Machtkampf in Venezuela USA wollen Venezuelas Führungsduo entzweien

Wie lässt sich das Regime in Venezuela stürzen? Die USA setzen offenbar darauf, den zweitmächtigsten Mann des Landes gegen Präsident Maduro auszuspielen. Eine riskante Strategie - bei der ein Verlierer jetzt schon feststeht.

Manaure Quintero / REUTERS

Von , Mexiko-Stadt


Das Skript wirkt vertraut: Enge Mitarbeiter von US-Präsident Donald Trump geben bekannt, Kontakte zu einem mächtigen Mann des Regimes von Nicolás Maduro in Venezuela geknüpft zu haben. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sich das Militär gegen den Machthaber in Caracas erheben werde. Den Abtrünnigen werde man Straffreiheit für eventuell begangene Verbrechen zusichern. Der Sturz des Autokraten stehe bevor.

Mit solchen lancierten "Informationen" versuchten Trump und seine Mitstreiter Anfang des Jahres, Zwietracht zwischen Maduro und seinen engsten Mitarbeitern zu säen. Der Maulwurf im System war damals angeblich Verteidigungsminister Vladimiro Padrino.

Doch die vorgebliche Konspiration erwies sich als Bluff, Padrino und seine Generäle standen fest zu Maduro. Trumps Berater John Bolton und der republikanische Senator Marco Rubio, die den vermeintlichen Coup eingefädelt hatten, blamierten sich.

Wiederholt sich jetzt das Spiel?

Vor wenigen Tagen meldete die Nachrichtenagentur AP, Mitarbeiter der Trump-Regierung in Caracas hätten sich mit Diosdado Cabello getroffen, dem nach Maduro mächtigsten Mann des Regimes. Es sei darüber gesprochen worden, welche Garantien und "Anreize" Washington Cabello und anderen hohen Maduro-Mitarbeitern biete, wenn sie den Autokraten fallen ließen. Den USA gehe es darum, einen "glaubwürdigen" Wahlprozess in Venezuela einzuleiten, der einen friedlichen Machtwechsel ermögliche.

Cabello dementierte, an geheimen Gesprächen mit Vertretern der US-Regierung teilgenommen zu haben. Doch am Dienstag bestätigte Maduro persönlich, es gebe sehr wohl Kontakte zu Funktionären aus Washington. Diese Treffen sollten dazu dienen, den "Konflikt zu regulieren", sagte er im Staatsfernsehen. Er ließ offen, ob Cabello an den Gesprächen teilgenommen habe.

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Venezuela: Der Machthaber und sein Adlatus

Hat Cabello womöglich hinter Maduros Rücken Kontakte zu Washington eingefädelt? Steuert die venezolanische Krise nach Monaten der Konfrontation doch noch auf eine friedliche Lösung zu? Oder ist das ganze Geraune ein weiterer dilettantischer Versuch der US-Regierung, Zwietracht im Regime zu säen und so einen Putsch zu provozieren?

Wenn sich Cabello tatsächlich ohne Wissen Maduros auf Gespräche mit US-Vertretern eingelassen hat, wäre das ein diplomatischer Coup der Trump-Regierung. Doch eine Konspiration mit Cabello würde nur Sinn ergeben, wenn sie geheim bliebe, bis der Autokrat gefallen ist. Dass die US-Regierung die Presse informiert hat, ergibt nur Sinn, wenn sie sich Chancen ausrechnet, einen möglichen Konflikt zwischen den beiden mächtigsten Männern des Regimes zu schüren, um Maduros Sturz zu provozieren.

Über das Verhältnis zwischen Maduro und Cabello wird seit dem Krebstod von Maduros Amtsvorgänger Hugo Chávez vor sechs Jahren spekuliert. Chávez hatte Maduro von seinem Krankenbett aus zu seinem Wunschnachfolger erklärt. Er genießt die Unterstützung der Kubaner; Fidel Castro und dessen Bruder Raúl haben den Aufstieg Maduros entscheidend gefördert.

Zerwürfnis zwischen Maduro und Cabello? Bislang nur Wunschdenken

Der bullige Cabello dagegen gilt als Mann des Militärs. Er ist der wohl gefürchtetste und radikalste Vertreter des Regimes. In einem eigenen Fernsehprogramm führte er Vertreter der Opposition und Überläufer als angebliche Verräter und Putschisten vor, unzählige Regimegegner wurden auf seinen Befehl hin inhaftiert. Immer wieder wurden ihm eigene Ambitionen auf die Präsidentschaft nachgesagt.

In venezolanischen Exilkreisen wird seit Jahren über ein mögliHHches Zerwürfnis zwischen Maduro und Cabello spekuliert. Doch das entspringt bislang Wunschdenken, Belege gibt es dafür nicht. Im Gegenteil: Maduro hat seine Macht gefestigt, indem er Cabello eng in das Regime eingebunden hat. Er sorgte dafür, dass Cabello zum Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung gewählt wurde. Sie wird im Gegensatz zum Parlament von der Regierung kontrolliert und dient dazu, den Schein der Legalität zu wahren und die Repression gegen das Parlament zu rechtfertigen, das von Maduro nicht anerkannt wird.

Zumindest nach außen scheint sich das Duo perfekt zu ergänzen. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass Cabello gegen Maduro intrigiert. Im Mai hatte Washington gegen ihn und mehrere Familienangehörige individuelle Sanktionen verhängt. Cabello, sein Bruder und mehrere enge Mitarbeiter sollen in mehrere gigantische Korruptionsskandale verwickelt sein und Hunderte Millionen Dollar beiseitegeschafft haben.

Cabello bestreitet alle Vorwürfe. Doch sollten die USA ihm Straffreiheit zugesichert haben, wenn er hilft, Maduro zu stürzen, könnte ihn das womöglich umstimmen. Denn auf Dauer ist die politische Situation in Venezuela unhaltbar: Die Verschärfung der US-Sanktionen hat den wirtschaftlichen Absturz beschleunigt. Für das Regime wird es immer schwieriger, die Devisen zu besorgen, die es braucht, um politisch zu überleben.

Druck von allen Seiten

Hinzu kommt: Eine militärische Intervention der USA ist zwar unwahrscheinlich, doch Trump läuft die Zeit davon. Er dringt auf eine Lösung des Venezuela-Konflikts vor den Wahlen im kommenden Jahr: Mit dem Sturz Maduros ließe sich vor allem in Florida prächtig Wahlkampf machen.

Auch der Druck der internationalen Gemeinschaft auf eine Verhandlungslösung wächst. Die Front gegen Maduro in Lateinamerika beginnt zu bröckeln: Wenn bei den Wahlen in Argentinien im Oktober die Peronisten an die Macht zurückkehren, würde damit voraussichtlich nach Mexiko ein zweites wichtiges lateinamerikanisches Land Washington die Unterstützung verwehren.

Maduro hatte die Gespräche mit der Opposition, die mit Hilfe Norwegens zuletzt in Bermuda geführt wurden, vor wenigen Wochen abgebrochen. (Eine Einschätzung des Experten Phil Gunson lesen Sie hier.) Der Vorstoß aus Washington deutet darauf hin, dass auch die Trump-Leute auf eine direkte Verständigung mit Vertretern des Regimes in Caracas bauen.

Sie desavouieren damit ausgerechnet jenen Mann, in den Washington und die Opposition bislang alle Hoffnung gesetzt hatten: Parlamentspräsident Juan Guaidó. Er hatte sich im Januar unter Berufung auf die Verfassung zum Interimsstaatschef ausgerufen und wurde von über 50 Nationen anerkannt, auch von Deutschland.

Doch in den jüngsten Äußerungen aus Washington war von Guaidó keine Rede mehr. Bei den Gesprächen mit Regimevertretern in Caracas gehe es nur um eines, twitterte Trump-Berater John Bolton am Mittwoch: "Maduro muss gehen."

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sven2016 22.08.2019
1.
"Cabello dementierte, an geheimen Gesprächen mit Vertretern der US-Regierung teilgenommen zu haben. Doch am Dienstag bestätigte Maduro persönlich, es gebe sehr wohl Kontakte zu Funktionären aus Washington." Wieso: "Doch ..."? Das widerspricht sich nicht. Können zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte sein. Dass der Parlaments-Putschist von den USA fallen gelassen wird, war nach dem Anfangsversagen vorauszusehen. "Verbündete" kennen die Typen nicht, nur nützliche Idioten. Das ist unabhängig von Trump lange amerikanische außenpolitische Tradition.
RalfHenrichs 22.08.2019
2. Das Problem der USA ist Trumps Glaubwürdigkeit
Wenn sie Cabello Garantien geben, was sind sie wert? Die USA unter Trump halten sich nicht einmal an völkerrechtlich verbindliche Verträge (Iran, Klima, INF). Guaido wird offensichtlich fallengelassen, wenn er nicht mehr nützlich ist. Welche Garantien können die USA Cabello geben, bei denen er sicher sein kann, dass die Trump-Regierung (wenigstens diese) sich auch langfristig daran halten wird? Und eine andere US-Regierung ebenfalls?
lacarlota 22.08.2019
3.
Es ist egal wie man Maduro los wird, wichtig sind freie Wahlen in Venezuela. Das Volk hat genug gelitten.
World goes crazy 22.08.2019
4. Wortwahl des Artikels
Ich finde es sehr schlecht wenn man von "Regierung" zu "Regime" übergeht in der Berichterstattung. Aber Recht hat der Autor trotzdem. Die USA behaupten hier und da Kontakte zu haben, in Gesprächen zu sein und und und, um die Machtstruktur in Venezuela zu torpedieren. Guaido hat versagt, jetzt müssen andere Mittel her. Ich hoffe die USA kommen irgendwann mal wieder zur Vernunft (eher unwahrscheinlich), die Sanktionen die sie und ihre Handlanger gerade auch in Europa anderen Ländern aufbürden verschlimmern idR nur die Verhältnisse derer, die sonst so gerade über die Runden kämen, egal ob im Iran, Venezuela oder Kuba. Und die Regierungen dieser Länder ebenso wie viele der Einwohner sind leidgeprüft genug um sich nicht in die Knie zwingen lassen zu wollen.
helge_d 22.08.2019
5. USA handeln völkerrechtswidrig
Warum wird im Artikel nicht erklärt, daß die USA gegen das UNO-Gewaltverbot Art. 2 Abs. 4 verstoßen!? Dieses ist weltweit gültig und einzuhalten! Demnach sind Sanktionen und Einmischung in innere Staatsangelegenheiten VERBOTEN! Trump + seine Regierung sind somit Kriegsverbrecher! Ja liebe Mitforisten, Sanktionen sind Mittel des Krieges und leiden muss im Normalfall die (sowieso arme) Bevölkerung! Warum? Um einen Regierungswechsel zu erzwingen. Warum? Weil die USA an das bisher staatlich kontrollierte Öl wollen. Die USA wollen ihren eigenen Firmen den Zugriff aufs Öl erpressen, nichts weiter. Und Deutschland ist mit der Anerkennung Guaidos mitschuldig! Wie würden es die Deutschen finden wenn sich Scholz zum Kanzler erklärt, seine eigene Regierung aufstellt und dies von USA anerkannt würde? Nicht lustig oder??? Hier im Artikel von Maduro Regime zu sprechen statt Regierung ist HÖCHST tendenziös! Der Mann wurde gewählt, ob uns das passt oder nicht! Das müssen die Venezolaner schon selber ändern wenn es ihnen nicht passt. Die Einmischung der USA ist völkerrechtlich jedenfalls ILLEGAL! Wer es genauer wissen möchte Suche auf YouTube nach "Daniele Ganser Venezuela" (Achtung Arbeit!)
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