Fotostrecke

Verletzte Syrer: Letzte Rettung im Libanon

Foto: SPIEGEL ONLINE

Verletzte syrische Regimegegner Auf Eselsrücken ins Feldlazarett

Nacht für Nacht schmuggeln Helfer teils schwer verletzte syrische Regimegegner über die Berge in den Libanon. An geheimen Orten versorgen geflohene Ärzte dort Hunderte ihrer Landsleute. Aber selbst dort sind die Dissidenten nicht sicher.

Seinen Humor hat der junge Syrer nicht verloren: "Ich weiß gar nicht, warum die auf mich geschossen haben. Ich habe doch nur einen Olivenzweig geschwenkt", scherzt er. Na gut, es sei eine Kalaschnikow gewesen, die er in der Hand gehabt habe, sagt er dann: Er sei an jenem Tag im Oktober in seiner Heimatstadt Kser als Wache eingeteilt gewesen, deshalb habe er eins der wenigen Gewehre im Besitz der Aufständischen bei sich gehabt.

Der 14. Oktober ist ein Freitag, und nach dem Gebet versammeln sich in der ostsyrischen Stadt 25.000 Menschen, um gegen das Regime von Baschar al-Assad zu demonstrieren. 25 Männer mit Sturmgewehren sollen sie schützen, die anrückenden Schergen des Regimes aufhalten, um den Zivilisten Zeit zur Flucht zu geben.

Tatsächlich greifen die syrischen Sicherheitskräfte das friedlich demonstrierende Volk an - so wie sie es seit nunmehr neun Monaten tun. Abu Hamdu, der zur Wache abgestellte Fliesenleger, wird sofort angeschossen. Anwohner ziehen ihn in eine Wohnung, schleppen den Blutenden über Hausdächer, wuchten ihn von Balkon zu Balkon: Überall in Syrien leisten die Bürger so Nachbarschaftshilfe.

Sie bringen Abu Hamdu zu einem Erste-Hilfe-Zentrum der Aufständischen am Stadtrand von Kser. Ein oppositioneller Arzt untersucht dort erstmals Abu Hamdus Wunden. Eine Kugel ist links in seine Hüfte eingeschlagen, hat einen Hoden und den Penis zerrissen und ist durch den Schenkel gegenüber wieder ausgetreten. Abu Hamdu verliert viel Blut, er muss operiert werden, sofort. Doch von ordentlicher medizinischer Versorgung in Sicherheit ist der 25-Jährige weit entfernt: In syrischen Krankenhäusern wartet der Geheimdienst, um Leute mit Schussverletzungen als "Terroristen" zu verhaften.

Also schmuggeln Aktivisten Abu Hamdu vier Stunden auf Eselsrücken und Bahren durch Felder und Berge in den nahen Libanon. Dort wird der kaum noch atmende Schwerverletzte vom telefonisch alarmierten libanesischen Roten Kreuz übernommen.

Krankenhäuser setzten selbst Schwerverletzte nach zwei Tagen vor die Tür

Anderswo wäre Abu Hamdus Odyssee damit vorbei: Sicher im Nachbarland angekommen, in einem dortigen Krankenhaus notoperiert, könnte er den langen Weg zurück ins Leben antreten. Nicht so im Libanon: Dessen Regierung wird von der schiitischen Miliz Hisbollah dominiert, die mit dem syrischen Regime verbündet ist. Selbst im vornehmlich sunnitischen hohen Norden des Libanon, in dem die Menschen den Aufstand gegen Assad unterstützen, sind die etwa 10.000 Flüchtlinge aus Syrien deshalb nicht vor Handlangern des Regimes in Damaskus sicher. Es hat Entführungen gegeben, Attentate auf Dissidenten, Drohungen.

Vor allem verwundete Kämpfer schweben in Gefahr, sie fallen auf und sind hilflos. Die lokalen Krankenhäuser setzen selbst Schwerverletzte wie Abu Hamdu nach der Notversorgung und maximal zwei Tagen stationärer Behandlung vor die Tür: Sie wollen keinen Ärger mit den prosyrischen Behörden des Libanon. Und so verbrachte Abu Hamdu die zwei Monate seit seiner Operation in einem geheimen Feldlazarett im Nordlibanon. Wobei Lazarett ein großes Wort ist: Die Patienten liegen unter billigen Polyesterdecken auf Schaumstoffmatratzen auf dem Fußboden in von Sympathisanten angemieteten Wohnungen in Vororten von Tripoli, der zweitgrößten Stadt des Libanon. Hunderte Patienten sind seit Beginn des Aufstands in den Apartments versorgt worden - und es werden täglich mehr.

Der bewaffnete Kampf ist der einzige Weg

"Gestern haben sie uns fünf Männer gebracht, heute drei. Alle hatten Schuss- oder Schrapnellverletzungen", sagt Dr. Mazen. Vor einem Jahr machte der 24-Jährige in seiner syrischen Heimatstadt Banias seinen Abschluss als Zahnarzt, heute behandelt er im libanesischen Exil Flüchtlinge. Er betreut Amputierte, Querschnittsgelähmte, Männer, die in syrischer Haft gefoltert wurden, bevor sie über die Berge fliehen konnten. "Manchmal träume ich von einer schönen Kieferoperation, einer sauberen Sache", sagt Dr. Mazen.

Er ist nicht nur für die Überlebenden zuständig. Am Morgen ist einer der Neuankömmlinge gestorben, er hatte eine Kugel im Kopf. "In einem Leichenschauhaus können wir ihn nicht lassen, das kostet Geld. Und die Libanesen wollen keinen Ärger und deshalb keine syrischen Märtyrer auf ihren Friedhöfen", sagt der Zahnarzt, der sich aus Syrien absetzte, nachdem er wegen der Teilnahme an Anti-Assad-Demos verhaftet und eine Woche in einem Fußballstadium interniert worden war. "Also schmuggeln unsere Helfer den Toten jetzt wieder zurück nach Syrien, damit seine Familie ihn dort begraben kann."

"Ich zeige dir, warum wir zu den Waffen gegriffen haben"

Sowohl Dr. Mazen als auch Abu Hamdu sind überzeugt, dass der bewaffnete Kampf der einzige Weg ist, Syriens Diktatur zu stürzen. Es sei doch das Regime, das als erstes geschossen habe, argumentieren beide. "Am Anfang waren die Proteste friedlich, jetzt müssen wir uns schützen", sagt Dr. Mazen, der seine ganze Hoffnung in den Guerilla-Kampf der Freien Syrischen Armee setzt.

"Ich zeige dir, warum wir zu den Waffen gegriffen haben", sagt Abu Hamdu auf seinem Krankenlager und spielt auf seinem Handy ein kurzes, grauenhaftes Video ab. Schüsse fallen, Männer rennen, und zum Schluss zoomt der Handyfilmer auf drei Männer, die in großen Blutlachen auf dem Asphalt liegen. Einer hat kein Gesicht mehr, neben dem anderen liegt eine Art Fladen: sein Gehirn. Der dritte blutet aus einem klaffenden Loch im Schädel, junge Männer tragen den Sterbenden weg.

Abu Hamdu, "Vater des Hamdu", nennen sie ihn. In der arabischen Welt ist es üblich, dass Männer nach ihrem Erstgeborenen benannt werden. Oder, wie in diesem Fall, nach dem Namen, den der Verletzte seinem ersten Sohn gern geben würde. Nur dass er vermutlich nie einen Sohn haben wird: Die Kugel hat seine Geschlechtsorgane zerfetzt. Es wäre ein Wunder, wenn er je ein Kind zeugen könnte. In zwei Monaten wollen Ärzte seinen Penis rekonstruieren. Sobald er sich davon erholt hat, möchte Abu Hamdu zurück nach Syrien: "Ich will meine Rache", sagt der Invalide. "Ich will den Bastard Assad mit meinen eigenen Händen stürzen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.