Flucht aus Venezuela "Ich habe mich gefangen gefühlt"

Die Krise in ihrem Land treibt immer mehr Venezolaner zur Auswanderung. Auch Angélica Cabrera ist verzweifelt und will gehen - doch es wird immer schwerer, rauszukommen.

Nelson Ovalles

Aus Caracas berichtet


Der Exodus der Venezolaner verläuft im Takt der Krise. Immer wieder hat Angélica Cabrera ihre Pläne geändert. Noch vor einem Jahr war die 20-Jährige überzeugt, dass sie die kommenden Jahre in der Hauptstadt Caracas verbringen würde. Sie hatte einen Platz an der renommierten Universidad Central de Venezuela ergattert, wollte Kommunikationswissenschaften studieren.

Aber der Verfall des lateinamerikanischen Staats hat diese Pläne durchkreuzt. Denkt sie nun an ihre Zukunft, dann geht es vor allem um ihre Auswanderung nach Lima - dort, so hofft sie, hat sie Chancen auf eine bessere Arbeit und mehr Lebensqualität.

"Meine Eltern haben vor einem Monat gesagt: Wenn die verfassungsgebende Versammlung bei der Wahl beschlossen wird, solltest du das Land verlassen", sagt Cabrera. So kam es: Ende Juli stimmte eine Mehrheit beim Referendum für das neue Gremium des Machthabers Nicolás Maduro.

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Krise in Venezuela: Gehen, aber wie?

Cabrera fürchtet die Folgen dieser Entscheidung: "Schon jetzt werden unsere Rechte missachtet, und die Jungen haben keine Zukunft. Es sollte die beste Zeit meines Lebens sein - stattdessen habe ich keine Arbeit und konnte mein Studium nicht beginnen." Immer wieder sei der Vorlesungsbeginn verschoben worden - weil die Angestellten streikten oder die Opposition.

Todesstoß für die Demokratie

Venezuela, das Land mit den größten Erdölreserven der Welt, ist in den vergangenen vier bis fünf Jahren immer tiefer in die Krise gerutscht. Längst betrifft das nicht mehr allein die Wirtschaft im Land, auch die Politik und die Gesellschaft leiden. Die Regierung Maduros steht international in der Kritik: Politiker in Amerika und Europa werfen ihr vor, die demokratischen Institutionen zu schwächen.

Mit der verfassungsgebenden Versammlung schaffte der Chavist jüngst die gesetzlichen Voraussetzungen dafür, das Parlament und somit die Opposition zu schwächen. Dazu passt die Einsetzung des neuen Generalstaatsanwalts Tarek William Saab - er ist ein Vertrauter der Regierung.

Viele glauben, dass Maduro der Demokratie damit den Todesstoß versetzt hat. Die Opposition verweigerte sich der Entmachtung, protestierte gegen die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs - ebenfalls von Maduro kontrolliert - nach der dem Parlament zwischen April und Juli die Befugnisse entzogen wurden. Die traurige Bilanz der monatelangen Demonstrationen: rund 130 Tote, Tausende Verletzte und mehr als 5000 willkürliche Verhaftungen.

Cabrera ist angesichts dieser Entwicklungen verzweifelt: "Venezuela wird nicht besser, nur schlechter. Deshalb werde ich im September gehen", sagt sie. Wie so viele ihrer Landsleute zieht es die 20-Jährige in die peruanische Hauptstadt Lima - 11.464 Venezolaner haben laut peruanischer Einwanderungsaufsicht bis Ende Juli dort eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Fünf Tage wird Cabrera mit dem Bus unterwegs sein. Knapp 500 Dollar hat sie gespart, das soll reichen, um zumindest einen Monat in Lima unterzukommen.

Immer mehr Fluglinien kappen Verbindungen

Der Landweg ist Cabreras einzige Möglichkeit, Venezuela zu verlassen. Für ein Flugticket fehlt ihr das Geld. Die wirtschaftliche Instabilität hat dazu geführt, dass seit 2014 viele Gesellschaften ihre Verbindungen nach Venezuela gekappt haben. Im Juli und August stellten drei Fluglinien den Betrieb ein - Avianca aus Kolumbien, Aerolíneas Argentinas und United Airlines aus den USA, Delta fliegt nur noch bis September. Das hat die Situation noch einmal verschärft und die Ticketpreise für die die verbliebenen Flüge in die Höhe getrieben. Immer mehr Menschen ziehen deshalb zunächst in die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta und steigen dort ins Flugzeug.

Insgesamt haben allein in diesem Jahr laut UNHCR 50.000 Venezolaner im Ausland Asyl beantragt. Und der Strom lässt nicht nach. Der Großteil der Menschen lebt im Nachbarland Kolumbien.

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Krise in Venezuela: Die Versorgungsbrücke

Der Soziologe Tomás Páez ist Vorsitzender des "Observatorio de la Voz de la Diaspora Venezolana" - einem Projekt, das Venezolanern im Ausland eine Stimme gibt. Er hat das Phänomen Migration untersucht. Es sei die Unsicherheit, die die meisten Venezolaner dazu bringe, ihre Heimat zu verlassen, sagt er - und meint damit sowohl die finanzielle Krise als auch die ohnehin hohe Kriminalitätsrate im Land. Allein 2016 starben laut der venezolanischen Beobachtungsstelle für Gewalt 28.479 Menschen durch Gewalt im Alltag.

María Angelina Castillo hat die Flucht bereits hinter sich. Zwei Wochen ist es her, da trat die 28-Jährige ihre improvisierte Reise an. Die Journalistin gab ihren Job bei einer Onlinezeitung in Caracas für ein neues Leben in Ecuador auf. Sie habe lange darüber nachgedacht auszuwandern. Am Ende war das Geld ausschlaggebend für ihre Entscheidung, erzählt sie am Telefon. "Mein Gehalt hat quasi für nichts gereicht: Ich konnte keine Wohnung mieten, kein Auto kaufen oder irgendwie Spaß haben."

Sie entschied sich, einen Flug mit der kolumbianischen Gesellschaft Avianca nach Ecuador zu buchen. Alles war vorbereitet, doch dann kündigte Avianca am 26. Juli an, die kommerziellen Verbindungen nach Venezuela einzustellen. Castillo wurde nervös. "Ich werde niemals ausreisen können", dachte sie bei jeder weiteren Fluglinie, die sich zurückzog. "Ich habe angefangen, mich gefangen zu fühlen." Mit etwas Glück ergatterte sie eines der wenigen Tickets ins Ausland.

Bis auf Weiteres wird nun Santiago de Guayaquil ihre Heimat sein. Castillo vermisst ihre Familie in Venezuela, würde gerne zurückkehren - doch nur unter zwei Bedingungen: eine neue Regierung und bessere wirtschaftliche Bedingungen.

Übersetzt von Britta Kollenbroich

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