Guaidó gegen Maduro Wer unterstützt wen in Venezuela?

Die Krise in Venezuela gerät immer mehr zum geostrategischen Ringen der Großmächte USA und Russland. Wer verfolgt welche Interessen im Machtkampf zwischen Nicolás Maduro und Juan Guaidó - der Überblick.
Oppositionsführer Juan Guaidó in Caracas: Aufruf zum Aufstand

Oppositionsführer Juan Guaidó in Caracas: Aufruf zum Aufstand

Foto: Carlos Garcia Rawlins / Reuters

Am Mittwochmorgen war Venezuelas Präsident Nicolás Maduro weiterhin im Amt. Dabei hatte sein Gegenspieler, der selbst ernannte Übergangspräsident Juan Guaidó, am Vortag angekündigt, der Umsturz in dem südamerikanischen Land stehe unmittelbar bevor. Entscheidende Teile des Militärs hätten sich auf seine Seite geschlagen.

Dem scheint vorerst nicht so zu sein.

Guaidó rief das Volk für Mittwochabend dennoch zu der bisher größten Protestaktion in der Geschichte Venezuelas auf, am Vorabend hatte es bereits gewaltsame Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten gegeben. Die Armee warnte vor einem Blutvergießen.

Die Lage in Venezuela mit seinen knapp 32 Millionen Einwohnern bleibt angespannt - und sie beschäftigt weitaus mehr politische Mächte als lediglich die lokalen Widersacher. US-Außenminister Mike Pompeo und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow wollten sich am Mittwoch in einem Telefonat über die Situation austauschen, sagte John Bolton, nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, dem Sender Fox News.

Fotostrecke

Venezuela: Aufruf zur Revolte

Foto: Rafael Hernandez/ DPA

Die USA betrachten Russland als wichtigen Unterstützer Maduros. Pompeo hatte noch am Dienstag erklärt, Maduro sei bereit gewesen, das Land zu verlassen, sei dann aber von Russland zum Bleiben überredet worden. Das russische Außenministerium dementierte und konterte: "Washington versucht sein Bestes, die venezolanische Armee zu demoralisieren, und benutzt nun Fälschungen als Teil des Informationskrieges", sagte die außenpolitische Sprecherin Maria Sacharowa dem Nachrichtensender CNN.

Laut Bolton wollen die USA verhindern, dass Russland seinen Einfluss auf Venezuela erweitert. "Der wichtigste Punkt, den wir hier machen: Wir werden nicht dabei zusehen, dass die Russen ein Land in der westlichen Hemisphäre übernehmen - nicht direkt, nicht über ihre Stellvertreter, die Kubaner". An Drohgebärden mangelt es nicht: Pompeo bezeichnete eine militärische Intervention in einem Interview mit Fox als "möglich". Präsident Trump sei auf einen solchen Schritt vorbereitet, wenn dieser "erforderlich" werde, sagte Pompeo, fügte aber hinzu, dass seine Regierung weiterhin hoffe, dass militärisches Eingreifen nicht notwendig werde: "Wir hoffen, dass es eine friedliche Lösung geben kann" und dass der venezolanische Präsident Maduro sein Amt "ohne Gewalt" aufgeben werde.

Das erdölreiche Land im Norden Südamerikas wird zum Brennpunkt geopolitischer und ökonomischer Interessen. Wer sind die Akteure in dem Machtspiel um Ressourcen und Standortvorteile - und wer unterstützt wen im innenpolitischen Konflikt zwischen Maduro und Guaidó. Der Überblick:

Das sind Maduros Unterstützer

Venezuelas Präsident Maduro: Unterstützung aus China und Russland

Venezuelas Präsident Maduro: Unterstützung aus China und Russland

Foto: Cristian Hernßndez/ Agencia EFE/ imago images

Das Militär: Der ehemalige Busfahrer Maduro, seit 2013 im Amt, hat sich von einem sozialistischen Präsidenten chavistischer Prägung zu einem Autokraten gewandelt, der das Land mit harter Hand und Dekreten am Parlament vorbei regiert. Die Oberbefehlshaber der Armee halten ihm dennoch bis auf Weiteres die Treue, auch wenn sich Berichte mehren, dass sich zahlreiche Offiziere in Nachbarlänger absetzen, um von dort der Opposition von Guaidó zuzuarbeiten. Verteidigungsminister Vladimir Padrino sagte am Dienstag, die bewaffneten Kräfte würden fortfahren, die Verfassung und die "legitimierten Autoritäten" zu verteidigen.

Der Oberste Gerichtshof: Die obersten Richter Venezuelas stellen sich bisher hinter Maduro - kein Wunder, die Würdenträger sind fast alle von ihm selbst berufene Loyalisten. Im Januar erklärten sie alle Beschlüsse der von Guaidó geführten Nationalversammlung für null und nichtig.

Die Industrie: Auch die staatliche Ölgesellschaft PDVSA, die den Löwenanteil der venezolanischen Ölexporte und -Profite verwaltet, steht ebenfalls hinter dem Präsidenten. Die Firmenbosse wurden zum Großteil von Maduro ernannt.

Russland: Der Kreml unterstützt Venezuela seit Langem militärisch und finanziell mit Milliardenkrediten (geschätzt etwa 17 Milliarden Dollar). Die geostrategische Bedeutung des Landes für Russland liegt auf der Hand: Es liegt vor der Haustür der USA am Golf von Mexiko. Russische Staatsunternehmen haben zudem massive Investitionen in die Rohstoffindustrie Venezuelas getätigt, ein Regierungswechsel würde sich wahrscheinlich negativ auf ihre Geschäftsbeziehungen und Profite auswirken. Etwa hundert russische Militärberater sollen sich in Venezuela aufhalten, außerdem stationierte Moskau im Dezember zwei atomwaffenfähige Tu-160-Überschallbomber.

China: Peking ist der größte Kreditgeber Venezuelas. Seit 2008 investiert die chinesische Führung in Infrastruktur (u.a. medizinische Güter) und Ölprojekte. Schätzungen zufolge sollen bis zu 70 Milliarden Dollar von Peking nach Venezuela geflossen sein, das Land begleicht seine Schulden wohl größtenteils mit Öllieferungen. China hat also ebenso wie Russland großes Interesse, wirtschaftliche Interessen und politische Einflussnahme durch Kontinuität abgesichert zu sehen.

Bolivianische Einheiten unterstützen Venezuelas Präsident Maduro

Bolivianische Einheiten unterstützen Venezuelas Präsident Maduro

Foto: Yuri Cortez / AFP

Die Türkei und Iran: Ankara hat sich wiederholt für Maduros Unterstützung ausgesprochen. Guaidós Umsturzversuch nannte die Regierung Erdogans einen Angriff auf die verfassungsgemäße Ordnung. Das iranische Regime hat sich kritisch über die US-Sanktionen gegen Maduro geäußert und dem Präsidenten Unterstützung zugesagt. Anfang April reiste eine iranische Delegation nach Caracas, um eine neue Flugroute zwischen den beiden Ländern zu diskutieren. Viele internationale Airlines haben inzwischen ihre Routen nach Venezuela auf Eis gelegt.

Lateinamerikas Linke: Einige linke und sozialistische Regierungen Mittel- und Südamerikas, darunter Kuba, Bolivien und Nicaragua, gehören zu den solidarischen Unterstützern Maduros. Gerüchten zufolge habe sich der Präsident im Falle eines Umsturzes am 1. Mai mit einem Privatflieger nach Havanna absetzen wollen. US-Sicherheitsberater John Bolton bezeichnete die autoritären Regime in Venezuela, Nicaragua und Kuba als "Troika der Tyrannei". Auch Mexiko, wo seit vergangenem Jahr der Linke Andres Manuel Lopez Obrador regiert, hat Dialogbereitschaft signalisiert, nachdem die Vorgängerregierung sich streng gegen Maduro positioniert hatte.

Das sind Guaidós Unterstützer

Übergangspräsident Juan Guaidó: Unterstützung aus den USA und Europa

Übergangspräsident Juan Guaidó: Unterstützung aus den USA und Europa

Foto: Fernando Llano/AP

Die USA: Die Liste der politischen Interventionen in Mittel- und Südamerika ist lang, den Vereinigten Staaten geht es vor allem darum, Russland keine geostrategischen Brückenköpfe nahe an den eigenen Grenzen zu ermöglichen. Die konservative Trump-Regierung gehörte zu den ersten tatkräftigen Unterstützern Guaidós gegen das Maduro-Regime und hat empfindliche Sanktionen gegen Venezuela verhängt, um ihn aus dem Amt zu drängen. Mit militärischen Eingriffen wird, siehe oben, bisher nur gedroht.

Südamerikas Rechte: Brasilien, Südamerikas größtes Land und direkter Nachbar von Venezuela schlägt sich unter der neuen, rechtsextremen Regierung von Jair Bolsonaro auf die Seite Trumps und bezeichnete Maduro als Diktator. Auf militärische Unterstützung aus Brasilien dürfen die Amerikaner jedoch nicht hoffen, sollte es so weit kommen. Länder wie Argentinien, Kolumbien, Chile und Peru, in denen ebenfalls eher konservative bis rechte Regierungen an der Macht sind, gehören ebenfalls zu den Unterstützern Guaidós.

Die EU: Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien sowie zahlreiche andere EU-Länder haben die Übergangsregierung des zentristischen Demokraten Guaidó in einer gemeinsamen Erklärung anerkannt. Der EU geht es um eine politische, im besten Fall demokratische Lösung des Konflikts ohne militärische Eskalation. Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD) ist zurzeit bei einem Staatsbesuch in Kolumbien und traf sich am Mittwochmorgen mit venezolanischen Oppositionspolitikern, darunter auch Guaidós "Schatten-Außenminister" Julio Borges, der in Bogota lebt. Maas kündigte an, die Hilfsmittel für venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien um vier Millionen Euro aufzustocken und bekräftigte die Unterstützung der Bundesregierung für die Umsturzbemühungen: "An unserer Haltung hat sich nichts verändert: Für uns ist Juan Guaidó der Übergangspräsident, der den Auftrag hat, Neuwahlen zu organisieren. Das ist auch das Ziel, das wir weiter verfolgen", sagte Maas.

bor/dpa/Reuters