Machtkampf in Venezuela "Trump und Bolton haben Maduro die perfekte Ausrede geliefert"

Trotz internationalen Drucks hält sich Nicolás Maduro an der Macht. Venezuela-Experte Phil Gunson spricht im Interview über die Rolle des Militärs, der USA - und was droht, wenn die Gespräche endgültig scheitern.

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro: Das Militär hielt ihm die Treue - aus Mangel an Anreizen
Marco Bello/ Getty Images

Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro: Das Militär hielt ihm die Treue - aus Mangel an Anreizen

Ein Interview von


Vor mehr als einem halben Jahr begann der Versuch der venezolanischen Opposition um Juan Guaidó, den autoritären Staatschef des Landes, Nicolás Maduro, zu stürzen. Guaidó rief sich unter Berufung auf die Verfassung zum Übergangspräsidenten aus und sicherte sich breite internationale Unterstützung. Doch sein Versuch, einen Aufstand der Streitkräfte gegen Maduro herbeizuführen, schlug fehl.

Maduro hält sich an der Macht, doch auch er ist geschwächt. In dieser Lage ohne eindeutigen Sieger nahmen Regierung und Opposition zuletzt Gespräche auf - ehe Maduro sie als Reaktion auf US-Sanktionen aussetzte.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Venezuela-Experte Phil Gunson über den bisherigen Verlauf des Ringens um die Macht in dem Land - und über den möglichen weiteren Verlauf.

Zur Person
  • International Crisis Group
    Phil Gunson ist Senior Analyst für die Denkfabrik "International Crisis Group". Dort ist er für die Anden-Region zuständig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die politische Lage in Venezuela. Gunsons Dienstsitz ist Caracas.

SPIEGEL ONLINE: Maduros Gegner haben es in den vergangenen Monaten nicht geschafft, ihn zu stürzen. Ist Oppositionsführer Guaidó mit seinem Plan gescheitert?

Phil Gunson: Ich war immer skeptisch, ob dieser Plan in seiner ursprünglich Form funktionieren würde. Als Guaidó sich am 23. Januar zum Interimspräsidenten ausrief, setzten er und die Opposition alles daran, maximalen Druck auf die Maduro-Regierung aufzubauen, um sie so zur Kapitulation zu zwingen. Vor allem die USA, die eine Schlüsselrolle in dieser Planung spielten, schlossen von Anfang an sämtliche Verhandlungen aus, die nicht mit der Abdankung Maduros begannen.

SPIEGEL ONLINE: Woher rührte Ihre Skepsis?

Gunson: Ich war von Anfang an der Meinung, dass eine Verhandlungslösung nicht nur die beste, sondern die einzige Möglichkeit für einen stabilen und nachhaltigen Übergang war. Und Verhandlungen kann man nicht mit der Forderung beginnen, dass das Gegenüber abdankt, dass es kapituliert. Das ist eine Option, wenn der Gegner einer überwältigenden Macht ausgesetzt ist - dies ist im Moment aber nicht der Fall. Der Druck, den die Opposition aufbauen konnte, war im Grunde der Druck der USA: durch Sanktionen, Diplomatie und die implizite Drohung einer militärischen Intervention.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat der Druck der Opposition nicht ausgereicht?

Gunson: Da gibt es mehrere Gründe. Aus Sicht von Maduro und den entscheidenden Personen in seinem Umfeld gab es keinerlei Anreize, die Macht abzugeben. Viele von ihnen fürchten, dass ihnen in diesem Fall das Gefängnis oder Schlimmeres drohen würde. Dann gibt es trotz aller Korruption im Chavismus noch immer ein politisches Projekt, an das Menschen noch immer glauben - auch wenn sie nicht mehr an Maduro glauben. Vor allem aber ist es der Opposition nicht gelungen, das Militär auf ihre Seite zu ziehen. Das Militär stützt diese Regierung, die nicht mehr die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung genießt. Und die Spitzen der Streitkräfte haben noch immer jeden Anreiz, Maduro die Treue zu halten, solange die Opposition ihnen keine plausible Alternative bietet.

SPIEGEL ONLINE: Guaidó hat aber gleich zu Beginn seines Versuchs, Maduro zu stürzen, eine Amnestie ins Spiel gebracht.

Gunson: Diese wurde von den meisten Offizieren aber als beleidigend aufgefasst. Die meisten Militärs sehen sich nicht als Straftäter, die Amnestie brauchen - ob sie das letztlich sind oder nicht, ist eine andere Frage. Außerdem vertrauen viele in der Maduro-Regierung - ob Zivilisten oder Militärs - den Oppositionsführern nicht. Insbesondere Guaidós Mentor Leopoldo López, der als das Gehirn hinter der ganzen Operation gilt, halten sie für einen "Faschisten". Das ist er nicht, aber so sehen viele Chavistas ihn. Und seine Verbündeten in der US-Regierung halten sie ebenfalls für Ideologen, die eine Vernichtung der Linken in der Region anstreben.

Juan Guaidó Ende April in Caracas: Mehrere Versuche, eine Entscheidung herbeizuführen, schlugen fehl
Carlos Garcia Rawlins / Reuters

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SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt die Angst unter Soldaten? Berichten zufolgesetzt Maduros Regierung Folter und andere Mittel der Repression auch gegen Angehörige der Streitkräfte ein, um sie auf Linie zu halten.

Gunson: Maduros Vorgänger Hugo Chávez hat jede Form der Konspiration sehr schwer gemacht, indem er die Struktur der Streitkräfte änderte und Gegenspionageagenten in den Kasernen platzierte. Die Angst einzelner Offiziere vor Konsequenzen im Fall einer Rebellion ist also sehr real. Es gibt aber auch andere Faktoren, die einen Aufstand der Streitkräfte verhindern: Dazu zählen neben dem angesprochenen Misstrauen gegenüber der Opposition die finanziellen Vorteile, die viele in den oberen Rängen genießen, und die Verwicklung mancher Offiziere in Verbrechen wie Drogenhandel und Menschenrechtsverletzungen.

SPIEGEL ONLINE: Unter Vermittlung Norwegens hatten Regierung und Opposition regelmäßige Gespräche auf Barbados aufgenommen. Nachdem die USA ihre Sanktionen verschärften, stoppte Maduro die Gespräche bis auf Weiteres. Wie schätzen Sie diese Entscheidung ein?

Gunson: Auf Barbados verhandelt Maduro nur mit der Opposition, nicht aber mit der US-Regierung, die er als seinen Hauptfeind ansieht. Und diese hat gezeigt, dass sie gewillt ist, jeden Deal zu sabotieren, der ihr nicht gefällt. Mit der Verschärfung der Sanktionen haben US-Präsident Donald Trump und sein Nationaler Sicherheitsberater John Bolton Maduro die perfekte Ausrede geliefert, um den Verhandlungstisch zu verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet dieser Schritt für die Zukunft der Gespräche?

Gunson: Im Moment sind die Gespräche ausgesetzt, komplett gescheitert sind sie noch nicht. Es ist möglich, dass sie wieder aufgenommen werden. Das scheint derzeit aber unwahrscheinlich. Denn Maduro wird voraussichtlich Zugeständnisse fordern, die die USA nicht gewähren werden. Sollte der von Norwegen vermittelte Prozess zusammenbrechen, wird es schwer werden, einen anderen Rahmen für Gespräche zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Was droht dem Land und der Region in diesem Fall?

Gunson: Die Konsequenzen für die Region wären verheerend: politisch, wirtschaftlich, bei gesundheitlichen Fragen, wie der Verbreitung von Epidemien, und beim Thema Gewalt und Verbrechen. Die Migrationskrise würde weitergehen. Hier trägt vor allem Kolumbien den Großteil der Last. Und Kolumbien wird das nicht mehr sehr viel länger schultern können. Diese Folgen sind nicht nur wirtschaftlich. Eine unserer größten Ängste ist ein Konflikt zwischen Venezuela und Kolumbien. Nicht zuletzt, weil auf der venezolanischen Seite der Grenze Tausende kolumbianische Guerillakämpfer operieren, deren erklärtes Ziel der Sturz der kolumbianischen Regierung ist.

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