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01. Juni 2002, 00:18 Uhr

Vertreibung der Sudetendeutschen

Havel geht auf Distanz zu Ministerpräsident Zeman

Als "beunruhigend" hat der tschechische Präsident Vaclav Havel jüngste Aussagen von Mitgliedern der Prager Regierung genannt, die die Vertreibung der Sudetendeutschen gutgeheißen haben. Damit ging Havel auf Distanz zu Tschechiens Regierungschef.

Ganz offensichtlich wieder um Entkrampfung der politischen Verhältnisse bemüht: Tschechiens Präsident Vaclav Havel bei einem früheren Arbeitsbesuch von Bundekanzler Schröder. Im März 2002 platzte dagegen ein Reisetermin.
DPA

Ganz offensichtlich wieder um Entkrampfung der politischen Verhältnisse bemüht: Tschechiens Präsident Vaclav Havel bei einem früheren Arbeitsbesuch von Bundekanzler Schröder. Im März 2002 platzte dagegen ein Reisetermin.

Prag - In einem Interview der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" sagte Havel zur Vertreibung der Sudentendeutschen nach dem Krieg: "Ich bin niemand und bin nie jemand gewesen, der das gut geheißen hat". Die Vertreibung sei "keine gute Sache" gewesen. "Aber es war eine Sache, die zu dieser Zeit gehörte.

Es war ein Bestandteil der bitteren jüngeren Geschichte", erklärte Havel. An der Verharmlosung des Abschiebens der Sudetendeutschen als beispielsweise "Quelle des Friedens" habe er "überhaupt keine Freude", sagte Havel.

Er befürchte aber nicht, dass der für 2004 geplante EU-Beitritt erschwert werden könnte, weil Prager Politiker die Vertreibung umfassend gut geheißen hätten, sagte Havel, der in der kommenden Woche mit Bundespräsident Rau in Prag zusammentrifft.

Distanz zu Regierungschef Zeman

Vor allem Regierungschef Milos Zeman und sein Stellvertreter Vladimir Spidla hatten zuletzt die Vertreibung von rund drei Millionen Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei weiter gutgeheißen. Viele Historiker kritisieren die Vertreibung dagegen als die Umsetzung einer Kollektivschuldthese.

Zeman hatte die Vertreibung unlängst mit den Worten kommentiert: "Sie wollten heim ins Reich, also sind sie gegangen." Spidla hatte die Vertreibung als "Quelle des Friedens" bezeichnet. Diese und ähnliche Äußerungen hatten zu einer spürbaren Verstimmung im deutsch-tschechischen Verhältnis geführt.

Die Äußerungen Zemans und Spidlas beunruhigten ihn, sagte Havel. "Ich nehme das ernst, so etwas freut mich überhaupt nicht", erklärte der Präsident. Zugleich äußerte er die Erwartung, dass dieser "Wettlauf allzu starker Worte" von Politikern seines Landes nach den Parlamentswahlen Mitte Juni beendet werde: "Diese Äußerungen haben wirklich nur mit den Wahlen zu tun, die in drei Wochen stattfinden", sagte Havel.

Zu Forderungen, die umstrittenen Benes-Dekreten über die Enteignung und Ausbürgerung der Sudetendeutschen aufzuheben, sagte Havel, er wisse nicht, ob dies sachlich und juristisch möglich sei. "Etwas anderes ist es, eine politische, moralische und menschliche Meinung auszusprechen", betonte er.

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