Verschleppte Deutsche Bundesregierung hat ersten Kontakt zu Entführern

Die Bundesregierung hat einen ersten Kontakt zu den Entführern der beiden deutschen Ingenieure im Irak. Inzwischen gibt es auch erste Hinweise auf die Kidnapper: Dem Nachrichtensender al-Dschasira zufolge gehören sie einer islamistischen Extremistengruppe an.


Berlin - "Die Kontaktaufnahme seitens der Entführer hat stattgefunden", sagte Frank-Walter Steinmeier dem Fernsehsender RTL heute. Die Bundesregierung versuche "mit Bedacht und Augenmaß" vorzugehen, um das Leben der Geiseln "in keiner Weise zu gefährden". Außenamtssprecher Martin Jäger betonte ebenfalls, das Leben und die körperliche Unversehrtheit der Entführten habe "absoluten Vorrang".

Geiseln Bräunlich und Nitzschke: Seit Dienstag in der Gewalt der Kidnapper
AFP/ DSK

Geiseln Bräunlich und Nitzschke: Seit Dienstag in der Gewalt der Kidnapper

Derzeit werteten Experten des Außenamtes, des Bundesnachrichtendienstes und des Bundeskriminalamtes das im TV-Sender al-Dschasira ausgestrahlte Video mit den beiden Entführten Thomas Nitzschke und René Bräunlich und den beiden Geiselnehmern aus. Jäger bezeichnete das Video als "bedrückendes Zeugnis menschlicher Erniedrigung".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Videobilder "erschütternd". "Diese Bilder haben mich und die Menschen im Lande tief bewegt", sagte sie heute in Berlin. Merkel appellierte an die Entführer, die Geiseln "unverzüglich" freizulassen. Die Bundesregierung verurteile die grausame Entführung auf das "Allerschärfste", sagte Merkel. Die Familie, Angehörige, Freunde und Mitarbeiter der Firma der Entführten sollten wissen, dass sie mit ihrer Sorge nicht allein seien.

Merkel sagte, die Bundesregierung werde nicht nachlassen im Bemühen, die Entführten "sicher, unversehrt und gesund" nach Hause zu bringen. Leben und körperliche Unversehrtheit der beiden Männer hätten "oberste Priorität". Der Krisenstab arbeite rund um die Uhr. Sie selbst lasse sich fortlaufend über den Stand der Dinge unterrichten.

"Erschütternde Bilder"

Zuvor hatte bereits Außenminister Steinmeier die Entführer aufgefordert, die beiden sächsischen Ingenieure "unverzüglich" freizulassen. Er werde "alles Menschenmögliche" für die Freilassung der beiden Männer tun, sagte der SPD-Politiker. Er äußerte sein Entsetzen über die Videobotschaft: "Das waren erschütternde Bilder, die uns heute Morgen aus dem Irak erreichten."

Inzwischen gibt es erste Hinweise auf die Kidnapper: Sie gehören dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira zufolge einer islamistischen Extremistengruppe an. Die Männer hätten sich als Aktivisten der Gruppe Ansar al-Tahwid wal Sunna (Anhänger der göttlichen Einmaligkeit und der Sunna) bezeichnet, berichtete der Sender heute nach Ausstrahlung eines Videos, auf denen die Geiselnehmer zusammen mit den Entführten zu sehen waren. Die Entführer hätten auf dem Band keine Forderung gestellt, hieß es weiter.

In dem Video nennen die beiden sitzenden Deutschen ihre Namen und den ihres Unternehmens Cryotec. Sie bitten die Bundesregierung, alles zu tun, um ihre Freilassung zu erreichen. Mindestens zwei bewaffnete Männer stehen hinter den Geiseln.

Außenexperten mehrerer Parteien haben sich besorgt über die jüngsten Entwicklungen bei der Geiselnahme im Irak gezeigt. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), sagte heute am Rande der Bundestagssitzung, je weniger über operative Einzelheiten gesprochen werde, um so größer seien die Chancen für ein gutes Ende der Geiselnahme. Im Moment müsse man sich noch "große Sorgen" um die beiden verschleppten Ingenieure machen.

Der FDP-Außenexperte Werner Hoyer betonte nach der Verbreitung eines Videos mit den Entführten und vier Geiselnehmern ebenfalls, die Situation sei "äußerst ernst". Es sei nicht die Zeit, der Bundesregierung Ratschläge zu geben. Polenz betonte, er habe volles "Zutrauen" in die Bemühungen der Bundesregierung. Auch der Grünen-Außenexperte Jürgen Trittin ist überzeugt, dass die Bundesregierung alle Kontakte nutze, um die beiden Entführten wieder heil und gesund zu ihren Familien nach Sachsen zu bringen.



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