Venezuela Maduro bricht Interview ab - und hält Reporter im Präsidentenpalast fest

Jorge Ramos wird wie ein Popstar verehrt, der Journalist ist für seine kritischen Fragen bekannt. Die stellte er nun auch Venezuelas Machthaber - der eskalierte und verwies den Reporter nach einem Eklat des Landes.

Jorge Ramos
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Jorge Ramos

Aus Bogotá berichtet


Jorge Ramos ist Typ Marathonläufer. Schlank, asketisch und vor allem ausdauernd. Eine Eigenschaft, die ihn auch als Journalisten kennzeichnet. Seit mehr als 30 Jahren moderiert der in Mexiko geborene Ramos in den USA höchst erfolgreich allabendlich auf dem spanischsprachigen Kanal Univision aus Miami das Nachrichtenmagazin "Noticiero Univisión".

In den USA und in Lateinamerika wird er wie ein Popstar verehrt. Vor allem, weil er sich als Stimme der Einwanderer und Unterlegenen versteht. Aber auch, weil er in den Interviews mit Präsidenten und anderen hochrangigen Personen keine gefälligen, sondern vor allem unangenehme Fragen stellt. Das macht er bei Donald Trump ebenso wie bei Nicolás Maduro. Dafür wird der 60-Jährige gefürchtet und respektiert.

Ramos (l.) und Trump (2015)
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Ramos (l.) und Trump (2015)

Nur bis Caracas scheint sich sein Ruf noch nicht herumgesprochen zu haben. Sonst hätte Venezuelas Staatschef gewusst, dass ihn Ramos am Montag bei einem Interview im Präsidentenpalast Miraflores mit unschönen Details aus der Realität seines Landes konfrontieren würde.

Ein Gespräch endet im Desaster

Gewöhnlich gibt der Machthaber nur wenigen und nur linientreuen Medien Interviews. Aber in den vergangenen Wochen hat Maduro überraschend viele Journalisten empfangen. Reporter der britischen BBC, des US-Senders ABC, von Euronews und der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti. Allein das zeigt, wie groß das Bedürfnis bei ihm ist, seine Version der Krise in Venezuela wiederzugeben.

Aber das Gespräch mit Jorge Ramos endete im totalen Desaster - und mit einem Rausschmiss erster Klasse für den TV-Journalisten und sein fünfköpfiges Team. Maduro ließ die Journalisten zwei Stunden im Palast festsetzen, das gedrehte Material konfiszieren, die Kameras einbehalten und die Ausweisung des Teams aus Venezuela für den nächsten Tag anordnen. Der Vorfall offenbart, wie dünn offenbar die Nerven des Autokraten inzwischen sind: "Maduro und sein Gefolge leben in einer Blase und bekommen von der Realität um sie herum nichts mit", glaubt Ramos.

Vom Informationsminister Jorge Rodríguez persönlich bekam Ramos rasch die Zusage für ein Interview mit dem Machthaber. Als es dann losging, war es auch schon fast wieder vorbei, obwohl Maduro nach Ramos' Worten mit dem Reporter eigentlich habe "debattieren" wollen. Nach 17 Minuten stand Maduro jedoch erzürnt auf und verließ den Raum.

Was war passiert?

So verlief das Interview

Ramos eröffnete das Interview mit der Frage, wie er Maduro nennen solle angesichts der Tatsache, dass Millionen Venezolaner ihn nicht als ihren gewählten Präsidenten betrachten, dass viele ihn Diktator nennen und sein Gegenspieler Juan Guaidó ihn als "Usurpator", als "Thronräuber" tituliert. Daraufhin hielt Maduro die venezolanische Verfassung hoch und beharrte, er sei der verfassungsmäßige Präsident.

Aber Ramos legte nach: Was Maduro zu den Vorwürfen sage, es gebe mehr als 900 politische Gefangene im Land, was er von der Anschuldigung eines Ex-Geheimdienstchefs halte, Maduro trage die Verantwortung für "Hunderte Tote"? Der Staatschef konterte: "Wenn Sie Venezolaner wären, könnte man Sie für die Behauptung vor Gericht stellen." Mit jeder Frage sei der 56-Jährige mürrischer geworden, sagte Ramos später.

Als der Reporter dem Präsidenten ein in Caracas selbst gedrehtes gut zweiminütiges Video zeigte, auf dem Jugendliche und junge Männer aus einem Müllwagen Essensreste klauben und sich über den Präsidenten beschweren, "der nichts taugt und weg muss", platzt Maduro der Kragen. Er steht auf, deckt laut Ramos dessen iPad mit der Hand zu und verlässt den Raum. Ramos ruft Maduro noch nach, dass er keine Frage beantwortet habe. "Was Sie machen, ist der Stil eines Diktators und nicht der eines Demokraten."

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Anschließend taucht Informationsminister Rodríguez auf, beschwert sich über diese "aus Washington gesteuerte Inszenierung" und verweigert die Autorisierung des Interviews. Er lässt die Kameras konfiszieren und will auch die Mobiltelefone von Ramos und dessen Produzentin einsammeln. Als diese sich weigern, werden sie in einen dunklen Raum gesperrt, später nehmen ihnen Sicherheitsleute vorübergehend doch Telefone, Rucksäcke und persönliche Gegenstände ab.

Erst nach zwei Stunden kann das Team den Präsidentenpalast verlassen - ohne Kamera und das gedrehte Material von 17 Minuten. Sie fahren ins Hotel, werden dort von der politischen Polizei Sebin bewacht und müssen am frühen Dienstagmorgen den ersten Flug nach Miami nehmen.

Zurück in den USA sagte Ramos, er hatte den Eindruck, dass Maduro durch die Vorgänge am Wochenende an den venezolanischen Grenzen "gestärkt und ermutigt" gewesen sei. Dass es der Opposition nicht gelang, die Hilfsgüter ins Land zu bringen, sah er demnach als Erfolg an. "Aber er bekommt offenbar nicht mit, dass sich draußen außerhalb des Präsidentenpalastes Tausende von ihm abwenden, die jahrelang den Chavismus unterstützt haben, so wie die beiden jungen Männer auf dem Video."

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Der Reporter bezeichnete den Vorfall als einen "Akt der Repression". Wenn man als Reporter den Mächtigen keine unangenehmen Fragen stellen könne, sei es kein Journalismus. "Es ist unsere vordringlichste Aufgabe, Machthaber und Präsidenten zu hinterfragen. Wenn Maduro das mit uns macht, wie geht er dann erst mit venezolanischen Journalisten um?"

Wie viel der Präsident von der Pressefreiheit hält, konnte man auch zwischen Ende Januar und Anfang Februar sehen. In nur wenigen Tagen ließ er sieben Reporter und Fotografen festnehmen oder deportieren, die zum Teil ohne Journalistenvisum im Land waren. Die zwei Chilenen, zwei Franzosen und drei Reporter der spanischen Nachrichtenagentur Efe wollten über die Unterstützung für den selbsternannten Präsidenten Guaidó berichten.

Jorge Ramos übrigens wurde nach seiner Ausweisung mit einem Einreiseverbot belegt. Seinen Angaben zufolge hat Maduro die Kameras, die Speicherkarten und die Mobiltelefone seines Teams behalten.

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claus7447 27.02.2019
1. Wie einen Diktator absetzen?
Das Volk,in seiner Mehrheit hat sicher die Nase voll. Friedlich will er nicht weichen. Welches Rezept kann noch angewandt werden? Letztlich sind es nur noch Kuba und Russland die zu ihm stehen. Sagt das aber nicht schon viel?
otti_hamburg 27.02.2019
2. So, wie es hier beschrieben wird,
wirkt es mehr wie eine reine Provokation denn ein Interview. Natürlich ist Maduro nervös. Wer wäre das nicht, wenn das Imperium vor der Tür steht.
Wilde Grete 27.02.2019
3. Eskalieren
Die stellte er nun auch Venezuelas Machthaber - der eskalierte und verwies den Reporter nach einem Eklat des Landes. - Menschen können nicht eskalieren, nur Situationen.
pecaracas 27.02.2019
4. Fake
Es geht natuerlich auf keinen Fall, dass ein von Trump geschickter Reporter einen in seinem Land hochgeliebten und demokratischen Praesidenten diesen durch "gefakte" Fragen blossstellen will. Aus linken Augen ist die Ausweisung und Einbehaltung des Geraets nicht angemessen, 15 Jahre im Gefaengnis waeren angebracht. Falls hier einige Linke Belege der Behauptungen benoetigen, ich habe sie nicht.
Hermes75 27.02.2019
5.
Zitat von otti_hamburgwirkt es mehr wie eine reine Provokation denn ein Interview. Natürlich ist Maduro nervös. Wer wäre das nicht, wenn das Imperium vor der Tür steht.
Wer provokante Fragen nicht verträgt und nicht in der Lage ist mit diesen umzugehen, der sollte sich einen anderen Beruf suchen - Präsident ist nichts für ihn (das gilt für Manduro genauso wie für Trump). Hätte Manduro ein bißchen Selbstkontrolle (wie z.B. ein Herr Assad), dann hätte er das Interview wunderbar zu seinem Vorteil nutzen können indem er das Bild eines sorgenden Landesvaters von sich zeichnet (muss nicht die Wahrheit sein). Statt dessen hat er die Kontrolle verloren und wie ein Dikator reagiert. Ich denke der Mangel an Kontrolle und Souveränität den Manduro hier gezeigt hat, wird ihm langfristig zum Verhängnis werden.
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