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18. November 2010, 11:03 Uhr

Vergewaltigungsvorwürfe

WikiLeaks-Chef Assange soll in Schweden in U-Haft

Showdown in Schweden: Die Staatsanwaltschaft des Landes geht gegen WikiLeaks-Chef Assange vor. Die Ermittler wollen ihn zu den Vergewaltigungsvorwürfen befragen und haben jetzt einen internationalen Haftbefehl beantragt - weil sie seiner nicht anders habhaft werden.

Stockholm - Die schwedische Staatsanwaltschaft will WikiLeaks-Gründer Julian Assange in Untersuchungshaft nehmen. Die Behörde teilte mit, am Nachmittag würde über einen Haftbefehl entschieden. Sollte das zuständige Gericht zustimmen, werde der Australier international zur Fahndung ausgeschrieben.

Assange werde der Vergewaltigung und der sexuellen Belästigung verdächtigt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der Grund für den Antrag auf einen Haftbefehl sei, dass die Ermittler den Internetaktivisten bisher nicht für eine Befragung hätten erreichen können, sagte Sprecherin Marianne Ny. Assange hat die Vorwürfe stets von sich gewiesen. Es handle sich um eine Kampagne gegen ihn und WikiLeaks, sagte er.

Die Vorwürfe gegen WikiLeaks-Gründer Assange waren im August bekannt geworden. Zwei Frauen hatten sich bei der schwedischen Polizei gemeldet und Assange der Vergewaltigung und Belästigung beschuldigt. Daraufhin wurde ein Haftbefehl beantragt, nach wenigen Tagen aber wieder zurückgezogen - bis kurz darauf die Ermittlungen in der Sache erneut aufgenommen wurden.

Im Oktober entzogen dann die schwedischen Behörden Assange die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Nach Bekanntwerden der Anschuldigungen legten WikiLeaks-Mitarbeiter ihm einen Rückzug aus der Organisation nahe, bis die Vorwürfe ausgeräumt seien. Assange verweigerte dies.

Politisches Asyl in der Schweiz?

Zuletzt erwog Assange, sich in der Schweiz niederzulassen und dort politisches Asyl zu beantragen. Die Schweiz sei neben Island das einzige westliche Land, in dem sich WikiLeaks sicher fühle, sagte er Anfang November im Schweizer Fernsehen. Mitarbeiter der Plattform fühlten sich wegen der Protokolle über die Kriege im Irak und in Afghanistan vom US-Verteidigungsministerium bedroht, erklärte der Internetaktivist mehrmals.

Ende Juli hatte WikiLeaks zunächst für Wirbel gesorgt, weil die Seite zehntausende Geheimdokumente zum Nato-Einsatz in Afghanistan öffentlich machte; Ende Oktober sorgte Wikileaks weltweit für Aufsehen, als es fast 400.000 Geheimdokumente zum Irak-Krieg veröffentlichte. In beiden Fällen berichtete der SPIEGEL exklusiv über die Protokolle. Aus ihnen geht unter anderem hervor, dass die US-Armee trotz ihres Wissens von Folterungen von Gefangenen durch irakische Sicherheitskräfte nicht einschritt.

kgp/flo/AFP

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