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22. August 2018, 07:06 Uhr

Flucht aus der Heimat

Der Exodus der Venezolaner

Von , Mexiko-Stadt

Millionen Venezolaner fliehen vor der wirtschaftlichen und humanitären Krise in ihrem Land - doch sie sind zunehmend unerwünscht in Südamerika. In Brasilien kam es zu Ausschreitungen, andere Länder führen eine Passpflicht ein.

Am Montag war die Ruhe zurückgekehrt nach Pacaraima. Die Feuerwehr beseitigte die Reste des Gewaltausbruchs vom Wochenende, kehrte die Asche zusammen, räumte die Trümmer und Überreste der Notunterkünfte beiseite. Eine "Friedenskarawane" aus 25 Autos drehte Runden durch die 12.000-Einwohner-Stadt im Norden Brasiliens, die direkt an der venezolanischen Grenze liegt. Es beteiligten sich Brasilianer und Venezolaner. "Die Venezolaner haben Platz hier in Brasilien", sagte Neura Costa, die lokale Organisatorin der Karawane. "Sie verdienen die Chance, sich hier ein neues Leben aufzubauen."

Tage zuvor hörte sich das noch ganz anders an. Am Samstag hatten aufgebrachte Einwohner von Pacaraima venezolanische Migranten mit Steinen, Stöcken und offenbar auch Schüssen vertrieben, ihre Behelfsunterkünfte auf den Straßen der Grenzstadt angezündet. "Haut ab nach Venezuela", riefen aufgebrachte Einwohner. Unzählige flohen zurück über die Grenze in ihre Heimat. Auslöser der Wut war der Überfall auf einen brasilianischen Händler. Seine Familie machte dafür venezolanische Flüchtlinge verantwortlich.

Die Jagdszenen aus der brasilianischen Grenzstadt waren der erste große Gewaltausbruch gegen venezolanische Migranten, die in immer mehr Ländern Südamerikas in immer größerer Zahl Zuflucht suchen - und die Chance, ihr Leben neu aufzubauen. Besonders betroffen ist das Nachbarland Kolumbien, wo mehr als eine Million Venezolaner lebt. Aber inzwischen sind auch Hunderttausende in Peru, Ecuador, Chile, Argentinien und Panama ansässig. Doch die Ressentiments steigen. Die anfangs ohne Probleme eingelassenen Flüchtlinge sehen sich mit wachsendem Widerstand und bürokratischen Hürden konfrontiert.

Es gehen die Armen und Hoffnungslosen

Niemand weiß genau, wie viele Menschen ihre Heimat in den vergangenen Jahren angesichts von Wirtschaftskrise, Hyperinflation, fehlenden Nahrungsmitteln und Medikamenten sowie politischer Verfolgung verlassen haben. Das Uno-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) geht davon aus, dass sich rund 2,3 Millionen Venezolaner auf den Weg gemacht haben.

War es früher vor allem die Mittelklasse und Oberschicht, die das einst reiche Land in Richtung USA, Europa und andere Gegenden Südamerikas verließen, gehen jetzt die Armen und Hoffnungslosen; diejenigen, die keinen Zugang zu Dollars haben und für die der Verbleib in der Heimat oft den sicheren Tod bedeuten würde. So sieht man an den Grenzen der verschiedenen Staaten Trecks von entkräfteten und hungrigen Menschen, die ihr Hab und Gut meistens nur in Taschen oder Tüten bei sich tragen, Kinder an der Hand, Babys auf dem Arm. Viele schwangere Frauen sind unter den Flüchtlingen. Die meisten von ihnen gehen, um ihrem Land dauerhaft den Rücken zu kehren. Viele andere aber wollen nur zum Arzt, einkaufen oder endlich mal wieder eine richtige Mahlzeit zu sich nehmen.

Besonders belastet sind Grenzstädte wie Pacaraima oder Cúcuta. Über die kolumbianische Grenzstadt kommen täglich viele Tausend Menschen ins Land. Kolumbien hat im Juli an allen Übergängen zum Nachbarland insgesamt 50.000 Venezolaner täglich gezählt.

Pacaraima im brasilianischen Bundesstaat Roraima hat zwar nur 12.000 Einwohner, aber mindestens tausend Venezolaner lebten bis zum Wochenende in Camps entlang der Straßen des Ortes. In der 215 Kilometer entfernten Hauptstadt Boa Vista sind es 25.000 Venezolaner. Die Gouverneurin von Roraima, Suely Campos, spricht von einem medizinischen Notstand in ihrem Staat, denn unzählige Venezolaner brauchen vor allem ärztliche Hilfe, bringen in Brasilien ihre Kinder zur Welt oder suchen Medikamente. Campos fordert von der Zentralregierung in Brasilia immer wieder eine vorübergehende Schließung der Grenze. Justiz und Politik verweigern das mit dem Hinweis darauf, dass brasilianische Gesetze das in humanitären Notlagen verbieten.

Andere Staaten sind inzwischen weniger großzügig und haben jüngst die Einreisebestimmungen für venezolanische Flüchtlinge verschärft. Meist reisen die Migranten nur mit ihren venezolanischen Personalausweisen.

Das Ölland Venezuela steckt in einer historischen Wirtschaftskrise. Der Internationale Währungsfonds geht von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus. Die Preise verdoppeln sich im Schnitt alle 26 Tage. Die Konsequenzen sind bizarr. Wer Dollars hat und schwarz tauschen kann, lebt wie ein König. Wer wie die Mehrheit der Venezolaner auf den staatlichen Mindestlohn angewiesen ist, der hungert. Denn auch zu essen gibt es kaum etwas. Venezuela produziert nur wenig, und Geld für Importe ist längst nicht mehr da. Laut der jährlichen Erhebung der drei wichtigsten venezolanischen Universitäten zu den Lebensbedingungen (Encovi) haben vergangenes Jahr 64 Prozent der Bevölkerung bis zu elf Kilo Gewicht verloren.

Am Wochenbeginn kam es zur großen Währungsumstellung: Der schwindsüchtigen Währung Bolívar wurden fünf Nullen gestrichen, die Mehrwertsteuer und die Benzinpreise sollen angehoben werden. Dass dies hilft, glaubt niemand. Der Exodus der Venezolaner geht ungehindert weiter.

Video: Mein Leben unter Maduro

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