Staatskrise in Venezuela Mindestens 90 Tote seit Protestbeginn

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro kämpft erbittert um die Macht: Seine ärgste Widersacherin, Chefanklägerin Ortega Diáz, meldete nun 90 Tote in drei Monaten und kritisiert mysteriöse Militärtribunale.

Demonstrant in Caracas: Mittelfinger für Maduros Polizei
REUTERS

Demonstrant in Caracas: Mittelfinger für Maduros Polizei


Im Westen Venezuelas ist ein junger Mann bei Protesten gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro gestorben. Er ist damit das 91. Todesopfer der seit einem Vierteljahr andauernden Aufstände in dem desaströs heruntergewirtschafteten südamerikanischen Land.

Die offizielle Zahl von 90 Toten in drei Monaten hatte am Dienstag Generalstaatsanwältin Luisa Ortega Diáz mitgeteilt. Wegen der Todesfälle, Verletzungen und Sachbeschädigungen werde inzwischen gegen 4658 Menschen ermittelt, so Ortega Diáz.

Venezuelas oberste Anklägerin kritisierte eine Einschränkung der Arbeit ihrer Behörde. Viele Fälle müssen an die Sonderjustiz des Militärs abgegeben werden, die Demonstranten in Schnellverfahren aburteilen will. Ortega Diáz bezeichnete diese Militärtribunale als "ein Mysterium". Die sozialistische Generalstaatsanwältin ist eine erklärte Gegnerin von Staatschefs Maduro und dessen diktatorischem Regierungsstil.

Die Proteste hatten sich Anfang April an der zeitweisen Entmachtung des von der konservativen Opposition dominierten Parlaments durch den Obersten Gerichtshof entzündet. Für eine Vielzahl der Opfer werden Sicherheitskräfte, vor allem die militarisierte Polizei (Guardia Nacional), verantwortlich gemacht.

Protest in Caracas: Nein zu Maduro, Nein zur Verfassungsänderung
AP

Protest in Caracas: Nein zu Maduro, Nein zur Verfassungsänderung

Der von Maduro-Getreuen dominierte Oberste Gerichtshof will in den kommenden fünf Tagen über die Absetzung von Ortega Diáz entscheiden, die Verfahren gegen die Chefs der Guardia Nacional und des Geheimdienstes (Sebin) eingeleitet hat. Die Generalstaatsanwältin wirft Maduro einen Bruch mit Prinzipien seines 2013 verstorbenen Vorgängers Hugo Chávez vor. Ihre Absetzung könnte die Lage endgültig eskalieren lassen, bis hin zu einem Bürgerkrieg. Auch im Lager der Sozialisten gibt es zunehmend Risse. Verteidigungsminister Vladimir Padrino bestreitet bislang Spaltungstendenzen im Militär.

Anzeichen für Brüche sind jedoch erkennbar: Ende Juni hatte ein Polizist, der sich Oscar Pérez nannte, einen Polizeihubschrauber gekapert und Granaten über dem Gebäude des Oberste Gerichtshofs abgeworfen. In einem Video rief er Polizei und Militär auf, sich gegen Maduro zu erheben. Die Regierung sprach von einem versuchten Putsch.

REUTERS/ Caraota Digital

Heute ist Venezuela ein Land negativer Superlative: Caracas ist eine der gefährlichsten Städte der Welt, das Land hat die höchste Inflation der Welt - aber auch die billigsten Benzinpreise. Auch wegen der milliardenschweren Subventionen für das Benzin - das mangels eigener Raffineriekapazitäten trotz riesiger Ölreserven zum Teil importiert werden muss - fehlen Devisen, um ausreichend Lebensmittel und Medikamente einzuführen. Die Kindersterblichkeit ist dramatisch gestiegen. Maduro hofft vor allem auf einen steigenden Ölpreis, um die dramatische Versorgungskrise zu überwinden.

cht/dpa/AFP

insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Weltbürger-EU 05.07.2017
1. Wir brauchen Öl
Und der Präsident war ohne Strategie, fiel in die Falle. Nun wird es weiter eskalieren bis "einige" für Ordnung sorgen, und am Ende werden die Ölfelder angezapft. Siehe Iraq; 10.000 us Soldaten, 1.500.000 Iraker (viele Kinder, Frauen, Ältere, Spruch ZIVILISTEN) sind dafür gestorben. Dann konnte man eilig etwas Öl pumpen, Waffenlager aussortiert, ups, verteuert, und da neues nötig war viel nachbestellt werden. Bis irgendwann die selbstfinanzierten Terroristen (keine Moslems. Das hat einen anderen Grund warum man von islamistischen Terroristen spricht) mehr Geld wollten und die Ölfelder in eigene Hand genommen haben.... Hatte ja gutes. So kann man mehr Waffen verkaufen. Krieg macht reich. PS Die meisten Soldaten die ihr Leben verloren haben, wurden mit dem Traum "ein besseres Leben für die Familie in USA" gefördert.
Red_Indian 05.07.2017
2. Der "Westen"
ist schuld, oder? Der ist doch immer überall schuld, oder doch zumindestens allein ursächlich. Und wenn dann noch Öl im Spiel ist, dann sind's die Amis. Schön, wenn man ein zwei-pixeliges Weltbild hat, dann ist immer alles klar und man kann alles einordnen.
muenchenerfreiheit 06.07.2017
3. Red_Indien kann ich nur zustimmen
Selbstverständlich ist der Verbrecher aus Westen schuld dran. Es ist doch nicht neu, dass der Westen unbeliebter Hugo Chávez los werden wollte, sowie Mahmud Ahmadinedschad aus Iran oder zuletzt 2 Mal versucht hat und kein Erfolgt gehabt hat Erdogan loszuwerden. Vor paar Jahren hat der Westen versucht Morales loszuwerden wie jetzt Nicolás Maduro los werden will. Man darf auch nicht vergessen, dass der Mursi aus Ägypten von Westen geputscht wurde nicht von ägyptischen Faschisten. Die Amerikaner haben auch den Ministerpräsident Olaf Palme und italienischen Ministerpräsident Aldo Moro ermordet. Das ist der wilde Westen. Da regieren nur die kriminelle. Daher kann ich Red_Indien nur recht geben. Es ist beschämend für angeblich demokratischer Westen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.