Vermisste Reporterin im Irak Journalisten verteidigen lebensgefährliche Berichterstattung

Das Schicksal der im Irak verschwundenen Journalistin Florence Aubernas ist ungewiss. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac drängt Reporter, sich aus dem Irak fernzuhalten - doch die Zeitungen verteidigen ihr Recht, aus Krisenregionen zu berichten.


Seit Mittwoch vermisst: Florence Aubenas
AFP

Seit Mittwoch vermisst: Florence Aubenas

Paris - Von Florence Aubenas, Bagdad-Korrespondentin der linksliberalen Zeitung "Libération", gibt es seit drei Tagen kein eindeutiges Lebenszeichen, allenfalls vage Hinweise. Am Mittwoch hatte Aubenas, 43, gemeinsam mit dem irakischen Übersetzer Hussein Hanun al-Saadi ihr Hotel in der irakischen Hauptstadt verlassen. Seitdem ist unklar, ob sie entführt oder gar getötet wurden.

Vermummte Männer hatten irakischen Journalisten am Freitag in Balad, 75 Kilometer nördlich von Bagdad, erklärt, die beiden seien bei guter Gesundheit. Die Männer nannten allerdings nicht den Namen der verschwundenen Reporterin. Die Zeitung "Libération" hatte bis Samstagnachmittag nichts von Aubernas und ihrem Begleiter gehört. Auch ein US-Militärsprecher erklärte, dass jede Spur fehle - es gebe auch keine Hinweise auf eine Verhaftung, weder bei den internationalen Militäreinheiten noch bei den irakischen Sicherheitskräften.

Aubenas ist eine erfahrene Journalistin, die zuvor schon in Ruanda und Algerien, im Kosovo und in Afghanistan arbeitete. Sie war am 16. Dezember nach Bagdad gekommen, um über weibliche Parlamentskandidaten bei den Wahlen am 30. Januar und über Flüchtlinge aus der zerstörten Stadt Falludscha zu berichten. Ihr Übersetzer al-Saadi arbeitet bereits seit zwei Jahren für "Libération"-Korrespondenten.

"Rumsfeld und Qaida als wichtigste Informationsquellen"

Das Verschwinden der Journalistin und ihres Begleiters nährt in Frankreich Befürchtungen über ein weiteres Geiseldrama. Erst vor gut zwei Wochen waren im Irak Christian Chesnot und Georges Malbrunot, Sonderkorrespondenten der Zeitung "Le Figaro", nach viermonatiger Geiselhaft freigelassen worden. Eine Gruppe namens "Islamische Armee des Irak" hatte sich zu der Entführung bekannt und gefordert, dass Frankreich sein Verbot muslimischer Kopftücher an Schulen aufheben solle. Die Regierung in Paris lehnte die Forderung ab. Die Entführung der beiden Franzosen schockierte das Land, das sich vehement gegen den US-Einmarsch in den Irak gestellt hatte.

Kehrten kurz vor Weihnachten zurück: Reporter Chesnot (links) und Malbrunot
DPA

Kehrten kurz vor Weihnachten zurück: Reporter Chesnot (links) und Malbrunot

Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac hat Journalisten bei einem Neujahrsempfang aufgefordert, dem Irak fernzubleiben. Doch das lehnen französische Journalisten ab und halten an ihrem Recht zur Berichterstattung fest. "Am Tag, wenn keine Journalisten mehr in Bagdad sind, werden US-Verteigungsminister Donald Rumsfeld und Qaida-Vertreter Abu Mussab al-Sarkawi die wichtigsten Informationsquuellen sein", schrieb "Libération"-Chef Serge July in einem Leitartikel.

Auch die ehemalige Geisel Christian Chesnot hält es für notwendig, weiter in Krisengebieten präsent zu sein, rief Journalisten aber zur Vorsicht auf. "Natürlich müssen wir über Ereignisse im Irak weiter berichten, aber wir müssen auch die Lektion aus den dramatischen Erfahrungen lernen, die wir durchmachten. Je länger ein Journalisten bleibt, desto leichter lässt er sich finden und desto verletzbarer wird er", sagte Chesnot in einem Interview. Eine ähnliche Ansicht vertritt auch Robert Menard, Generalsekretär der Organisation "Reporter ohne Grenzen": Bei längeren Aufenthalten seien Journalisten stärker gefährdet, aber "am schlimmsten wäre es, wenn er gar keine Reporter mehr im Irak gäbe".



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