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21. Mai 2018, 16:06 Uhr

Venezuela

Maduros teurer Sieg

Von , Rio de Janeiro

Der Hungerrepublik Venezuela drohen durch den Wahlsieg von Nicolás Maduro neue Sanktionen aus Europa und den USA. Ein langes Leiden beginnt - in einem der einst reichsten Länder Lateinamerikas.

Bei den Präsidentschaftswahlen in Venezuela ist es gekommen wie erwartet: Präsident Nicolás Maduro wurde wiedergewählt, weil die Venezolaner mit dem Bauch abgestimmt haben oder gar nicht erst an der Urne erschienen sind.

Gleich neben den Wahllokalen hatte die Regierung Anlaufstellen eingerichtet. Dort konnten die Wähler neue Ausweise registrieren, die sie für den Bezug von Lebensmittelpaketen und anderen Zuschüssen der Regierung berechtigen. Wer nicht Maduro wählt, der bekommt kein Essen - so einfach und brutal funktioniert die politische Kontrolle unter dem Regime des Nachfolgers von Hugo Chávez.

Jene Oppositionsführer, die zum Boykott der Wahl aufgerufen hatten, verbuchten jedoch auch einen Sieg: Eine Stunde vor Schließung der Wahllokale hatten laut Schätzungen der Nachrichtenagentur Reuters nur knapp über 30 Prozent der Wähler ihre Stimme abgegeben. Offiziell liegt die Enthaltung bei 46 Prozent, doch das ist nicht glaubwürdig: Die Oberste Wahlbehörde wird von der Regierung kontrolliert. Unabhängige Journalisten waren in vielen Wahllokalen nicht zugelassen; Passanten filmten die leeren Säle mit ihren Handys.

Allerdings ist es fraglich, ob sich die hohe Enthaltung langfristig für die Opposition auszahlen wird. Sie hatte schon einmal, unter Maduros Vorgänger Chávez, zum Wahlboykott aufgerufen. Das hatte zur Folge, dass die regierenden Chávez-Anhänger das Parlament und alle Institutionen komplett unter ihre Kontrolle bekamen.

Jetzt droht Venezuela ein politisches System wie Kuba: Maduro will mit Hilfe einer Verfassungsgebenden Versammlung, die er im vergangenen Jahr einberief, ein Wahlverfahren einführen, in dem die Kandidaten von der Regierung handverlesen werden. Freie Wahlen dürften dann endgültig der Vergangenheit angehören.

Maduro hat damit sein Ziel erreicht: Er ist aus dem Schatten seines Vorgängers getreten und hat all jene Lügen gestraft, die in dem ehemaligen Busfahrer nur eine Marionette sahen, die früher oder später gegen eine andere Puppe ausgetauscht würde.

Doch sein Sieg wird ihn teuer zu stehen kommen: Die USA und Europa werden ihre Sanktionen gegen das Regime voraussichtlich verschärfen. Washington wird womöglich jetzt einen Ölboykott gegen Venezuela verhängen - bislang treffen die Sanktionen nur individuelle Repräsentanten des Regimes.

Auch der Druck auf die lateinamerikanischen Länder wird wachsen, gegen die Diktatur in ihrer Mitte vorzugehen. Nach Maduros Sieg ist es wahrscheinlich, dass noch mehr Venezolaner aus der Hungerrepublik fliehen werden. Wenn Washington kein Öl aus Venezuela mehr kauft, trifft das die gesamte Bevölkerung - die Regierung hat dann noch weniger Geld für Lebensmittelimporte. Hunger und Elend würden dramatisch zunehmen. Das können nur Zyniker wollen.

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Zudem ist es unwahrscheinlich, dass Sanktionen und Flüchtlingsströme allein einen Regimewechsel erzwingen. Die radikaleren Anführer der Opposition hoffen daher auf eine Intervention von außen. Diese Option entspricht allerdings Wunschdenken: Washington ist mit anderen Brennpunkten auf der Welt beschäftigt; alle lateinamerikanischen Länder lehnen eine militärische Intervention ab. Ein Alleingang Washingtons ist selbst unter Trump unwahrscheinlich.

Die Opposition hofft daher auf das venezolanische Militär und ruft die Streitkräfte zum Putsch auf. Viele Generäle profitieren jedoch von dem Regime. Sie sind in Drogenhandel, Schmuggel oder andere illegale Aktivitäten verwickelt. Sie haben ihr Schicksal an das Maduros geknüpft.

Ein Aufstand müsste daher von den mittleren und unteren Rängen ausgehen, die ebenso unter Hunger und Elend leiden wie der Rest der Bevölkerung. Viele Soldaten ziehen es jedoch vor zu desertieren, Hunderte haben sich ins Ausland abgesetzt.

Es ist daher am wahrscheinlichsten, dass das Regime irgendwann von allein zusammenbricht. Das könnte allerdings weitaus länger dauern als von der Opposition erhofft. Russland und China stützen Maduro, zudem hilft ihm der Strom der Flüchtlinge: Die Unzufriedenen gehen; zurück bleiben Alte, Schwache - und der harte Kern seiner Anhänger.

Über Monate oder sogar Jahre wird die Welt dem langsamen Sterben einer Nation zusehen, die einmal als eines der reichsten Länder Lateinamerikas galt.

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