu gehen. "Der Tyrann versteckt sich aus Angst hinter den vier Wänden des Präsidentenpalastes", behauptete der Oppositionsführer.

Wenn man dann den Auftritt Maduros anderthalb Stunden später sieht, bleiben ernsthafte Zweifel an Guaidós Behauptung. Pünktlich um 21 Uhr trat Nicolás Maduro live in allen Kanälen des Landes auf. Seit dem Morgen hatte er nichts von sich hören und sehen lassen, was zu allen möglichen Gerüchten Anlass gegeben hatte.

Maduro beschwichtigte: Eine "Oppositionsgruppe von Ultrarechten" habe mithilfe der "kolumbianischen Oligarchie" und dem "US-amerikanischen Imperialismus" einen Putschversuch angezettelt, der jedoch gescheitert sei. Er rief die Streitkräfte zu "absoluter Loyalität" auf und dementierte, dass er auf dem Sprung ins Exil nach Kuba gewesen sei, wie US-Außenminister Mike Pompeo behauptet hatte.

Maduro trug ein blaues Hemd, er sprach vor der venezolanischen Nationalflagge und wirkte selbstsicher und ruhig. Neben ihm standen Verteidigungsminister Vladimir Padrino und Diosdado Cabello, die Nummer zwei des Regimes. Mehrere hochrangige Militärs waren ebenfalls anwesend.

Er habe drei Sonderstaatsanwälte zur gerichtlichen Aufklärung des "Putschversuchs" eingesetzt, die Verantwortlichen sollten ins Gefängnis, sagte Maduro - eine klare Drohung in Richtung Guaidó.

Selbstsicherheit beim Autokraten

Wenn dieser Konflikt ein Boxkampf wäre, dann ginge diese Runde an den Staatschef. Auch nach mehr als drei Monaten der Selbstproklamation, der Unterstützung von 54 Staaten weltweit und harten Wirtschaftssanktionen der USA ist Guaidó noch immer auf der Straße, und Maduro sitzt noch immer im Miraflores-Palast. Das einst linke chavistische Regime, das seit mehr als 20 Jahren in Venezuela regiert, hat längeren Atem bewiesen, als ihm zugetraut wurde. "Hier werden wir bleiben, wir haben Nerven wie Stahl und üben maximale Umsicht", versicherte der Autokrat am Abend.

Dabei hatte der Tag für die Opposition euphorisch begonnen: Oppositionsführer Leopoldo López, der vor fünf Jahren verhaftet worden war und unter Hausarrest stand, hatte offenbar mithilfe seiner Bewacher sein Haus verlassen und sich Guaidó angeschlossen. Gemeinsam fuhren beide zum Militärflughafen La Carlota, wo sie ihre Anhänger zum Endkampf gegen Maduro aufriefen. Mehrere Soldaten begleiteten sie, sie waren offenbar zur Opposition übergelaufen.

Juan Guaidó mit Unterstützern am 30. April in Caracas

Juan Guaidó mit Unterstützern am 30. April in Caracas

Foto: Fernando Llano/AP

Die Entwicklungen in Venezuela überschatten die Lateinamerikareise von Außenminister Heiko Maas. Die Bundesregierung hat sich frühzeitig an die Seite von Guaidó gestellt und die Sanktionen gegen das Maduro-Regime unterstützt. Geholfen hat es bislang nichts. Als Maas am Montagmorgen in Brasilien landete und die Nachricht der Befreiung von Leopoldo López erhielt, keimte in der deutschen Delegation kurz Hoffnung auf, dass Maduro nun seinem politischen Ende entgegensehe. Doch als Maas später in Kolumbien, der zweiten Station seiner Reise, landete, machte sich angesichts des anhaltenden Patts im Venezuela-Konflikt Ernüchterung breit. "Es bleibt dabei, Juan Guaidó als Übergangspräsident zu unterstützen", sagte Maas.

Der deutsche Chefdiplomat wird sich am Mittwochmorgen kolumbianischer Zeit (Mittwochmittag in Deutschland) mit Vertrauten Guaidós treffen, die nach Bogotá geflohen sind und von hier aus ihre Aktivitäten koordinieren. Maas will vor allem wissen, wie die Regierung in Berlin der venezolanischen Opposition weiter helfen kann.

Das konkreteste, was Berlin derzeit leisten kann, ist den Menschen Hilfe anzubieten, die aus Venezuela fliehen. Kolumbien, wo geschätzte eineinhalb Millionen Migranten aus dem Nachbarland leben, hat die Bundesregierung um Hilfe bei der Registrierung der Flüchtlinge gebeten. Die Deutschen wollen dem gern nachkommen, sie haben spätestens seit der Flüchtlingskrise von 2015 entsprechende Erfahrung damit.

Ende des venezolanischen Frühlings?

Die Frage ist jetzt, wer verantwortlich dafür ist, dass Maduro den Umsturzversuch überstanden hat? Washington war schnell mit einer Erklärung zur Hand: Russland habe Maduro bewegt, zu bleiben, obwohl das Flugzeug ins kubanische Exil bereits bereitgestanden habe. Guaidó bestätigte, dass "ausländische Kräfte" die Ausreise Maduros verhindert hätten. Maduro und die russische Regierung dementierten.

Wahrscheinlicher ist, dass Guaidó und seine Helfer in Venezuela und Washington sich in der Einschätzung der politischen Lage dramatisch verkalkuliert haben. Es wäre nicht das erste Mal: Als Guaidó sich im Januar zum Präsidenten ausrief, blieb die erwartete Unterstützung im Militär aus. Auch das Versprechen einer Amnestie bewegte nur eine Handvoll Soldaten zum Seitenwechsel.

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Venezuela: Aufruf zur Revolte

Foto: Rafael Hernandez/ DPA

Einen Monat später scheiterte der Versuch, über die Lieferung humanitärer Hilfe einen Machtwechsel zu erzwingen. An den Grenzen zu Kolumbien und Brasilien kam es zu blutigen Scharmützeln mit Oppositionsanhängern, die Lastwagen mit den Hilfsgütern kamen nicht über die Grenze.

Das am Dienstag verkündete "Endspiel" um die Macht sollte eigentlich erst am 1. Mai beginnen. Wollte Guaidó mit dem Überraschungscoup seiner Verhaftung zuvorkommen? Oder hatten die Amerikaner ihm Mut gemacht? US-Sicherheitsberater John Bolton behauptete, hohe Mitglieder in Maduros Kabinett, darunter Verteidigungsminister Padrino, hätten ihm zugesichert, dass sie zu Guaidó überlaufen würden.

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Nichts davon ist bislang eingetreten - was nicht bedeutet, dass es nicht Bemühungen in dieser Hinsicht gegeben hat. Nur haben sie offensichtlich nicht zum Erfolg geführt.

Erlebt die Welt jetzt das Ende des venezolanischen Frühlings? Es wäre verfrüht, Guaidó für endgültig gescheitert zu erklären. Er verfügt über gewaltigen Rückhalt in der Bevölkerung, viele Soldaten sind zu ihm übergelaufen - nur waren es nicht genug. Wie die Stimmung in den Kasernen ist, lässt sich von Außenstehenden schwer beurteilen.

Fest steht: Venezuelas Krise wird nur mit internationaler Hilfe gelöst. So lange Washington und Moskau sich nicht über die Zukunft Maduros einig sind, hat ein Regimewechsel kaum eine Chance.