Video-Analyse Care-Direktorin Hassan höchstwahrscheinlich erschossen

Entsetzen in London: Die Entführer der vor einem Monat im Irak verschleppten Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Care haben die Erschießung einer weiblichen Geisel auf einem Video festgehalten. Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um Margaret Hassan. Großbritanniens Außenminister Straw bezeichnete die Tat als "widerlich".




Margaret Hassan (Archiv): Entsetzen in London über den offensichtlichen Mord an der Care-Chefin
REUTERS

Margaret Hassan (Archiv): Entsetzen in London über den offensichtlichen Mord an der Care-Chefin

London - Experten des britischen Außenministeriums hatten zuvor ein dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira zugespieltes Video analysiert, auf dem zu sehen ist, wie eine Frau erschossen werde. "Als Ergebnis unserer Analyse mussten wir heute Margaret Hassans Familie traurigerweise darüber informieren, dass wir jetzt glauben, dass sie wahrscheinlich ermordet wurde", sagte Außenminister Jack Straw. "Jemanden zu entführen und zu töten ist nicht zu entschuldigen." Er fügte hinzu: "Es ist widerlich, ein solches Verbrechen an einer Frau zu begehen, die fast ihr ganzes Leben lang für das Wohl der irakischen Bevölkerung gearbeitet hat." Premierminister Tony Blair sprach der Familie Hassans sein Mitgefühl aus. Die 59-jährige Leiterin der Hilfsorganisation Care International im Irak war am 19. Oktober in Bagdad entführt worden.

Bereits zuvor hatte der Ehemann der Britin erklärt, es gebe wohl ein Video, das die Gräueltat zeige. "Ich will wissen, ob sie getötet wurde oder noch lebt. Wenn sie tot ist, will ich wissen, wo sie ist, damit ich sie in Frieden beisetzen kann", sagte Tahsin Hassan. "Margaret hat mit mir mehr als 30 Jahre im Irak gelebt und ihr Leben dem Dienst am irakischen Volk gewidmet", sagte der Ehemann der Britin, die auch die irakische Staatsbürgerschaft besitzt.

Al-Dschasira erklärte, das Video scheine zu zeigen, wie ein Mann Frau Hassan erschießt. Der Sender werde das Band nicht ausstrahlen. In dem Video sei zu sehen, wie eine vermummte Person einer Frau in den Kopf schieße. Der Frau seien die Augen verbunden gewesen. Es könne jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass es sich tatsächlich um Hassan handelte. Hassan wäre die erste ausländische Frau, die von Geiselnehmern im Irak getötet wurde.

Zuletzt waren mehrere Videobänder der unbekannten Entführer aufgetaucht, in denen Hassan die britische Regierung anfleht, die Truppen aus dem Irak abzuziehen. Zeitweise hatte es geheißen, Hassan sei an eine Gruppe des al-Qaida-Verbündeten im Irak, Abu Mussab al-Sarkawi, übergeben worden. In einer im Internet verbreiteten Erklärung rief Sarkawi jedoch die Entführer auf, Hassan freizulassen, wenn nicht bewiesen werden könne, dass sie eine Spionin sei.

Im vergangenen Monat enthaupteten Sarkawi-Anhänger den Briten Kenneth Bigley, nachdem die Londoner Regierung sich geweigert hatte, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen. Mit den Entführungen und Anschlägen versuchen Aufständische, die US-geführten Truppen aus dem Land zu vertreiben. Derzeit befinden sich im Irak mehrere Ausländer in der Gewalt von Aufständischen. Darunter ist auch eine polnische Frau.

Derweil befreite eine irakische Sondereinheit nach US-Angaben eine Geisel südlich von Bagdad. Der irakische Lastwagenfahrer sei am Montag bei einer Razzia in Mahmudija gerettet worden, teilte das US- Zentralkommando mit. Vier gesuchte Militante seien festgenommen worden.

Falludscha erneut unter Beschuss

US-Soldaten in Falludscha: Kampf gegen den den letzten Widerstand
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US-Soldaten in Falludscha: Kampf gegen den den letzten Widerstand

Unterdessen kämpfen amerikanische Soldaten in Falludscha den letzten Widerstand nieder. Marineinfanteristen feuerten in der Nacht Granaten auf Stellungen der Aufständischen ab und intensivierten ihre Angriffe am Morgen. Ziel sei es, nach der Anfang vergangener Woche begonnenen Offensive überlebende Rebellen und zurückgelassene Waffen aufzuspüren, sagten US-Soldaten. Die US-Truppen haben nach eigenen Angaben mittlerweile die Kontrolle über die Stadt erlangt, doch leisten Rebellen vereinzelt noch immer Widerstand. Bei der Erstürmung der Stadt sind nach US-Angaben mehr als 1000 Rebellen getötet und mehr als 1000 Aufständische gefangen genommen worden.

Uno-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz mahnten die Einhaltung der Menschenrechte in der eingenommenen Rebellenhochburg an. Die US-Militärbehörden ermitteln gegen einen Soldaten, der Fernsehberichten zufolge einen wehrlosen, verletzten irakischen Aufständischen in einer Moschee in Falludscha erschossen haben soll. Es werde untersucht, "ob der Marineinfanterist in Selbstverteidigung gehandelt oder gegen Militärrecht verstoßen hat", sagte Generalleutnant John F. Sattler.

Nun gehen die US-Truppen auch verstärkt gegen Aufständische in anderen Städten des Nordiraks vor. Nach Militärangaben stießen sie dabei gestern in Mossul auf wenig Widerstand.Über die drittgrößte Stadt des Irak wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Ein US-Offizier sagte nach Angaben der britischen BBC, alle Polizeiwachen im Westen der Stadt seien zurückerobert worden. In der vergangenen Woche hatten Aufständische während der Kämpfe in Falludscha neun Polizeiwachen in Mossul überrannt, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Aufständische griffen gestern Abend in der nordirakischen Stadt Kirkuk das Gouverneursgebäude und den Flughafen an. Eine Mörsergranate sei neben dem Sitz der Provinzverwaltung eingeschlagen und habe einen irakischen Zivilisten getötet sowie zwei weitere Menschen verletzt, berichtete Polizeioffizier Burhan Mohammed. Zu Gefechten kam es auch in Ramadi und der Region von Bakuba.

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