Verschwörungstheorien Dämmerzone zwischen Wahn und Wissen

Verschwörungstheorien um die Terroranschläge vom 11. September sind in den USA populärer denn je. Jetzt bekommen ihre Fans auch noch Finanzhilfe. Ein Millionär verwettet 100.000 Dollar, um zu beweisen, dass hinter den Attentaten das Weiße Haus oder das Militär steckte.

Von , New York


 11. September 2001: Anschlag mit traumatischen Folgen
DDP

11. September 2001: Anschlag mit traumatischen Folgen

New York - Jimmy Walter hat Angst vorm Fliegen. Nach dem 11. September 2001 weigerte sich der Multimillionär aus Kalifornien lange, in Flugzeuge zu steigen, und nahm stattdessen die Bahn, um seine landesweiten Geschäftstermine wahrzunehmen. Inzwischen fliegt er zwar wieder, aber nur widerwillig - und heimlich: "Ich kündige das vorher nicht an."

Denn Walter, 57, ist fest davon überzeugt, dass die Hintermänner von 9/11 weiter frei herumlaufen. Allerdings nicht in Afghanistan oder im Irak. Sondern auf den Straßen New Yorks und Washingtons. "Das Ganze", flüstert er, "war ein Inside-Job."

Verschwörungstheorien um die Terroranschläge von New York und Washington gibt es seit dem Einschlag des ersten Flugzeugs in das World Trade Center, doch in den USA sind sie heute wilder und populärer denn je. Hat der Geheimdienst die Attentate inszeniert? Oder eine Mafia aus Regierung und Rüstungslobby, um den endlosen Krieg zu rechtfertigen? Die Ölindustrie? Vizepräsident Dick Cheney? Gar der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani?

Hartnäckig halten sich Urteile

Die abstrusen, aber stets irgendwo ein paar Staubkörnchen Wahrheit enthaltenden Fabeln wuchern im Internet, im Talk-Radio, auf dem "Sachbuch"-Markt - aber vor allem im geografischen Dunstkreis von Ground Zero. So erklärte in einer Umfrage des renommierten Zogby-Instituts noch Ende August jeder zweite New Yorker ernsthaft, das Weiße Haus habe über 9/11 "im Voraus Bescheid gewusst". In einer CNN-Blitzumfrage stimmten kürzlich sogar 89 Prozent der Zuschauer der flotten Behauptung zu, die US-Regierung vertusche die wahren Hintergründe der Attentate.

Und jetzt bekommen die Verschwörungs-Fans finanzstarken Flankenschutz: Jimmy Walter. Der muntere Kalifornier mit der grauen Haartolle, der sich als "Humanist, Christ und Buddhist" vorstellt, ist nach eigenen Angaben sieben Millionen Dollar schwer. Bisher hat er dieses kleine Vermögen, das er von seinem Vater, einem Bauunternehmer, geerbt hat, meist in idealistische Sozialprojekte gesteckt: umweltfreundlichen Städtebau, Wahlrecht für Arme, Resozialisierung von Straffälligen.

 Verschwörungsfan Walter: Ein Buch als Erweckungserlebnis
Marc Pitzke

Verschwörungsfan Walter: Ein Buch als Erweckungserlebnis

Doch seit dem Sommer frönt Walter einem neuen Hobby. "Früher habe ich diese Theorien über 9/11 auch nicht ernst genommen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dann aber habe er das Buch "Painful Questions" - eine Bibel der Verschwörungstheoretiker - gelesen und das Begleit-Video gesehen: "Da hatte ich plötzlich eine Erleuchtung."

Suche nach Beweisen

Dergestalt erleuchtet, begab sich Walter in jene beliebte Dämmerzone zwischen Politik und Popkultur, Fakt und Fiktion, Wahn und Wissen, in der so viele andere auch immer schon gerne herumtapsen. Er beschloss, sein Leben und seine Erbschaft fortan der "Aufklärung des 9/11-Komplotts" zu widmen.

Dazu schaltete er ganzseitige Anzeigen in der "New York Times" und im "Wall Street Journal", außerdem dramatische TV-Spots, unter anderem auf CNN und Fox News, allein das hat ihn bisher 3,5 Millionen Dollar gekostet. Ohne sich persönlich erkennen zu geben, wiederholte er darin all die bekannten "offenen Fragen", Hypothesen und vor allem versteckte Andeutungen, die seit dem 11. September 2001 Verschwörungstheoretiker in aller Welt beschäftigen.

Warum schossen beim Einsturz der Türme spitze Rauchwolken aus den Fenstern, wie bei einer kontrollierten Explosion? Warum wurde der Start der zweiten Maschine in Boston verzögert, "bis in New York die Live-Kameras liefen"? Weshalb fiel das Nachbargebäude WTC 7 in sich zusammen? Warum war das Loch im Pentagon kleiner als das Flugzeug, das es gerissen haben soll? Was wussten die mysteriösen Börsenspekulanten, die kurz zuvor auf einen Kurs-Crash gesetzt hatten? Wo sind die Black Boxes der Jets von Ground Zero?

Täter, Helfershelfer und Anstifter

Manche dieser Fragen sind in der Tat bis heute unbeantwortet, andere dagegen längst von Experten, Augenzeugen und dem 9/11-Untersuchungsausschuss - den Walter verächtlich als "Marionette" ablehnt - aus der Welt geräumt worden. All das stört Walter wenig. Auch stört ihn nicht, dass seine Thesen die Existenz zahlloser Komplizen voraussetzen, von denen offenbar bis heute kein einziger geplaudert hat. "Sie bringen jeden um, der redet", sagt er ominös. "Dieses Fuchsloch reicht so tief, es ist unglaublich." Selbst die Medien seien an der "Vertuschung" beteiligt. Doch Walter glaubt fest daran, dass das 9/11-Komplott irgendwann aufgedeckt wird: "Ich bin einer der Wenigen, der die Finanzmittel hat, das weiter voranzutreiben."

Sein jüngster Vorstoß: Walter steckt, als stiller Geldgeber, mit hinter einer losen Allianz verschwörungsbeseelter Bürgergruppen namens "Justice for 9/11", die jetzt beim New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer Strafanzeige eingereicht hat. In einer beigefügten Petition fordern die über 4700 Unterzeichner, darunter Hinterbliebene von Terror-Opfern und Überlebende jenes Tages, ein "unabhängiges" Ermittlungsverfahren unter Einsetzung einer Geschworenenjury. Sie wollten nicht nur "die Wahrheit ans Licht bringen", erklären sie, sondern auch "Milliarden Dollar an Schadensersatz" von den "wahren Tätern und Helfershelfern und Anstiftern".

 Gedenkfeier in New York: Mammutverfahren gegen die Versicherungsbranche
AFP

Gedenkfeier in New York: Mammutverfahren gegen die Versicherungsbranche

Zu deren Identität offeriert die Petition eine lange Liste potenzieller "Übeltäter": die US-Regierung, das Militär, Kommunalpolitiker, Vertragsfirmen, Großbanken, Wall-Street-Paten und ganz generell "andere Leute als 19 nahöstliche Flugzeug-Entführer". Eine konkrete Antwort auf die Frage nach den "wahren Mördern" aber vermag auch Walter nicht zu geben: "Da kann ich nur raten. Deshalb hoffe ich, dass Spitzer das jetzt aufdeckt." Spitzers Büro - das derzeit bis zum Hals in diversen Mammutverfahren gegen die US-Versicherungsbranche steckt - erklärte bisher nur, es sei "dabei, die Anzeige zu sichten".

Krude Indizien

"Spitzer ist unsere letzte Hoffnung", sagt auch David Kubiak, ein Öko-Aktivist aus Maine und Mitinitiator von "Justice for Peace". Auf der Website seiner Gruppe "911truth.org" findet sich eine Liste, auf der sich verschiedenste Verdachtsmomente anklicken lassen, die einen "gegenüber der offiziellen Story misstrauisch" gemacht hätten. Darunter: "Insider-Trading", "Intuition" und "anderes".

Jimmy Walter selbst empfiehlt dazu den Video-Reißer "911: In Plane Sight (The Director's Cut)", den seine PR-Agentin auch gleich umsonst in die Expresspost steckt, normalerweise kostet dieser im Internet-Versandhandel 20 Dollar. Der einstündige Streifen aus der Werkstatt des Radio-Talkers Dave vonKleist verspricht auf dem Cover "neues filmisches und fotografisches Beweismaterial einer möglichen Vertuschungsaktion" zu 9/11.

Stattdessen präsentiert das Filmchen, wie ein Musikvideo mit Thriller-Soundtrack, alte TV-Bilder wie die der in die Zwillingstürme jagenden Jets - teils so geschnitten, dass deren Einschläge im Takt choreografiert sind. VonKleist fährt Zeitlupen, elektronische Nahaufnahmen als "Beweise" auf, gespickt mit Hörensagen ("in der Gegend lag Sprengstoff versteckt"), Enten ("am Pentagon gab es keine Triebwerkstrümmer") und Spinnereien ("vielleicht liegt das Flugzeug 200 Fuß tief auf dem Boden des Atlantik"). Was natürlich fehlt, sind Indizien, die gegen seine Thesen sprechen - obwohl es die reichlich gibt.

100.000 Dollar für den Gegenbeweis

 Rettungskräfte am 11. September: Hinterbliebene fordern weiter Ermittlungen
REUTERS

Rettungskräfte am 11. September: Hinterbliebene fordern weiter Ermittlungen

Seit seiner 9/11-Anzeigenkampagne bekommt Jimmy Walter postalische Beschimpfungen und sogar Morddrohungen. Doch er will nicht locker lassen. Als nächstes plant er, 100.000 Dollar Belohnung für denjenigen auszuloben, der seine Komplott-Idee widerlegen kann und ihm einen wasserdichten Gegenbeweis liefert - ein Angebot, das ihm kaum den Schlaf raubt. Noch viel zu tun also: "Ich verbringe inzwischen fast die Hälfte meiner Zeit mit dieser Sache", sagt er. "Meine Freundin beschwert sich schon."



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