Bericht des "Wall Street Journal" US-Drogenfahnder ermitteln gegen Venezuelas Führung

Die Regierung Venezuelas soll ihr Land in einen riesigen Umschlagplatz für Kokain verwandelt haben. US-Drogenfahnder ermitteln deshalb gegen hochrangige Offizielle - angeführt von Diosdado Cabello, dem zweitmächtigsten Mann in Caracas.
Parlamentspräsident Cabello: "Unser Gewissen ist rein"

Parlamentspräsident Cabello: "Unser Gewissen ist rein"

Foto: Ariana Cubillos/ AP/dpa

Die Beziehungen zwischen den USA und Venezuela sind seit Jahren angespannt - diese Erkenntnisse der US-Ermittler dürften die Beziehungen weiter verschlechtern. Die Justiz in Washington wirft der Führung in Caracas vor, ihr Land in einen riesigen Umschlagplatz für den weltweiten Kokainhandel und ein Paradies für Geldwäscher verwandelt zu haben. Das berichtet das "Wall Street Journal"  unter Berufung auf mehr als ein Dutzend hochrangiger Ermittler in Washington, New York und Miami.

Nach den Erkenntnissen der US-Drogenfahnder soll Diosdado Cabello bei den Kokaingeschäften die Fäden ziehen - der Präsident der Nationalversammlung gilt als zweitmächtigster Mann Venezuelas, gleich nach Staatschef Nicolás Maduro. "Es gibt umfangreiche Beweise, die belegen, dass er einer der Köpfe, wenn nicht der Kopf des Kartells ist", sagte ein Beamter des US-Justizministeriums dem "Wall Street Journal" über Cabello.

Die Ermittlungen gegen die venezolanischen Offiziellen laufen seit Jahren und sind offenbar weit fortgeschritten. Mögliche Anklagen und Haftbefehle sollen jedoch geheim bleiben, um Verhaftungen zu erleichtern.

275 Tonnen Kokain sollen in Venezuela umgeschlagen werden

Laut "Wall Street Journal" stehen neben Cabello folgende hochrangige Personen im Zentrum der Ermittlungen:

  • Tarek El Aissami, Fußballer und Gouverneur des Bundesstaats Aragua
  • Néstor Reverol, Chef der Nationalgarde
  • José David Cabello, Bruder des Hauptverdächtigen, Industrieminister und Chef der Steuerbehörde
  • Hugo Carvajal, Ex-Direktor des Militärgeheimdienstes
  • Luis Motta Dominguez, Chef der Nationalgarde in Zentralvenezuela

Nach Erkenntnissen der US-Ermittler sind in den vergangenen Jahren viele Drogenhändler von Kolumbien ins Nachbarland Venezuela weitergezogen, weil die Regierung in Bogota mit Unterstützung der Vereinigten Staaten den Kampf gegen die Drogen forciert hat. In Venezuela werde zwar weder die Koka-Pflanze angebaut, noch Kokain hergestellt, allerdings werden nach US-Schätzungen inzwischen jährlich 275 Tonnen der Droge umgeschlagen. Regierung und Militär in Caracas sollen den Handel kontrollieren.

Venezuela ist zwar ein ölreiches Land, leidet aber seit Jahren unter einer sich stetig verschlimmernden Wirtschaftskrise. Das habe es den US-Behörden leichter gemacht, Informanten zu rekrutieren, berichtet das "Wall Street Journal". Außerdem haben offenbar mehrere hochrangige Drogenhändler gegenüber der US-Justiz ausgepackt, in der Hoffnung auf milde Strafen und ein dauerhaftes Bleiberecht in den Vereinigten Staaten.

Im Januar hatte sich Leamsy Salazar aus Venezuela abgesetzt, oberster Leibwächter des Hauptverdächtigen Cabello. Er behauptete gegenüber den US-Ermittlern, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Parlamentspräsident einen Kokaintransport von der venezolanischen Halbinsel Paraguaná beaufsichtigt hatte. Cabello hatte Salazar nach seiner Flucht als Spion bezeichnet, der keine Beweise für seine Anschuldigungen habe. "Unser Gewissen ist rein", sagte Cabello.

Cabello wehrt sich gegen Vorwürfe

In der vergangenen Woche forderte Cabello ein Ausreiseverbot für 22 Journalisten, die über die Vorwürfe gegen den Parlamentspräsidenten berichtet hatten. "Sie beschuldigen mich, ein Drogenhändler zu sein ohne einen einzigen Beweis vorzulegen. Und ich bin jetzt der Böse", klagte Cabello im Staatsfernsehen.

Ein Prozess gegen den kolumbianischen Drogenhändler Roberto Mendez Hurtado in Miami habe laut "Wall Street Journal" weitere Hinweise für die Ermittlungen geliefert. Mendez Hurtado brachte Kokain aus Kolumbien nach Venezuela. Dort soll er sich mit hochrangigen Offiziellen getroffen haben. Dann wurde das Rauschgift per Boot oder Flugzeug auf Karibikinseln transportiert, bevor es in die USA geschmuggelt wurde.

Nach Einschätzung der US-Ermittler sei das ohne Mithilfe einer Reihe von venezolanischen Regierungsbeamten und Militärs unmöglich gewesen. Mendez Hurtado wurde im vergangenen Jahr in Miami zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt.

Die US-Behörden haben laut "Wall Street Journal" außerdem Hinweise von Bankmitarbeitern erhalten, die sich um die Finanzen hochrangiger venezolanischer Offizieller kümmern. Auf dieser Grundlage habe die Regierung in Washington die Visa von mindestens 56 Venezolanern für ungültig erklärt. Einige von ihnen hätten daraufhin mit den Ermittlern kooperiert. Sie erhofften sich, dadurch wieder eine Einreisegenehmigung für die USA zu erhalten.

syd
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