US-Veteranen Verlogener Jubel

Am Veterans Day feiern die USA ihre Kriegsheimkehrer als Helden. Doch diesmal wirkten die Festivitäten scheinheiliger denn je: Die Soldaten kämpfen in oft sinnlosen Kriegen - und werden anschließend im Stich gelassen.

REUTERS

Von , New York


Meryl Streep trägt einen Poncho und ist heiser. "Heldenmut", intoniert Amerikas beliebteste Schauspielerin, "ist ein machtvolles Wort." Ein Wort für "couragierte Taten, die uns in Ehrfurcht versetzen" - und immer wieder die Frage aufwürfen: "Woher kommt Tapferkeit?"

Streep steht vor dem angestrahlten Kapitol, zu ihren Füßen drängen sich Hunderttausende auf der National Mall, Washingtons Prachtmeile. Heldenmut - "valor" auf Englisch - ist in der Tat das Wort dieses Abends: Der Veterans Day geht zu Ende, Amerikas Feiertag zu Ehren der Veteranen, und Dutzende Stars haben sich dazu zum "Concert for Valor" versammelt.

Rihanna, Jennifer Hudson, Bruce Springsteen, Metallica, Eminem, die Black Keys: Sie singen oft schräg, doch umso patriotischer, von der Nationalhymne bis zu Heavy-Metal-Hymnen. Präsident Barack Obama grüßt per Video aus China, und Jamie Foxx gibt das Motto aus: "Es gibt kein großartigeres Land auf der Welt!" Die Menge stimmt grölend zu: "USA! USA! USA!"

Helden als Opfer

Amerika liebt seine Veteranen - und sich selbst. Gerade am Veterans Day: In Washington wurde am Dienstag gesungen, über viele Main Streets marschierten bunte Militärparaden, Millionen legten die Hand aufs Herz, Soldaten durften umsonst ins Kino und am Airport zuerst an Bord gehen, und selbst Twitter salutierte per Hashtag (#ThankaVet).

Doch der Heldenjubel wirkte scheinheiliger, verlogener denn je. Denn selten wurde es deutlicher: Statt seine durchweg freiwilligen Soldaten wirklich gebührend zu "ehren", jagt Amerika sie in immer sinnlosere Kriege - und lässt sie danach erst recht im Stich.

Der Zweck darf dabei längst nicht mehr hinterfragt werden: US-Militäreinsätze sind patriotischer Selbstzweck geworden, immun gegen Skepsis, Zweifel, Kritik. Diejenigen, die sie ausführen, sind zwar tatsächlich oft Helden - doch zusehends zugleich auch Opfer.

Von den rund 22 Millionen US-Veteranen haben inzwischen fast drei Millionen nach 9/11 gedient, die meisten in Afghanistan und im Irak - in Kriegen, die bis heute umstritten bleiben. So beruhte die Irak-Invasion auf falschen Vorwänden und half, wie sich nun herausstellt, den Weg zu ebnen für die jüngste Horrorgeburt der Terrorära, den "Islamischen Staat" (IS).

Die Leere nach "der Tour"

Auch der Afghanistan-Feldzug, eine direkte Folge der 9/11-Anschläge, wird immer diffuser. Obama gewann die Präsidentschaft mit dem Schwur, diesen Krieg zu beenden - ein Versprechen, das er erst erfüllen wird, wenn die Wahl um seine Nachfolge entschieden ist. Unterdessen droht Afghanistan längst wieder in Chaos, Terror und Blutvergießen zu versinken.

Wenn die US-Soldaten dann heimkehren, oft nach drei, vier "Touren", wie sie es so schön euphemistisch nennen, als seien das Pauschalreisen, fallen sie daheim ins Leere. Das zeigte sich zuletzt an dem Skandal um die Gesundheitsversorgung der Kriegsheimkehrer.

In den Spezialkrankenhäusern der Veterans Administration (VA) landeten die Versehrten jahrelang auf geheimen - und fingierten - Wartelisten. Manche starben, bevor sie einen Arzttermin bekamen. Obamacare hat die Betreuung zwar verbessert, aber die bei den Kongresswahlen siegreichen Republikaner wollen die Reform wieder rückgängig machen.

CNN deckte die VA-Missstände vor einem Jahr auf. Doch erst im Mai feuerte Obama den zuständigen Minister Eric Shinseki, erst im Juli trat dessen Nachfolger Robert McDonald offiziell an, und erst am Montag verkündete der die ersten personellen Konsequenzen.

Fast 50.000 Veteranen sind obdachlos

Dabei kommen gerade die jüngeren Veteranen oft verstümmelt und gebrochen nach Hause - auch dank einer modernen Kriegsführung, die ihre Überlebenschancen zwar auf 90 Prozent erhöht hat, doch zu einem oft horrenden Preis.

Gut die Hälfte der Irak- und Afghanistan-Veteranen hat physische oder psychische Schäden, allen voran das posttraumatische Stress-Syndrom (PTSD). Fast 50.000 Veteranen sind obdachlos, 40 Prozent davon sind Schwarze oder Latinos. Und jeden Tag, so die offiziellen VA-Zahlen, bringen sich rund 22 Veteranen um - eine regelrechte "Suizid-Epidemie", seit Jahren bekannt, ohne dass bisher ein Ausweg gefunden wurde.

Einer der ersten Stars, der auf diese tragischen Schicksale hingewiesen hat, ist Bruce Springsteen, mit Hits wie "Lost in the Flood" (1973) und "Born in the U.S.A." (1984). Letzteren sang er am Dienstag auch beim "Concert for Valor" - nebst einem Cover von "Fortunate Son", einem Song der Rockgruppe Creedence Clearwater Revival von 1969.

Die Menge jubelte auch hier, ein Reflex fast. Die meisten wussten offenbar nicht, dass es sich um eine alte Anti-Kriegs-Hymne handelte.

insgesamt 171 Beiträge
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derberserker 12.11.2014
1. man überlege
Was in Deutschland los wäre, wenn wir unseren Veteranen gedenken würde. Man wäre sofort braunes Parteimitglied..
WernerT 12.11.2014
2. ObamaCare ist eine private Krankenversicherung
Die mit Hilfe des Steuerrechts gepusht wird, da die Leute entweder eine Steuer in der Höhe der Jahrespolice zahlen müssen oder nachweisen, dass sie in einer ACA zugelassenen Versicherung sind. Das hat nichts mit der staatlichen Versorgung durch die VA zu tun. Nur gut, dass Ihre Leser diese feinen Unterschiede nicht kennen
jonathandoe 12.11.2014
3.
Wenigstens haben die Amerikaner einen Veterans Day. Deutschland tut einfach so als gäbe es keine Veteranen.
sgritheall 12.11.2014
4. Valor...
...ist nicht Englisch, sondern Amerikanisch. Auf Englisch heisst es valour.
derChris 12.11.2014
5.
Keinerlei irgendwie geartetes Mitleid von meiner Seite zu erwarten. Die Soldaten sind in einer Freiwilligen Armee, egal wie schlecht die Gründe außerhalb der Armee für sie waren - sie wurden nicht gezwungen dort beizutreten und in irgendwelchen Kriegen teilzunehmen. Das Leid danach hätten sie anhand der letzten 60 Jahre früh erkennen können/müssen. Haben sie nicht bzw. haben es ignoriert -> Selbstverschuldeter Zustand.
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