Venezuela nach dem Gegenputsch Für die Bürger ist Chávez das "kleinere Übel"

Überraschend schnell kehrte Venezuelas Präsident Hugo Chávez in den Präsidentenpalast zurück. Die Mehrheit der Bevölkerung will lieber einen charismatischen Führer als die Rückkehr des konservativen Establishments, meinen politische Analysten gegenüber SPIEGEL ONLINE.
Von Süleyman Artiisik

Berlin - Es dauerte nur zwei Tage, bis sich das Blatt zu Gunsten des gestürzten venezolanischen Präsidenten Chávez wendete. Eine "Konterkonterrevolution", wie Chávez es nannte, hatte ihn wieder in den Regierungspalast Miraflores der Hauptstadt Caracas zurückgebracht. Es waren Massen von Chávez-Anhängern, die den Gegenputsch herbeiführten und den Präsidenten der Interimsregierung, Pedro Carmona zum Rücktritt zwangen.

Mit Hilfe der Streitkräftechefs und nach blutigen Massenprotesten hatte der Vorsitzende des Unternehmerverbandes, Carmona, den Staatspräsidenten Chávez am vergangenen Freitag gestürzt. Bei den Protesten kamen mehrere Menschen ums Leben. Wer für ihren Tod verantwortlich ist, bleibt umstritten. Anhänger des Präsidenten behaupten, korrupte Stadtpolizisten in Zivil und Chávez-Gegner hätten auf die Menschenmenge geschossen. "Es bedurfte optisch der Toten, um die demokratisch gewählte Regierung durch das Militär zum Rücktritt zu zwingen und es so aussehen zu lassen, als würde Chávez die Protestierenden blutig unterdrücken", sagt Dieter Schneider, Venezuela-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, der sich derzeit in der Hauptstadt Caracas befindet. Solche Mittel seien altbewährt auf dem lateinamerikanischen Kontinent, um die Stimmung auf Massenkundgebungen zu kippen. Die tödlichen Ereignisse vom Freitag sollen jedoch untersucht werden - durch eine Kommission der linksnationalistischen Regierung.

Chávez' Widersacher Carmona wird derzeit in einer Kaserne festgehalten. Er soll wegen des Putschversuches vor Gericht gestellt werden. Der 60-Jährige hatte am Freitag als erste Amtshandlung das Parlament und den Obersten Gerichtshof aufgelöst. Er tauschte ranghohe Funktionsträger aus und kündigte Neuwahlen an. Das venezolanische Militär stellte sich zunächst hinter Carmona, verlangte aber schließlich die Einhaltung der Verfassungsbestimmungen und drängte auf die Wiedereinsetzung des gewählten Parlaments.

"Die venezolanische Bevölkerung glaubte zunächst an einen klassischen Machtwechsel, doch mit den schnellen Entscheidungen von Carmona wurde ihnen bewusst, dass es sich hier um einen tückischen Staatsstreich handelt", erklärt Schneider den plötzlichen Stimmungswechsel in weiten Teilen der Bevölkerung.

Nach seiner Rückkehr in seinen Amtssitz sagte Chávez in seiner ersten Ansprache an die Nation: "Das Volk ist in diesen Palast gekommen, um ihn nie wieder zu verlassen." Putschisten hätten in Venezuela eine "Tyrannei der Oligarchie" errichten wollen. Er sei sich sicher gewesen, an die Macht zurückzukehren, behauptete der Ex-Fallschirmjäger. Aber "niemals hätte ich mir vorstellen können, dass dies so schnell sein würde".

Die Mehrheit der venezolanischen Bevölkerung sehe "in dem alten Präsidenten Chávez das kleinere Übel", sagt Wolf Grabendorf, Lateinamerika-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Nach Meinung Grabendorfs vertraut die Bevölkerung eher einem charismatischen Führer wie Chávez als einer neuen Partei oder Führung. Für viele sei der redegewandte Commandante die letzte Hoffnung. Vor allem die ärmeren Schichten, die rund 80 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachten, seien durch Versprechungen leichter zu beeinflussen als die Wohlhabenderen, glaubt Grabendorf.

Chávez hatte sich in seinen Wahlkämpfen stets als "Retter der Armen" bezeichnet. Popularität brachten ihm seine Gesetze zur Beschränkung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes sowie zu Fischereirechten und der Nutzung von Küsten- und Flussläufen.

Wussten die US-Amerikaner von dem Putsch?

Die US-Regierung hatte die venezolanische Führung am Sonntagabend aufgerufen, die Ordnung im Lande aufrechtzuerhalten und die Bedingungen für eine völlige Rückkehr zur Demokratie zu schaffen. Die nationale Sicherheitsberaterin des US-Präsidenten, Condoleezza Rice, forderte Chávez auf, als Konsequenz aus seinem vorübergehenden Sturz seine Politik zu korrigieren, "die sich, offen gesagt, seit geraumer Zeit in die falsche Richtung bewegt hat".

Unterdessen berichtet das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek", dass die US-Botschaft in Venezuela bereits vor zwei Monaten über den geplanten Putsch gegen Präsident Hugo Chávez informiert worden sei. Venezolanische Militärs hätten Ende Februar Kontakt mit der US-Vertretung aufgenommen, berichtete "Newsweek" unter Berufung auf US-Regierungskreise. Die US-Diplomaten hätten den Offizieren gesagt, ein Staatsstreich sei "nicht akzeptabel" und "nicht der richtige Weg".

Für den Wissenschaftler Grabendorf wäre eine Verstrickung der USA in den Putsch nicht weiter verwunderlich. "Die Amerikaner suchen seit langem nach einem Weg, um Chávez loszuwerden", sagt er. Dabei gehe es nicht vordergründig um die Person Chávez, sondern vielmehr um das Öl-Interesse der Amerikaner. Die USA sei der größte Handelspartner Venezuelas. Seit Chávez vor drei Jahren das Amt des Präsidenten übernommen habe, gehe der Öl-Export zurück, analysiert Grabendorf.

Für den Lateinamerika-Experten Schneider gibt es im Augenblick nur eine einzige Institution, die das Durcheinander in Venezuela im Zaum halten kann - das Militär. Einzig die Generäle könnten Venezuela, die älteste Demokratie Lateinamerikas, Stabilität und Ruhe bis zur den nächsten Wahlen 2004 garantieren. Doch, so gibt Schneider zu bedenken, auch das Offizierkorps sei gespalten - wie die vergangenen Tage gezeigt hätten.

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