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02. November 2010, 13:56 Uhr

Vereitelte Paketbomben-Anschläge

Jemen startet Großoffensive gegen al-Qaida

Der Jemen fahndet mit Hochdruck nach den mutmaßlichen Drahtziehern der vereitelten Paketbomben-Anschläge. In einer Großoffensive sucht das Militär nach zwei Top-Terroristen. Mit einem schnellen Erfolg will die Regierung in Sanaa wohl auch US-Aktionen im eigenen Land verhindern.

Berlin/Sanaa - Nach den versuchten Paketbombenanschlägen hat der Jemen am Dienstag eine großangelegte Militäroperation gegen Top-Terroristen gestartet. Ziel ist es, den von den USA gesuchten Hassprediger Anwar al-Awlaki und den mutmaßlichen Bombenbauer Ibrahim Hassan al-Asiri zu fassen. Der aus Saudi-Arabien stammende al-Asiri soll die Paketbomben hergestellt haben, die in Luftfrachtpaketen aus dem Jemen entdeckt wurden.

Die Großoffensive konzentriere sich auf die Provinzen Maarib und Shabwa, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf jemenitische Sicherheitskreise. Die Aktion würde zwischen Militär und Geheimdienst koordiniert. Zahlreiche Soldaten seien in die Provinzen entsandt worden, um bestimmte Gebiete abzuriegeln. In Shabwa sprengten militante Extremisten am Dienstag eine Öl-Pipeline in die Luft, meldete Reuters. Die Leitung werde von einer südkoreanischen Firma betrieben, hieß es. Nähere Details waren zunächst nicht bekannt.

Der Jemen, der gerne als Verbündeter im Kampf gegen den Terror wahrgenommen werden will, hat in den vergangenen Monaten immer wieder Aktionen gegen Qaida-Terroristen im Land gestartet. Al-Awlaki konnten die Jemeniter jedoch nicht fassen. Mit der Militäraktion wollen sie nun wohl auch eine mögliche Intervention amerikanischer Anti-Terror-Sondereinsatzkommandos im Jemen verhindern, über die in den vergangenen Tagen bereits spekuliert worden war. Anzeichen für einen bevorstehenden US-Militärschlag im Jemen gibt es derzeit jedoch noch nicht.

Pentagon dementiert Pläne für Militärschläge

Das US-Verteidigungsministerium hatte am Montag Angaben des "Walls Street Journal" zurückgewiesen, demzufolge Präsident Barack Obama zusätzliche Spezialeinheiten in das Land schicken wolle, um terroristische Ziele zu attackieren. Die Zeitung hatte über eine "wachsende Bereitschaft" in militärischen und zivilen Regierungskreisen in Washington berichtet, US-Elitekräften verdeckte Einsätze im Jemen unter CIA-Kommando zu erlauben. Pentagon-Sprecher Bryan Whitman erklärte jedoch, dass niemand in führender Position im Verteidigungsministerium solche Aktionen ernsthaft erwäge.

Der Chef der britischen Streitkräfte, General David Richards, wollte einen Militäreinsatz im Jemen für die Zukunft zwar nicht ausschließen. Er betonte jedoch gegenüber der BBC, dass dies derzeit nicht auf der Agenda stehe. "Weder wollen wir dort eine neue Front eröffnen, noch wollen die Jemeniter, dass wir es tun", sagte Richards.

Das Pentagon erklärte, es gebe keine wesentliche Änderung der US-Strategie für den Jemen. Zu dieser Strategie gehört auch, dass Obama den Geheimdiensten und der Armee im vergangenen April die Erlaubnis erteilt hatte, den Top-Terroristen al-Awlaki zu töten. Auch sind amerikanische Spezialeinheiten des "Joint Special Operations Command" (JSOC) schon seit Jahren im Jemen aktiv, um die örtlichen Sicherheitskräfte im Kampf gegen al-Qaida zu unterstützen. Derzeit, so heißt es, seien aber nie mehr als 50 US-Soldaten vor Ort im Einsatz. Spekulationen gab es auch immer wieder über gezielte Drohnen-Angriffe in der Region.

Mehr Geld für den Anti-Terror-Kampf

Laut CNN hat das für die Region zuständige Regionalkommando der US-Streitkräfte der Regierung zuletzt ein 1,2 Milliarden-Dollar-Paket für die nächsten sechs Jahre vorgeschlagen, um die Ausbildung und Ausstattung des jemenitischen Militärs zu verbessern. Dabei hatte die US-Regierung die finanzielle Unterstützung für das Land schon in den vergangenen Jahren immer weiter aufgestockt. Waren es CNN zufolge im Jahr 2008 noch 17,2 Millionen Dollar, sind für dieses Jahr bereits 67,5 Millionen veranschlagt. Für den Anti-Terror-Kampf im Jemen gab Washington 2010 noch einmal 150 Millionen Dollar.

CNN berichtete über mehrere für diese Woche angesetzte hochrangig besetzte Treffen der Obama-Administration, bei denen das weitere Vorgehen im Jemen nach den verhinderten Attentaten besprochen werden soll. Dabei würden aber nicht in erster Linie militärische Maßnahmen diskutiert, hieß es unter Berufung auf Regierungsvertreter. Stattdessen gehe es vor allem darum, Sicherheitslücken in der Luft- und Seefahrt zu schließen.

Das US-Heimatschutzministerium und das Außenministerium hätten in diesem Zusammenhang ein neues Programm für den Jemen aufgelegt, dessen Details schon vor den vereitelten Anschlägen abgestimmt worden seien. Demzufolge sollen Mitarbeiter der Transportation Security Administration (TSA) die jemenitischen Behörden vor Ort dauerhaft unterstützen, um die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern.

phw/dpa

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