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31. Oktober 2009, 16:57 Uhr

Verstimmung unter Verbündeten

Pakistans Terrorjäger zürnen den USA

Von , Islamabad

Was weiß Islamabad über die Verstecke von Qaida-Chef Bin Laden und seiner Mitstreiter? Viel weniger als die USA, beteuern pakistanische Experten. Das Militär ist empört über den US-Vorwurf, es schwächele im Anti-Terror-Kampf - und präsentiert zum Beweis des Gegenteils brisante Papiere.

Eigentlich hatte alles besser werden sollen nach diesem Besuch von Hillary Clinton. Drei Tage verbrachte die US-Außenministerin in Pakistan, dem Land des wichtigen Verbündeten im Anti-Terror-Krieg. Es sollte ein Signal sein in Zeiten, in denen das Misstrauen gegenüber Amerika in Pakistan wächst: Man stehe an der Seite Islamabads und wolle ein neues Kapitel in den amerikanisch-pakistanischen Beziehungen aufschlagen. Clinton brachte millionenschwere Geschenke mit, für wirtschaftliche Entwicklung, eine bessere Energieversorgung, Bildung und Umweltschutz.

Doch dann sagte sie in trauter Runde mit pakistanischen Journalisten diese verheerenden Sätze über führende Terroristen, die sich angeblich in Pakistan verstecken: "Ich finde es schwer zu glauben, dass niemand in ihrer Regierung weiß, wo die Qaida-Chefs sich aufhalten, und dass sie nicht zu fassen sind, wenn man es doch wirklich will." Zwar milderte sie diesen harten Vorwurf gleich im nächsten Satz ab: Vielleicht kenne die pakistanische Regierung die Aufenthaltsorte tatsächlich nicht. "Vielleicht sind die Terroristen auch einfach nicht zu greifen, ich weiß es nicht. Aber soweit wir wissen, sind sie in Pakistan."

Die Empörung in Pakistan ist groß: Clinton habe mit diesen wenigen Worten deutlich gemacht, dass sie die früheren Beteuerungen, man vertraue Pakistan als Verbündetem im Anti-Terror-Krieg, nicht ernst gemeint habe, lautet das Fazit. "Das ist amerikanische Arroganz wie eh und je", sagt Rifaat Hussain von der Quaid-i-Azam-Universität in Islamabad. "Die Amerikaner besitzen Satelliten und Drohnen zur Aufklärung - Gerät, das Pakistan nicht hat. Wieso sollte die Regierung in Islamabad also mehr wissen als die in Washington?"

Imtiaz Gul, Vorsitzender des Zentrums für Forschung und Sicherheitsstudien (CRSS) in Islamabad, glaubt nicht, dass Islamabad Informationen zurückhält. "Mit ihrer Kritik versucht die US-Außenministerin nur, den Druck auf Pakistan zu erhöhen, noch mehr gegen Terrorismus zu tun." Es sei wahrscheinlich, dass sich hochrangige Terroristen in Pakistan versteckt hielten, sagt Gul. "Aber es ist naiv zu glauben, dass die Regierung ihren exakten Aufenthaltsort kennt." Die Amerikaner seien selbst viel besser informiert.

Auch amerikanische Diplomaten und Geheimdienstler sagen regelmäßig hinter vorgehaltener Hand, man wisse "in etwa, wo Qaida-Chef Osama Bin Laden, die Nummer zwei der Terrororganisation Aiman al-Sawahiri sowie Taliban-Anführer Mullah Omar sich aufhalten". Ein US-General sagte SPIEGEL ONLINE, man habe "Informationen" darüber, in welchen Regionen Pakistans sie seien. In der Vergangenheit haben sich solche Hinweise allerdings immer als wenig substantiell erwiesen. "Wir wissen, dass sie alle paar Tage den Ort wechseln. Und wir wissen, dass Bin Laden so krank ist, dass er nicht mehr allzu weite Entfernungen zurücklegen kann." Jedoch seien Versuche gescheitert, die exakten Orte ausfindig zu machen und die Terroristen zu fassen oder zu töten. "Bislang ist jeder unserer Spione enttarnt worden und hat seine Mission nicht überlebt." Bin Laden, al-Sawahiri und Omar seien umgeben von "gut bezahlten, extrem loyalen Leuten". Wie viele Versuche es bisher gegeben habe, die Terroristen aufzuspüren, wollte er nicht sagen. Man müsse die nächste Chance abwarten und dann zuschlagen.

"Ist das etwa nicht genug?"

Das pakistanische Militär weist allerdings Forderungen Washingtons zurück, den Druck auf die Terroristen zu erhöhen. "Wir haben die Taliban im Swat-Tal und in Malakand geschlagen. Derzeit führen wir eine Offensive in Süd-Waziristan durch. Ist das etwa nicht genug?", sagte ein Armeesprecher.

So habe das Militär nach tagelangen Gefechten diese Woche das Dorf Shawangai eingenommen, in dem die Taliban nach Auskunft der Armee eine Kommandozentrale betrieben. Bei der anschließenden Durchsuchung seien in einer Lehmhütte mehrere Dokumente von europäischen Staatsangehörigen gefunden worden, darunter ein grüner deutscher Reisepass von Said Bahaji, einem der wichtigsten Mitverschwörer der Attentäter vom 11. September 2001. Bahaji wird seit Jahren unter anderem vom Bundeskriminalamt gesucht.

Der in Hamburg lebende Mann ist eine Woche vor den Anschlägen auf New York und Washington untergetaucht. Nach pakistanischen Angaben flog er mit Turkish Airlines von Hamburg über Istanbul nach Karatschi, wo er am 4. September 2001 gemeinsam mit zwei Begleitern ankam - Abdullah Hussayni, einem belgischen Staatsbürger mit algerischen Wurzeln, und Ammar Moula, einem marokkanischstämmigen Franzosen. Allen drei Männern wird eine enge Verbindung zu al-Qaida nachgesagt. Zwei der drei Männer, darunter vermutlich Bahaji, reisten am Tag darauf in die Stadt Quetta weiter, die als Hochburg der Radikalen im Westen des Landes gilt.

Ist Bahaji bei der Offensive ums Leben gekommen?

Arshad Sharif, Reporter des Fernsehsenders DawnNews in Islamabad, bestätigte, dass unter den jetzt in Waziristan gefundenen Papieren der Pass von Bahaji war. Sharif ist einer von wenigen Journalisten, die das Militär erstmals in die umkämpfte Region begleiten durften. "Ich habe zwar nicht gesehen, wo genau die Dokumente gefunden wurden, aber ein Offizier präsentierte uns vor Ort mehrere Reisepässe, darunter den von Bahaji." Es seien weitere europäische Pässe unter den Fundstücken gewesen, er wisse aber nicht, aus welchen Ländern die Papiere stammten. Die Zeitung "Dawn" veröffentlichte das Foto eines spanischen Passes.

Laut Sharif ist es also sehr wahrscheinlich, dass unter den vom Militär gefangen genommenen Militanten auch europäische Kämpfer seien. Über den Verbleib von Said Bahaji sei aber nichts bekannt. Der Fund des Passes legt jedenfalls nahe, dass Bahaji zuletzt auf Seiten der Taliban kämpfte. Ein Offizier erklärte der pakistanischen Zeitung "Dawn", es sei unklar, ob Bahaji bei der Eroberung von Shawangai getötet worden oder ob ihm die Flucht gelungen sei. Ein anderer Offizier sagte SPIEGEL ONLINE, es könne auch sein, dass Bahaji sich zum Zeitpunkt der Offensive gar nicht in dem Ort aufgehalten habe. Seit seiner Einreise nach Pakistan, per Flug von Hamburg über Istanbul nach Karatschi, habe Bahaji das Land möglicherweise mehrfach Richtung Afghanistan verlassen, seit 2002 halte er sich regelmäßig in Waziristan auf. "Wenn er nicht tot ist, kämpft er noch und ist unser Feind", sagte er.

Hillary Clinton, überrascht von der harschen Kritik in der pakistanischen Presse an ihren Vorwürfen, milderte ihre Aussage am Freitag ab. Es sei im Interesse Pakistans und der USA zu versuchen, die Top-Terroristen "zu fangen und zu töten". Das würde den Terroristen weltweit einen schweren Schlag versetzen. Ihr Appell an die Pakistaner: "Lasst uns zusammenarbeiten und die Sache erledigen."

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