Verwechslung US-Soldaten nehmen vorübergehend Sunniten-Führer fest

Die vorübergehende Festnahme eines hochrangigen islamischen Geistlichen durch US-Truppen hat im Irak Empörung ausgelöst. Die Soldaten hatten den sunnitischen Mufti wenige Stunden nach seiner Verhaftung wieder freigelassen und sich entschuldigt. Man habe den Mann verwechselt.


Bagdad/Tikrit - US-Streitkräfte hatten heute in der Stadt Tikrit, 180 Kilometer nordöstlich von Bagdad, den sunnitischen Mufti Scheich Gamal Abdel Karim al-Dabban und seine zwei Söhne aus seiner Wohnung abgeführt. Dabban gilt kraft seines Amtes als wichtigste Instanz in der islamischen Rechtsprechung und Führer der irakischen Sunniten.

Empörung in Tikrit: Sunniten protestieren gegen die Festnahme eines Geistlichen
AP

Empörung in Tikrit: Sunniten protestieren gegen die Festnahme eines Geistlichen

Wie ein Sprecher des Provinzgouverneurs mitteilte, wurden der Mufti und seine Söhne wenige Stunden nach ihrer Festnahme wieder freigelassen. Die Amerikaner hätten sich entschuldigt und von einer Verwechslung gesprochen. Die Hausdurchsuchung am frühen Morgen sei auf Grund von mangelhaften Geheimdienstinformationen erfolgt. Vom US-Militär war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Festnahme war in der irakischen Bevölkerung auf heftige Kritik gestoßen und auch von offizieller Seite scharf missbilligt worden. Mehr als tausend Menschen hatten in Tikrit gegen die Festnahme protestiert. Zugleich stellten Vertreter der Provinzbehörden ihre Zusammenarbeit mit dem US-Militär ein. Ein sunnitischer Geistlicher erklärte, dies sei ein weiteres Beispiel für die "abscheulichen Verbrechen der Besatzungstruppen gegen Muslime".

Bei einem Anschlag in der nördlich gelegenen Stadt Kirkuk kamen ein lokaler Geheimdienstchef und zwei seiner Leibwächter ums Leben. Mussa Hachim sei bei der Explosion einer Bombe am Straßenrand in seinem Auto getötet worden, teilte die Polizei mit. Hachim war ein ethnischer Araber. In Kirkuk leben Mitglieder unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Die Spannungen zwischen ihnen haben besonders zugenommen, seit die Kurden wieder mehr Einfluss in der Stadt suchen. Saddam Hussein hatte während seiner Herrschaft versucht, die ölreiche Stadt mit einem "Arabisierungsplan" in der Zusammensetzung ihrer Bewohner zu verändern.

Um die Spannungen in der Bevölkerung und die ausufernde Gewalt im Land einzudämmen, will Ministerpräsident Nuri al-Maliki nach Angaben aus politischen Kreisen morgen einen nationalen Plan der Versöhnung im Parlament vorlegen. Ziel des 28 Punkte umfassenden Programms sei es, den Aufstand sunnitischer Extremisten zu brechen und die religiös motivierte Gewalt zu stoppen. Zudem solle der Dialog mit den Rebellen gesucht und dabei etwa eine gemeinsame Definition des Terrorbegriffs gefunden werden.

phw/dpa/Reuters



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