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23. Februar 2019, 17:54 Uhr

Krise in Venezuela

"Wir bringen Hilfe, stürzen die Diktatur und sind wieder frei"

Aus Cúcuta berichtet

An Venezuelas Grenzen sammeln sich Unterstützer von Interimspräsident Guaidó. Ihre Hoffnung: Mit den dringend benötigten Hilfsgütern soll auch der Machtwechsel kommen. Staatschef Maduro hält mit Gewalt dagegen.

Plötzlich ist er da, er springt auf die Bühne. Die Menschen auf der Tienditas-Brücke kreischen, zücken die Mobiltelefone. Aber Juan Guaidó greift nicht zum Mikrofon, er hebt nur den rechten Arm in die Höhe zum Gruß, neben ihm stehen wie Adjutanten Kolumbiens Präsident Iván Duque, Chiles Staatschef Sebastián Piñera und Paraguays Präsident Mario Abdo Benítez.

Es ist Freitag, später Nachmittag. Die Sonne dämmert über Cúcuta, das "Venezuela Aid Live" Konzert neigt sich nach sieben Stunden und mehr als einem Dutzend internationaler Künstler dem Ende. Aber irgendwie geht es jetzt erst richtig los in der kolumbianischen Grenzstadt, in der sich die Zukunft Venezuelas an diesem langen Wochenende entscheiden könnte.

Guaidós Auftritt gleicht einem Triumphzug: Seht her, ich habe es geschafft, hier bin ich - trotz gerichtlich verfügtem Ausreiseverbot. Venezuelas Oppositionsführer und selbst ernannter Staatschef ist nach 30 Stunden Fahrt und 900 Kilometern im Konvoi aus Caracas in Cúcuta angekommen. Später am Abend sagt er auf einer improvisierten Pressekonferenz: "Wir sind hier, weil auch die venezolanischen Streitkräfte dafür gesorgt haben, dass wir hier sein können."

Was Guaidó meint: Dass er in Cúcuta sein kann liegt nur daran, dass die Unterstützung für Nicolás Maduro und seine Regierung in Caracas im Militär immer weiter bröckelt. Und so wie Guaidó sein Land am Freitag ohne Probleme verlassen hat, will er am Samstag mit Essen, Medikamenten und Hygieneartikeln zurückkehren. "Die Hürden, die uns heute die Diktatur aufbaut, werden morgen schon ein Fluss des Friedens, der Einheit und ein Fluss von Menschen sein, die Leben retten wollen."

Hilfsgüter sind hochpolitisch

Den 23. Februar hat Guaidó zum entscheidenden Tag erklärt. Es ist ein Tag voller Symbolkraft. Es ist einen Monat her, dass er sich zum "Presidente encargado", zum beauftragten Staatschef ausgerufen hat. An diesem Tag will er die humanitäre Hilfe ins Land bringen, die an allen Grenzen lagert. 600 Tonnen in Kolumbien, 200 Tonnen in Brasilien, 250 Tonnen in Curaçao auf den niederländischen Antillen. Die Hilfsgüter sollen Leben retten, aber auch eine Regierung stürzen, die von vielen Ländern inzwischen nicht mehr anerkannt wird. Am Abend gibt es Meldungen, dass die ersten Hilfsgüter in Venezuela angekommen seien.

Schon früh am Samstagmorgen eskalierte die Situation auf der venezolanischen Seite der Grenze. Die Sicherheitskräfte gingen mit Tränengas gegen Menschen vor, die an der Demarkationslinie die Hilfsgüter in Empfang nehmen wollten. Protestierer warfen Steine auf die Sicherheitskräfte. Noch am späten Freitagabend hatte die Regierung in Caracas die vorübergehende Schließung der Grenze zu Kolumbien im Bundesstaat Táchira verfügt. Angeblich stehe eine schwere Aggression Kolumbiens und der USA bevor, twitterte Vize-Präsidentin Delcy Rodríguez.

Auf der anderen Seite der Grenze marschierten zeitgleich venezolanische Oppositionspolitiker auf die vier offiziellen Grenzposten zu, die das kolumbianische Departement Norte de Santander mit dem venezolanischen Bundesstaat Táchira verbindet. In ihrem Rücken Tausende Freiwillige, die Medikamente, medizinische Güter und Nahrungsmittel im wahrsten Sinne des Wortes über die Grenze tragen wollen. Hier Venezolaner mit Mützen in Nationalfarben und eingehüllt in die blau-gelb-rote Landesflagge. Dort Venezolaner in grünem Drillich und mit Waffen, die genau das verhindern wollen. Der Samstag soll nur der Auftakt eines langen humanitären Korridors sein, durch den die Menschen die so dringend benötigte Hilfe ins Land bringen wollen.

Während Maduro noch die Generäle an seiner Seite hat, hat Guaidó einen Großteil des Volks hinter sich. Exil-Venezolaner aus ganz Lateinamerika sind in den vergangenen Tagen nach Cúcuta gekommen. Aber auch aus Venezuela selbst, so wie Ernesto Araújo. Der 54-jährige Gemüsebauer hat sich aus Valera im Bundesstaat Trujillo mit Familie und Freunden nach Cúcuta aufgemacht.

"Wir bringen die Hilfe am Samstag rein, stürzen die Diktatur und sind wieder frei", sagt er. Wie Hunderte andere verbringt er die Nacht ungemütlich auf einem Acker nahe der Tienditas-Brücke in dem "Humanitären Camp", wo die Menschen eine Art Mahnwache halten und die ganze Nacht von Politikern animiert werden, die ihnen zurufen: "Morgen essen wir alle in Venezuela zu Mittag."

Araújo weiß nicht, ob das so schnell gehen wird: "Diese Diktatur ist eine Katze mit sieben Leben", sagt er. "Aber mindestens fünf haben sich schon verloren."

Es könnte sein, dass an diesem Samstag in Cúcuta die finale Auseinandersetzung um die Macht in Venezuela begonnen hat. Sie wird geführt mit Hilfsmitteln auf der einen und mit Waffen auf der anderen Seite. Das Regime von Maduro hat sich und sein darbendes Volk eingemauert. Die Häfen, der Luftraum sowie die Grenzübergänge zu Brasilien und den niederländischen Antillen sind gesperrt. Verteidigungsminister Vladimir Padrino drohte, dass seine Soldaten "jeden Versuch einer Verletzung der territorialen Integrität" Venezuelas verhindern werden.

Wie ernst er das meint, wurde am Vortag weit entfernt von Cúcuta, im Bundesstaat Bolívar im Süden Venezuelas an der Grenze zu Brasilien deutlich: Dort kamen zwei Menschen bei Auseinandersetzungen mit dem venezolanischen Militär ums Leben, mindestens ein Dutzend wurden verletzt. Sie hatten versucht, die Soldaten an der Abriegelung der Grenze zu Brasilien zu hindern.

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