Verschleppter US-Bürger Qaida-Chef Sawahiri bekennt sich zu Geiselnahme

Warren Weinstein wurde vor mehr als drei Monaten in Pakistan entführt. In einem Video reklamiert nun Qaida-Chef Sawahiri die Tat für sein Terrornetzwerk. Ihm geht es vor allem um Aufmerksamkeit - seine Bedingungen für die Freilassung der Geisel sind unerfüllbar.

Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri: Kampf um internationale Aufmerksamkeit

Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri: Kampf um internationale Aufmerksamkeit

Von Yassin Musharbash


Islamabad - Das Terrornetzwerk al-Qaida hat den vor mehr als drei Monaten in Pakistan verschleppten US-Bürger Warren Weinstein in seiner Gewalt. Das sagte Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri in einer am Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft. Die Nachricht ist knapp über eine halbe Stunde lang und trägt den Titel: "Botschaft der Hoffnung und der Freude an unsere Leute in Ägypten, Teil acht". Sie wurde am späten Donnerstagabend über mehrere von al-Qaida autorisierte und regelmäßig für solche Zwecke genutzte Websites verbreitet und liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Eine unabhängige Bestätigung für die Echtheit der Ansprache liegt zwar nicht vor. Aber der Fundort, der Inhalt, die Stimme und das gezeigte Standbild Sawahiris sprechen dafür.

In dem Video stellt Sawahiri die Geiselnahme des 70-jährigen Weinsteins durch al-Qaida auf dieselbe Stufe wie die Festnahmen von Terrorverdächtigen durch die USA: "Wir haben diesen Mann genau so festgenommen, wie die USA jeden festnehmen, dem sie eine Beziehung zu al-Qaida oder den Taliban unterstellen, selbst wenn das nicht stimmt", heißt es in einem von al-Qaida verbreiteten arabischen Transkript zu der Ansprache, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Sawahiri geht es um Öffentlichkeitsarbeit

Für Weinsteins Freilassung stellt der Qaida-Chef acht Bedingungen, die freilich unerfüllbar sein dürften. Darunter sind die Öffnung der Grenze zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen; die Freilassung des wegen Terrorismus in den USA inhaftierten Scheichs Omar Abdel-Rahman; die Einstellung aller "Schläge jeder Art der USA und ihrer Verbündeten in Pakistan, Afghanistan, dem Jemen, Somalia und Gaza"; die Freilassung aller, die wegen vermuteter Verbindungen zu al-Qaida und den Taliban inhaftiert sind, sowie die Freilassung aller Angehörigen von Osama Bin Laden.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass al-Qaida Geiseln nimmt und deren Freilassung an politische Forderungen knüpft, im Irak war das lange geradezu ein Markenzeichen der dortigen Filiale, in Nordafrika ist es das immer noch. Für die Qaida-Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, die für sich die strategische Führung über alle Filialen reklamiert und sich zugleich immer ein wenig abgehoben und als über den Dingen stehend präsentiert, ist es jedoch das erste Mal.

Es ist davon auszugehen, dass Sawahiri vor allem internationale Aufmerksamkeit erregen möchte. Was ihm auch gelingen dürfte. Sawahiri, der nach dem Tod Osama Bin Ladens die Führung al-Qaidas übernahm, hat sich zwar in den vergangenen Monaten immer wieder zu Wort gemeldet - aber niemals dasselbe Aufsehen erregt wie sein Vorgänger. Meistens sprach er über den Arabischen Frühling und dessen Folgen für al-Qaida. Doch er ist ein uncharismatischer Redner, seine Worte verfingen nicht einmal bei den eigenen Anhängern. Anders als Bin Laden schlug ihm kein Enthusiasmus entgegen.

Druck auf die USA

In der aktuellen Ansprache wird die Geisel nicht vorgeführt. Sie gibt, so sie sich denn wirklich in al-Qaidas Händen befindet, Sawahiri die Gelegenheit, die USA unter Druck zu setzen. Zugleich ist die Geiselnahme aber auch ein Zeichen der Schwäche: Al-Qaida hätte in den vergangenen Jahren zu jedem denkbaren Zeitpunkt eine ähnliche Geiselnahme durchführen und propagandistisch ausschlachten können. Sie hat dies nie getan, weil das angestrebte Markenzeichen große, internationale Operationen waren, die das Netzwerk und vor allem seine Führung von anderen dschihadistischen Gruppen unterscheiden sollten. Ein solcher Anschlag ist al-Qaida jedoch lange Zeit nicht mehr gelungen.

Zugleich spiegelt die Geiselnahme eine der letzten strategischen Vorgaben Osama Bin Ladens wider, in der er das Festsetzen von Franzosen durch al-Qaidas Filiale in Nordafrika gerechtfertigt hatte.

Warren Weinstein war am 13. August aus seinem Haus in einem noblen Viertel der pakistanischen Metropole Lahore entführt worden. Er arbeitete für eine private Firma, die unter anderem für die US-Entwicklungsorganisation USAID Projekte ausführt. Er lebte bereits sieben Jahre in Pakistan. Sawahiri warf ihm vor, seit den siebziger Jahren "bis zum Hals" in der US-Hilfe für Pakistan aktiv gewesen zu sein.

Mit Material von AP



insgesamt 9 Beiträge
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schlabbedibapp 02.12.2011
1. Na das war ja wieder mal eine Al Kaida - Meisterleistung
Zitat von sysopVor mehr als drei Monaten wurde der US-Bürger Warren Weinstein verschleppt. In einem Video, das SPIEGEL ONLINE vorliegt,*bekennt sich nun al-Qaida-Chef Sawahiri zu der Entführung. Er stellt acht unerfüllbare Bedingungen für die Freilassung der Geisel, ihm geht es vor allem um internationale Aufmerksamkeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801206,00.html
Al Kaida ist ja sehr bescheiden geworden. Der Drohnenbeschuss ist ein probates und sehr effektives Mittel, sich dieser Terroristen zu entledigen und scheint wohl den nötigen Respekt zu erzeugen.
Pepito_Sbazzagutti 02.12.2011
2. Eitelkeit
Mir scheint, es geht Herrn Sawahiri primär nicht einmal um die Geisel und die gestellten Forderungen, sondern eher darum, dass er nicht soviel Aufmerksamkeit erhält wie sein Vorgänger. Maßlose Eitelkeit, das ist es, was einen Großteil der Terroristenanführer auszeichnet.
jaein 02.12.2011
3. helfersyndrom
Zitat von sysopVor mehr als drei Monaten wurde der US-Bürger Warren Weinstein verschleppt. In einem Video, das SPIEGEL ONLINE vorliegt,*bekennt sich nun al-Qaida-Chef Sawahiri zu der Entführung. Er stellt acht unerfüllbare Bedingungen für die Freilassung der Geisel, ihm geht es vor allem um internationale Aufmerksamkeit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801206,00.html
..und diese aufmerksamkeit gibt ihm spon auch noch. muß das sein..?
axel09 02.12.2011
4. Gute Verhandlungsbasis
Solche Vorgänge wären eine Chance, zwischen beiden Parteien zu vermitteln, das Leben der Geisel zu retten und die Freiheit für Gefangene der anderen Seite zu bewirken. Aber leider will ja niemand Ausgleich. Ein einseitiger Sieg gegen den "Terror" ist nicht möglich. Also ist hier ein Hebel, um die Spirale der Gewalt zu brechen und Frieden zu schließen. Viele werden das als naiv ansehen, aber ich denke, es wäre auch für die USA möglich, über ihren Schatten zu springen. Leider passen diese sog. "Terrorgruppen" meistens gut ins Konzept der Machteliten.
tamtamm 02.12.2011
5. Na ja trotzdem sollte
über bestimmte Forderungen einmal gesprochen werden. Warum kann die Grenze Ägypten - Gaza nicht geöffnet werden? Werden da die Palästinenser als Geisel gehalten? Ist das nicht auch Geiselnahme?
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