Verfolgung Homosexueller Deutschland nimmt schwulen Tschetschenen auf

Verfolgt, verschleppt, gefoltert: In Tschetschenien sind Homosexuelle schweren Drangsalierungen ausgesetzt. Die Bundesregierung hat einem Betroffenen ein Einreisevisum bewilligt. Weitere Fälle werden geprüft.

Homosexueller Aktivist wird in Moskau bei Demonstration abtransportiert (Archivaufnahme)
Getty Images

Homosexueller Aktivist wird in Moskau bei Demonstration abtransportiert (Archivaufnahme)


In Tschetschenien gibt es keine Homosexuellen, das ist zumindest Regierungslinie. Tatsächlich aber werden sie in der Kaukasusrepublik verfolgt und misshandelt, wie Berichte von Aktivisten nahelegen. Die Bundesrepublik hat einem schwulen Tschetschenen deshalb nun ein humanitäres Visum ausgestellt, um ihm die Einreise zu ermöglichen.

Der Mann halte sich seit wenigen Tagen in Deutschland auf, teilte das Auswärtige Amt dazu mit. "Wir sind froh, dass wir in besonders schwierigen Fällen helfen können", zitiert der "Tagesspiegel" die Behörde. Demnach könnten demnächst weitere Homosexuelle humanitäre Visa erhalten.

Insgesamt seien an die deutsche Botschaft in Moskau fünf Fälle von Betroffenen herangetragen worden. "Die Bundesregierung prüft in allen Fällen, welche Unterstützung im Sinne und Interesse der Betroffenen jeweils geleistet werden kann." Neben dem bereits eingereisten Tschetschenen seien vier weitere in der Botschaft angehört worden.

Die regierungskritische russische Zeitung "Nowaja Gaseta" hatte im März von einer gezielten Verfolgungskampagne gegen Homosexuelle in der Kaukasusrepublik berichtet. Seit Februar wurden demnach mehr als hundert tatsächlich oder vermeintlich homosexuelle Männer von Milizen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow verschleppt und inhaftiert, mindestens zwei von ihnen sollen an Folgen von Misshandlungen gestorben sein.

Russland soll Druck machen

Die russische Regierung sagte auf Drängen des Europarats hin inzwischen zu, den Vorwürfen nachzugehen. Zuvor hatte sich der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte Moskau aufgefordert, Druck auf die Führung in Tschetschenien zu machen. Der Kreml müsse die Verfolgung stoppen, Homosexuelle lebten in einem Klima der Angst.

In der muslimisch geprägten Teilrepublik sind Homophobie und Stigmatisierung von Schwulen, Lesben und Transgender so groß, dass Familien mitunter die eigenen Kinder aus Scham verstoßen, wenn deren sexuelle Identität öffentlich wird. Die Behörden würden die Stigmatisierung noch voran treiben.

Aus dem Innenministerium von Präsident Kadyrow hieß es: "Man muss niemanden festnehmen oder unterdrücken, den es in unserer Republik gar nicht gibt."

vks/dpa/AFP



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