Verschleuderte Aufbauhilfe US-Regierungsbericht enthüllt 120-Milliarden-Dollar-Fiasko im Irak

Mehr als hundert Milliarden Dollar Aufbauhilfe haben die USA seit der Invasion in den Irak gepumpt - doch einem internen Regierungsbericht zufolge ist ihre Wirkung weitgehend verpufft. Dem Verteidigungsministerium wird vorgeworfen, Erfolge schlicht erfunden zu haben.


Berlin - Die bisher geflossenen 117 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau des Irak sind nahezu wirkungslos geblieben. Zu diesem Schluss kommt ein noch nicht veröffentlichter Untersuchungsbericht der US-Regierung, der an die "New York Times" lanciert wurde.

Die Zahlen in dem 513 Seiten starken Bericht zeichnen der Zeitung zufolge ein klares Bild: Der Irak ist in den vergangenen fünf Jahren kaum stärker wiederaufgebaut worden, als er beim US-Einmarsch im März 2003 und den folgenden Plünderungen im Land zerstört wurde. Wesentliche Infrastruktur wie Stromnetz, Trinkwasserversorgung und Telefonnetz sei nach dem Krieg zu 70 Prozent oder komplett zerstört gewesen, heißt es in dem Bericht. Fünf Jahre später liege die Stromproduktion höchstens zehn Prozent über dem Vorkriegsniveau. Die Trinkwasserversorgung sei seither nur um 30 Prozent verbessert worden.

Der Bericht wurde von dem US-Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau, Stuart Bowen, angefertigt. Er basiert auf 600 Inspektionen im Laufe der fünf Jahre sowie 500 aktuellen Gesprächen.

Als einen Grund für die Wirkungslosigkeit der Investitionen nennt der Bericht mangelnde Irak-Kenntnisse und mangelnde Sorgfalt der US-Behörden. So habe ein Beamter der Behörde für Internationale Entwicklung in vier Stunden bestimmen sollen, wie viele Kilometer Straße im Irak repariert und wieder in Betrieb genommen werden müssten. Die Schätzung des Beamten, die sich auf Recherchen in der Bibliothek der Behörde stützten, sei direkt in den US-Rahmenplan für den Irak eingeflossen, zitierte die "New York Times" aus dem Berichtsentwurf.

Die Aufteilung von Hilfsgeldern wurde einem Patronagesystem überlassen, das von örtlichen Politikern und Stammeschefs kontrolliert wurde. Manche hätten sich wie Tony Soprano aus der US-Mafiaserie "The Sopranos" aufgeführt, heißt es in dem Bericht. Es habe eine zentrale US-Behörde gefehlt, die für den Wiederaufbau verantwortlich sei, heißt es in dem Bericht.

Die Autoren erheben auch schwere Vorwürfe gegen das Pentagon. Der frühere Außenminister Colin Powell wird laut "New York Times" mit den Worten zitiert, das Verteidigungsministerium habe in den Monaten nach dem Einmarsch die Zahlen der irakischen Sicherheitskräfte erfunden: "Die Zahl stieg jede Woche um 20.000 an: Wir haben jetzt 80.000, wir haben jetzt 100.000, wir haben jetzt 120.000."

Powells Beschreibung wird dem Bericht zufolge von dem früheren Kommandeur der Bodentruppen, General Ricardo Sanchez, und dem früheren Leiter der US-Verwaltung, Paul Bremer, bestätigt.

cvo/afp



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