Vergleich USA-Europa Warum wir den Amerikanern ähnlicher sind, als wir glauben
Aus der Perspektive der Ökologen erscheint Amerika immer als der große Verschwender. Schwere Autos, große Häuser, lange Wege zur Arbeit, kalte Winter, heiße Sommer - und dazu verschwenderische Angewohnheiten. Wenn man dann noch Bushs herzliches Verhältnis zur Ölindustrie hinzufügt und seine Weigerung, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, entsteht das Bild von einer Nation, die im ökologischen Sinne einem schwarzen Loch gleicht.
Fans der USA bei der WM 2006 in Deutschland: Nationalstolz auch in Europa weit verbreitet
Foto: DPAAber die Zahlen sagen etwas anderes: Der Öl-Verbrauch pro Kopf ist tatsächlich hoch. Doch wenn man seine Bedeutung in der Produktion betrachtet (also den Verbrauch in ein Verhältnis zu den produzierten Gütern oder zurückgelegten Meilen setzt), dann bleibt Amerika im europäischen Rahmen - und steht sogar besser da als Portugal, Griechenland, Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Island. Der Ausstoß von CO2 ist von 1990 bis 2002 zwar gestiegen - doch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt gefallen. Und dieser Rückgang fiel deutlicher aus als in neun von 27 EU-Staaten.
Auch beim Beitrag, den erneuerbare Energie leistet, liegen die USA im europäischen Mittelfeld - sowohl bei Biogas, als auch bei Biomasse, Geothermik und Wind. Die Ausgaben der USA zur Verhinderung von Emissionen (als Prozentsatz des Bruttoinlandprodukts) werden nur von Österreich, Dänemark, Italien und den Niederlanden übertroffen.
Und auch der Mythos von der übermotorisierten Nation kann widerlegt werden: Pro Kopf besitzen Amerikaner weniger Autos als Franzosen, Österreicher, Schweizer, Deutsche, Luxemburger und Italiener. Nur dass US-Bürger im Schnitt stärker auf ihren Wagen angewiesen sind. Wenn man ihre Kilometerleistung ins Verhältnis zur Größe des Lands setzt, liegen sie sogar hinter den Finnen, Schweden und Griechen.
Schrumpfende Müllberge, saubere Bauern
Bei der Müllproduktion bietet sich ein ähnliches Bild: Pro Kopf hinterlassen die Amerikaner sehr viel Abfall, wobei die Norweger noch schlimmer sind - und Iren und Dänen fast gleichauf.
Dafür ist Amerika bei der Wiederverwertung genauso gut wie Finnland und Frankreich - und besser als Großbritannien, Griechenland und Portugal. Seit 1990 ist der Müllberg in Amerika pro Kopf nicht mehr gewachsen - während in allen europäischen Staaten, für die Zahlen erhältlich sind, noch mehr dazugekommen ist - 70 Prozent in Spanien, mehr als 60 Prozent in Italien und mehr als 30 Prozent in Schweden.
"Die Alte Welt", versicherte der "Guardian" seiner recycelnden Leserschaft, "hat sich als Zweckgemeinschaft entwickelt - als Koalition der Menschheit und ihrer Umwelt, auch wenn das manchmal schwer gefallen ist. Die Besiedlung Amerikas aber war eine Eroberung - und zwar wurden nicht nur die Ureinwohner besiegt, sondern auch die Natur."
Auch wenn solche Vorstellungen diesseits des Atlantiks oft zu hören sind, geben sich die Vereinigten Staaten vergleichsweise mehr Mühe beim Naturschutz als die Europäer. Der Umweltaktivist Jeremy Rifkin behauptet zwar, dass Europäer im Gegensatz zu den Amerikanern eine "Liebe zu den inneren Werten der Natur zeigen, was man an der Wertschätzung der Europäer für die ländlichen Regionen und ihrem Bemühen für den Erhalt natürlicher Landschaftsformen erkennen kann". In Wahrheit aber ist der Prozentsatz der Fläche, die unter Naturschutz steht, in den USA fast doppelt so groß wie in Frankreich, Großbritannien oder sogar Schweden.
Konventionell arbeitende Bauern in den USA verwenden deutlich weniger Agrarchemie als ihre europäischen Kollegen. Weil sie auf gentechnisch optimierte Pflanzen setzen, ist auch ihr Einsatz von Pestiziden geringer. Italiener sprühen sieben Mal so viel auf ihr Felder - und Belgier sogar noch mehr.
Noch größer aber als die vermeintlichen Differenzen im Bereich der Wirtschaft oder des Umweltschutzes ist die Lücke, die angeblich bei den kulturellen Werten klafft. Von Amerikanern heißt es, sie seien nationalistisch orientiert und religiös, während Europäer als post-nationalistisch und säkular gelten. Aber auch hier stimmen die Klischees nicht.
Ja, Amerikaner sind Patrioten und Nationalisten, aber wenn man den Zahlen der "World Value Survey" folgt, die zwischen 1999 und 2001 erhoben wurden, dann unterscheiden sie sich dabei nicht wesentlich von den Europäern. Wenig überraschend sind es die Deutschen, die am wenigsten von Nationalstolz erfüllt sind. Spitzenreiter sind erstaunlicherweise nicht etwa die USA, sondern Portugal - dicht gefolgt auf dem zweiten Platz von den Iren. Zugegeben: Amerikaner denken eher als die europäischen Nationen, dass ihr Land das Beste ist.
Aber Portugiesen, Dänen und Spanier sind zu einem größeren Prozentsatz davon überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, wenn mehr Menschen so wären wie sie. Und unter Amerikanern ist auch Selbstkritik weiter verbreitet: Sie geben eher zu, dass sie sich für Eigenarten oder Handlungen ihrer Nation schämen, als dies Deutsche, Österreicher, Spanier, Franzosen, Dänen und Finnen tun. Übrigens geben die Skandinavier durch die Bank zu einem größeren Prozentsatz als die Amerikaner an, dass sie bereit wären, für ihr Land zu kämpfen.
Kein großer Gegensatz in Fragen der Religion
Auch bei der Frage nach der Religion lässt sich kein großer Gegensatz zwischen Amerika und Europa festmachen: "Religion ist überall förmlich spürbar, in den amerikanischen Schulen, am Arbeitsplatz und in öffentlichen Einrichtungen", behauptet der "Guardian": "Politiker wie Soldaten berufen sich in einem Maße auf Gott, wie es in Großbritannien einfach nicht schicklich wäre." Seltsam aber, dass die Queen dann den zusätzlichen Titel "Defender of the Faith" trägt - also den Glauben verteidigen soll. Und dass die Staatskirche 26 Sitze im Oberhaus des Parlaments einnimmt.
Für den amerikanischen Beobachter ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Einerseits ist da der zur Schau getragene Säkularismus, andererseits gibt es die staatstragende Bedeutung der Religion, die offenbar niemand in Zweifel zieht. Dänische Reisepässe ziert beispielsweise die Darstellung einer Kreuzigung aus dem zehnten Jahrhundert, auch wenn der Inhaber - wie heute doch sehr häufig - ein gläubiger Muslim sein mag.
Die Amerikaner liegen, was die Häufigkeit ihrer Anwesenheit im Gottesdienst betrifft nicht außerhalb der europäischen Bandbreite - sie ist in etwa vergleichbar mit den katholischen Regionen Europas. In den USA sagen weniger Leute von sich selbst, sie seien religiös, als in Portugal oder Italien. Auch der Anteil derer, die angeben, dass sie an Gott glauben, ist in den USA niedriger als in Irland oder in Portugal. Und Soziologen sagen, die höhere Beteiligung an Gottesdiensten sei nicht allein Ausdruck einer größeren Frömmigkeit, sondern ein Ergebnis des freien Marktes. Weil der Wettbewerb unter den Kirchen größer sei, habe sich eine größere Vielfalt und ein besseres Angebot entwickelt. Europas Staats- und Monopolkirchen hingegen müssen um die Aufmerksamkeit der Gläubigen kämpfen.
Wenn es aber eher eine Frage des Angebots ist als der Nachfrage, dann besteht zwischen Amerika und Europa kein Gegensatz religiöser oder säkularer Ausrichtung, sondern nur ein Unterschied, wie ein im Grunde ähnliches Bedürfnis nach Spiritualität gestillt wird.
Ein ähnliches Fazit lässt sich auch ziehen, wenn man die Einstellung zur Wissenschaft beiderseits des Atlantiks untersucht. Ohne Frage gibt es mehr Amerikaner als Europäer, die den Lehren der Kreationisten anhängen. Wobei der moderne amerikanische Kreationist interessanterweise nicht mehr behauptet, die Heilige Schrift allein sei schon Grund genug, die biblische Erklärung vom Ursprung der Welt zu glauben. Die Debatte findet jetzt tatsächlich auf dem Feld der Wissenschaft statt, und die Kreationisten versuchen, über Details zu diskutieren wie das Alter eines Fossils, wenn sie etwa den Nachweis führen wollen, dass die orthodoxe Erklärung der Evolution durchaus noch Lücken aufweist. Sie haben jedenfalls inzwischen akzeptiert, dass die moderne Welt die Sprache der Wissenschaft spricht.
In Europa hingegen ist das Reich der Pseudowissenschaften viel größer als in den USA. Nehmen wir nur die verschrobenen Ansichten der Anti-Impf-Liga des Bildungsbürgertums im feinen Londoner Vorort Hampstead Heath oder die irrationale Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, wie sie die Gegner der Gentechnik demonstrieren. Astrologie? In Europa sehr viel weiter verbreitet als in den USA. Dito die Homöopathie, auf die sich viel mehr Europäer verlassen.
Selbst wenn wir konstatieren, dass Religion für Amerikaner wichtiger ist, heißt das noch lange nicht, dass sie der Wissenschaft weniger vertrauen als Europäer. Warum soll ein Staat, der die Wissenschaft schätzt und fördert, nicht gleichzeitig dem Glauben eine Heimat bieten können? Es stimmt natürlich, dass der Anteil der Bevölkerung, der die Theorien von Darwin für richtig hält, in den USA geringer ist als in Europa - mit Ausnahme Nordirlands. Aber ansonsten sind Amerikaner von der Idee der Aufklärung überzeugt, dass der Mensch das Universum nur dann beherrschen kann, wenn er es auch versteht.
Weshalb sie sogar bei der Frage, ob Tierversuche zulässig sind, wenn sie Menschenleben retten, ungefähr so abstimmen wie der europäische Durchschnitt. Am deutlichsten zeigt es vielleicht eine Umfrage unter Schulkindern: In Amerika sind mehr Schüler der Ansicht, dass die Wissenschaft uns hilft, die Welt zu verstehen, als in allen europäischen Staaten mit der Ausnahme Italiens und Portugals.
Steuerehrlichkeit als Maß des Staatsvertrauens
Sie sehen die Welt also mit den Augen der Wissenschaft, doch Amerikaner gelten außerdem als eingefleischte Individualisten, die eine rigorose Ellenbogengesellschaft bilden. Motto: leben und leben lassen. Sie gelten als überzeugte Gegner jeder Form staatlicher Eingriffe, und in der Sichtweise der Europäer sind sie fast so etwas wie politische Anarchisten.
Andererseits registrierte eine Studie, die im Auftrag der Pew Foundation durchgeführt wurde, bei Amerikanern deutlich weniger Sorge, dass der Staat überhand nimmt, als bei Italienern oder Deutschen. Die Franzosen liegen gleichauf mit den Amerikanern, die Briten nur knapp dahinter. Amerikaner halten viel größere Stücke auf ihren Staat als alle europäischen Völker - mit Ausnahme der Schweizer und Norweger. Wobei man einschränkend sagen muss, dass keines der Völker seinen Vertretern wirklich uneingeschränkt Vertrauen schenkt.
Dabei spiegeln natürlich Aussagen im Rahmen einer Umfrage häufiger Wunschvorstellungen wider als die Wirklichkeit. Ein konkretes Maß dafür, wie sehr Amerikaner dem Staatsapparat vertrauen, ist ihre Bereitschaft Steuern zu zahlen. Anders als die Europäer zahlen US-Bürger fällige Steuern nämlich. Steuerhinterziehung und Steuerflucht sind in Griechenland und in Italien dreimal so hoch wie in den Vereinigten Staaten. Der Einsiedler in Montana, das Klischee vom amerikanischen Rebell, der sich allen Auflagen des Staates widersetzt, ist für die gesamte Nation ungefähr so repräsentativ wie die mordenden korsischen oder baskischen Separatisten für Europa.
Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie: Dicke Amis, flotte Europäer?
Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie: Warum unser Bild von den USA falsch ist
Im vierten Teil der Serie lesen Sie in den kommenden Tagen auf SPIEGEL ONLINE: Der einzige wirklich große Unterschied zwischen den USA und Europa. Fazit des Systemvergleichs.