Verschwörungstheorien "Israel war's, ich habe es im Fernsehen gesehen"

In Pakistan kursieren wilde Theorien über Urheber der Terroranschläge. Viele Pakistaner hoffen, dass die USA bald Beweise vorlegen, um den Phantasien ein Ende zu setzen.


Mohammed Jakob Gugger: Al Gore war´s
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Mohammed Jakob Gugger: Al Gore war´s

Quetta - Mohammed Jakob Gugger sitzt auf dem Markt von Quetta und enthüllt, wer seiner Meinung nach wirklich hinter den Anschlägen vom 11. September steckt. Für ihn ist es klar: Es waren Al Gore und die Israelis. Guggers Verschwörungstheorie sieht folgendermaßen aus: "Die Wahlniederlage ihres demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore gegen den Christen George W. Bush im vergangenen Jahr hat die amerikanischen Juden wütend gemacht. Mit Gores Hilfe brachten sie Geheimdienstagenten des israelischen Mossad dann dazu, das World Trade Center in Schutt und Asche zu legen."

Mit jedem Tag werden die Gerüchte in Quetta wilder und fanatischer. Egal, welche Beweise die USA möglicherweise für eine Verstrickung von Osama Bin Laden in die Anschläge vorweisen können, eine radikale Fraktion unter den Moslems wird diesen nicht glauben. Andere Stimmen bitten die USA, die Belege öffentlich zu machen und so den Verschwörungstheorien ein Ende zu bereiten.

Die Nato hat die Informationen der USA gesehen und hält die Schuld Bin Ladens für bewiesen. Offen gelegt wurden diese Beweise in ihrer Gesamtheit bislang jedoch nicht, weil die Amerikaner fürchten, dass dadurch Geheimdienstquellen gefährdet werden könnten.

"Wir fürchten uns vor Moslemextremisten genau wie Sie", sagt Anwalt Raja Afsar einem amerikanischen Besucher am Obersten Gericht in der Provinz Balochistan, die im Norden an Afghanistan grenzt. Der 64-jährige Afsar gehört zu den angesehensten Anwälten Pakistans und er glaubt, dass sich auch die moslemische Bevölkerung hinter die Vereinigten Staaten stellt, wenn sie nur die Beweise für Bin Ladens Schuld gesehen hat.

"Der einzige Punkt, aus dem Bin Laden und seine Lobby möglicherweise Kapital schlagen können, wäre, dass ein unschuldiger Mann zum Opfer wird", sagt Afsar. Eine Militäraktion gegen Afghanistan sollte seiner Meinung nach schnell und vor allem gezielt erfolgen. Der 65-jährige Autor Thir Mohammed Khan, der der örtlichen Menschenrechtskommission vorsteht, ist der gleichen Meinung. Die Amerikaner müssten den Fall Bin Laden klären und dann die Taliban möglichst schnell stürzen, fordert er. Sollten die Amerikaner weiter warten, könnten die Radikalen stärkere Unterstützung bekommen und Widerstand anzetteln.

Autor Durrani: "Millionen Menschen werden eines Mannes wegen sterben"
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Autor Durrani: "Millionen Menschen werden eines Mannes wegen sterben"

Abdul Qayyum Durrani bereitet der wachsende Fundamentalismus erhebliches Kopfzerbrechen. Den Taliban wirft er vor, dem Ansehen des Islams zu schaden und das Blut Unschuldiger zu vergießen. Der 61-Jährige fürchtet nach einem massiven Angriff auf Afghanistan einen Aufstand extremistischer Moslems. "Millionen Menschen werden eines Mannes wegen sterben", prophezeit er düster und kritisiert die Koranschulen, in denen Jugendliche seiner Meinung nach außer Gehorsam gegenüber dem Imam wenig lernen.

"Ich liebe Bin Laden"

Doch in Quetta gibt es auch glühende Anhänger des in Afghanistan untergetauchten Extremistenführers. Eine Frau singt "Ich liebe Bin Laden", andere stimmen ihr zu. Für sie ist klar, dass Israel hinter den Anschlägen in New York und Washington steht, das die Moslems damit in Verruf bringen wollte. "Wir mögen Amerikaner, aber es ist ihre Politik, die wir nicht akzeptieren", sagt Saima Mahsood. Anna Khan listet amerikanischen "Terroranschläge" auf und nennt Vietnam, den Golfkrieg und die Unterstützung für Israel. Khan und Mahsood sagen zwar, dass ihre Unterstützung für Bin Laden in dem Moment ende, in dem die USA seine Schuld bewiesen hätten. Doch ihre Meinung steht schon vorher fest: "Osama könnte so etwas gar nicht tun", sagt Saima Mahsood, "er hat gar nicht die technischen Möglichkeiten dazu. Israel war's. Ich habe es im Fernsehen gesehen."



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