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Vereiteltes Flugzeugattentat US-Regierung hatte früh Hinweise auf Anschlag

War die US-Regierung vor Terrorattacken aus dem Jemen gewarnt? Einem Bericht zufolge lieferten abgehörte Gespräche Hinweise auf einen Anschlag. Die CIA soll zudem frühzeitig über die Radikalisierung Abdulmutallabs informiert gewesen sein - und entsprechende Protokolle nicht weitergeleitet haben.

Washington - Die US-Regierung wusste möglicherweise schon frühzeitig über Terrorpläne der jemenitischen Qaida Bescheid. Nach einem Bericht der "New York Times" vom Mittwoch verfügte die Regierung über Hinweise aus dem Jemen, die in Zusammenhang mit der vereitelten Attacke auf ein Flugzeug der Northwest Airlines stehen.

Der Zeitung zufolge hätten jemenitische Qaida-Terroristen in einem von den USA abgehörten Gespräch einen "nigerianischen Jungen" erwähnt, der für einen Anschlag vorbereitet werde.

Zwar wurde kein Name genannt, doch wäre es möglich gewesen, ihn durch Abgleich mit anderen Informationen mit dem 23-jährigen Nigerianer in Verbindung zu bringen, schreibt die Zeitung und beruft sich dabei auf zwei Regierungsbeamte.

Die Informationen über das überwachte Gespräch seien der Regierung vor dem 25. Dezember bekannt gewesen, heißt es in der "New York Times" weiter. Abdulmutallab hatte am ersten Weihnachtsfeiertag versucht, die mit fast 300 Menschen besetzte Maschine auf dem Flug von Amsterdam nach Detroit kurz vor der Landung zu sprengen.

Er wurde jedoch von Mitreisenden und Besatzungsmitgliedern an der Tat gehindert. Die Qaida im Jemen erklärte auf einer Internetseite, sie habe den Attentäter mit dem Sprengsatz ausgerüstet.

Vater sprach auch mit der CIA

Der Nachrichtensender CNN berichtet dazu, dass der Vater des nigerianischen Attentäters bereits vor Wochen den US-Geheimdienst CIA vor der islamistischen Radikalisierung seines Sohnes gewarnt hatte. Demnach fertigte ein CIA-Agent in Nigeria nach einem Gespräch mit dem Vater einen Bericht über die radikalislamischen Überzeugungen von Umar Faruk Abdulmutallab an. Der Bericht sei an das CIA-Hauptquartier im US-Bundesstaat Virginia geschickt, anschließend aber nicht ausreichend innerhalb der verschiedenen US-Geheimdienste verbreitet worden. Das "Wall Street Journal" berichtete, Abdulmutallabs Vater habe sich am 19. November in der US-Botschaft in der nigerianischen Hauptstadt Abuja mit der CIA getroffen.

Bisher war lediglich bekannt gewesen, dass der Vater die US-Botschaft in Nigeria gewarnt hatte. Dass auch die CIA dabei involviert war, war nicht bekannt. Der Nigerianer kam aufgrund dieser Warnung auf eine grobe Liste mit den Namen von über 500.000 Terrorverdächtigen - nicht jedoch auf eine engere Flugverbotsliste.

Nach Angaben der "Washington Post" vom Mittwoch geht das Weiße Haus inzwischen bei dem vereitelten Anschlag immer mehr von einer "gewissen Verbindung" zu al-Qaida aus. Man sei "zunehmend sicher", dass das Bekenntnis der Terrororganisation der Wahrheit entspreche und der 23-jährige Nigerianer wirklich von al-Qaida mit dem Sprengstoff ausgestattet wurde.

Barack Obama

US-Präsident hatte am Dienstag in einer Audiobotschaft von seinem Urlaubsort auf Hawaii "potentiell katastrophale" Sicherheitsmängel bei dem vereitelten Flugzeuganschlag von Detroit eingeräumt. Die Sicherheitsbehörden hätten klare Warnungen übersehen, sagte der Präsident.

Zugleich mehren sich Hinweise, dass das Attentat von langer Hand im Jemen geplant wurde. Zwei von vermutlich vier Drahtziehern sollen Ex-Häftlinge aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo gewesen sein, berichtet der TV-Sender ABC unter Berufung auf Regierungsquellen.

Widerstand gegen Guantanamo-Schließung

Qaida

Die aus Saudi-Arabien stammenden Ex-Guantanamo-Häftlinge "Nummer 333" und "Nummer 372" seien im November 2007 in ihr Heimatland überstellt worden. Beide hätten später Führungsrollen der im Jemen übernommen.

Guantanamo

Die mutmaßliche Verstrickung von -Häftlingen verstärkt in den USA den Widerstand gegen Obamas Pläne, das Lager auf Kuba rasch zu schließen. Obama wollte das Lager ursprünglich bis Januar dichtmachen. Ein Teil der Häftlinge soll in einem Gefängnis im Bundesstaat Illinois untergebracht werden.

Dagegen betonten jemenitische Sicherheitsorgane, sie hätten über Terrorkontakte des Nigerianers keine Kenntnis gehabt. "Der Jemen hat über diese Person keine Informationen erhalten, und sie stand auch auf keiner der Terrorlisten, die den jemenitischen Behörden (von den USA) übermittelt wurden", sagte Informationsminister Hassan al-Lausi in Sanaa.

Komplizen in Nigeria?

Der nationale Sicherheitsberater Nigerias, Abdul Sarki Mukhtar, warf dem Geheimdienst seines Landes indes Versagen vor. Abdulmutallab hatte einem Bericht der nigerianischen Zeitung "The Guardian" zufolge möglicherweise Mitwisser in seiner Heimat. Derzeit werde gegen die Söhne zweier ehemaliger Richter ermittelt.

Die Geheimdienstbehörde NIA habe über einen Bericht über Abdulmutallab verfügt, nachdem dessen Vater sich aus Sorge über die zunehmende Radikalisierung seines Sohnes an einen Geheimdienstoffizier gewandt, kritisierte Mukhtar in einem Schreiben an den Direktor der NIA. Dieser Bericht sei jedoch nicht den verschiedenen anderen Sicherheitsbehörden bekanntgemacht worden.

Abdulmutallabs Vater, einer der prominentesten Banker Nigerias, hatte sich bereits im November an nigerianische und ausländische Sicherheitsbehörden gewandt, nachdem sein Sohn im Jemen untergetaucht war und alle Kontakte zur Familie abgebrochen hatte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die USA hätten ein Telefongespräch der Qaida abgehört. Die "New York Times" schreibt jedoch allgemein von einem Gespräch des Terrornetzwerks, das überwacht wurde. Wir bitten, den Übersetzungsfehler zu entschuldigen.

amz/dpa/AFP/Reuters/AP