Vergifteter Ex-Spion Litwinenko lachte über Warnungen vor russischem Killer-Kommando

Ex-Agent Litwinenko hat noch am Tag seiner Erkrankung Warnungen in den Wind geschlagen, nach denen ihn ein russisches Geheimdienst-Kommando umbringen wollte. Die Informationen seines Kontaktmanns Scaramella hielt er für unseriös. Der Italiener bangt inzwischen selbst um sein Leben.


London/Moskau – Als Mario Scaramella den ehemaligen russischen Agenten Alexander Litwinenko am 1. November in der japanischen Sushi-Bar "Itsu" in London traf, präsentierte der italienische Geheimdienstexperte diesem die Ausdrucke zweier E-Mails mit brisantem Inhalt. Die britischen Tageszeitungen "Daily Telegraph" und "The Guardian" veröffentlichten heute Details aus den Dokumenten. Darin hieß es, russische Agenten des Auslandsgeheimdienstes SWR und die Geheimdienst-Veteranen-Gruppe "Würde und Ehre" seien auf "Russlands Feind Nummer 1" Beresowski und seinen "Waffenbruder" Litwinenko angesetzt.

Polizei vor der Londoner "Itsu"-Bar: Hier zeigte Scaramella dem Ex-Agenten die Todesliste
AFP

Polizei vor der Londoner "Itsu"-Bar: Hier zeigte Scaramella dem Ex-Agenten die Todesliste

Außerdem stehe dem Memo zufolge auch Scaramellas Landsmann, der italienische Senator Paolo Guzzanti, auf der Liste. Scaramella werde als "MS", Guzzanti als "PG" geführt. Guzzanti leitet einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Rom, der sich mit der Tätigkeit sowjetischer Geheimdienste in Italien befasste.

"Die Namen von MS und PG werden immer öfter in vertraulichen Gesprächen zwischen Geheimdienstoffizieren erwähnt, die im SWR, Kreml und im Verband der 'SWR Veteranen Würde und Ehre' arbeiten", zitierte der "Daily Telegraph" aus dem Dokument. Ihre Aktivitäten stünden den russischen Interessen entgegen, es werde daher auch darüber diskutiert, ob es notwendig sei, Gewalt gegen die Feinde der Dienste anzuwenden.

Das Memo wurde demnach von Jewgeni Limarew verfasst, einem in der Schweiz lebenden Spezialisten für die Zusammenstellung solcher Einsatzgruppen. Limarews Vater habe in den 70er Jahren für den KGB gearbeitet. Laut "Guardian" wird in dem Papier der im britischen Exil lebende Wladimir Bukowsky als fünfte Zielperson genannt.

Mysteriöser Judo-Meister

Gegenüber dem "Guardian" sagte Scaramella, Litwinenko habe die Angaben seines Informanten als "filmreif" belächelt: "Alex lachte darüber. Er hatte kein Vertrauen in die Person, die die Nachricht geschickt hatte und sagte das ganze wäre unglaubwürdig und gehe an der Realität vorbei."

In der E-Mail an Scaramella wird den Berichten zufolge auch der Name von Oberst Walentin Welitschko, dem Kopf der Veteranengruppe "Würde und Ehre" genannt. Dieser sei, so schreibt der "Guardian", in die "Planung von Aktionen" gegen Senator Guzzanti und Scaramella verwickelt. Einen Beweis für eine Verbindung Welitschkos zur Vergiftung Litwinenkos gebe es nicht. Welitschko hat Moskau am vergangenen Freitag mit unbekanntem Ziel verlassen, in einem Interview mit dem "Guardian" hatte er Vorwürfe einer Verwicklung russischer Dienste in die Litwinenko-Affäre als Unsinn abgetan. Sein Kommentar zum Tod des Ex-Spions: "Wahrscheinlich hat er schlechtes Sushi gegessen."

Die zweite E-Mail nennt einen angeblichen potenziellen Attentäter. Dabei soll es sich um einen Offizier einer russischen Spezialeinheit handeln. Scaramellas Informant beschreibt ihn als schwarzhaarig und hager, er "spricht gut englisch und portugiesisch und hat einen Meistergürtel im Judo", obwohl er unter einer leichten Lähmung seines rechten Beines leide. Der Mann sei derzeit für eine Aufklärungsmission in Neapel.

Obwohl Litwinenko an der Glaubwürdigkeit dieser Angaben zweifelte, versprach er Scaramella, diese noch einmal zu prüfen. Die beiden trafen sich offenbar regelmäßig, um sich über Geheimdienst-Themen auszutauschen. "Alex verfügte über ein enormes Wissen über den KGB und den FSB. Er hatte unglaubliche Archive und Kontakte", schwärmte Scaramella gegenüber dem "Guardian".

Scaramella noch "wohlauf"

Der Italiener muss nach der Entdeckung radioaktiver Spuren von Polonium 210 in seinem Urin selbst um sein Leben bangen. Der 36-jährige wurde unter Quarantäne gestellt, zeigte aber nach Angaben seiner Ärzte in London bis Samstag keinerlei Symptome einer Vergiftung. Das University College Hospital, wo auch Litwinenko behandelt worden war, widersprach Medienberichten, wonach Scaramella bereits im Sterben liege. Der Italiener sei gesundheitlich "wohlauf", sagte ein Sprecher. Befürchtet wird allerdings, dass er an Krebs erkranken könnte. Die Dosis sei "potenziell tödlich", berichtete der "Guardian". Möglicherweise wird es lange Zeit dauern, bis Scaramella über sein Schicksal Gewissheit hat.

Auch bei Litwinenkos Witwe Marina wurden Spuren von Polonium gefunden. Die Gefahr für sie halten die Ärzte aber für "sehr gering", weil die Spuren im Urin nach Angaben der Gesundheitsbehörden erheblich niedriger als bei Litwinenko waren, der vergangene Woche nach qualvollem Leiden gestorben war. Scaramella musste sich am Samstag im Krankenhaus weiteren Tests unterziehen. Die 44-jährige Witwe Litwinenkos konnte zu Hause bleiben.

Die Obduktion von Litwinenkos Leichnam, die unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, wurde unterdessen abgeschlossen. Nach Informationen des "Guardian" enthielt der Körper eine 100-fach tödliche Polonium-Dosis. Auf dem Schwarzmarkt hätte die Menge rund 20 Millionen Pfund gekostet, umgerechnet fast 30 Millionen Euro. Offiziell soll das Obduktionsergebnis erst in einigen Tagen veröffentlicht werden.

Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow sieht indes noch immer keine Anzeichen für eine Verwicklung des russischen Geheimdienstes in den Tod Litwinenkos. Wenn man frage, wer davon profitiere, sehe er keinen Grund für Spekulationen, dass der FSB dahinter stecke, sagte Iwanow in einem am Samstag vom russischen Fernsehen ausgestrahlten Interview. Es sei völlig unzutreffend, dass Litwinenko viel gewusst habe. Russland sei aber bereit, jede mögliche Hilfe bei der Aufklärung des Falles zu leisten, bekräftigte Iwanow.

Strahlenverdacht in finnischem Flugzeug

Kurzzeitige Aufregung gab es am Samstag nach Berichten, nach denen das russische Transportministerium in einem Flugzeug der finnischen Fluggesellschaft Finnair in Moskau erhöhte Radioaktivität festgestellt habe. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht. Die finnische Nachrichtenagentur STT berichtete unter Berufung auf die Strahlenschutzbehörde in Helsinki, dass das Flugzeug nach Messungen - auch an den 70 Passagieren - wieder vom Flughafen Scheremetjewo starten konnte. Alle Werte seien normal gewesen. Das russische Transportministerium hatte in der über Helsinki aus Berlin gekommenen Maschine zunächst Radioaktivität festgestellt. Ein Sprecher der finnischen Strahlenschutzbehörde erklärte, dass möglicherweise ein in der Kabine mitgenommenes Paket den Verdacht ausgelöst haben könnte.

Zuvor waren auch in Verkehrsflugzeugen von British Airways Spuren von Radioaktivität gemessen worden. Die Maschinen wurden inzwischen aber wieder in Dienst gestellt, nachdem die Behörden sie nach Untersuchungen für ungefährlich erklärten. Auch beim Billigflieger Easyjet gab es Entwarnung. Die Behörden erklärten den Einsatz von zwei Maschinen der Fluglinie für unbedenklich, auf denen Scaramella geflogen war.

phw/AFP/reuters/dpa



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