Video-Botschaft Taliban drohen Deutschland mit Anschlägen

Erst al-Qaida, jetzt die Taliban: Erneut drohen Islamisten mit Anschlägen in Deutschland. Kurz nach Erscheinen einer Bin-Laden-Botschaft veröffentlichten die Militanten ein Video, in dem ein deutschsprachiger Kämpfer auftritt - und konkret wie nie zuvor vor Rache für den Afghanistan-Einsatz warnt.
Von Yassin Musharbash und Matthias Gebauer
Taliban-Drohung: Erstmals gegen Deutschland

Taliban-Drohung: Erstmals gegen Deutschland

Taliban

Berlin - Bisher war es ein Verdacht der Sicherheitsbehörden, doch seit Freitagabend gibt es kaum einen Zweifel mehr: Die maßgeblichen dschihadistischen Gruppen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet haben sich abgesprochen, Deutschland ins Visier zu nehmen - zumindest propagandistisch. Bereits am vergangenen Freitag hatte al-Qaida mit Terroranschlägen in Deutschland innerhalb von zwei Wochen nach der Bundestagswahl gedroht. Nun warnen auch die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE vor einem solchen Szenario.

Das neue Taliban-Video ist am Freitagabend auf einer türkischsprachigen Dschihadisten-Website aufgetaucht, die schon zuvor von diversen Terrororganisationen genutzt wurde, um Propaganda zu verbreiten. Die Hauptperson in dem Video ist ein deutschsprachiger Kämpfer, der sich "Ajjub" nennt. Das etwa eine Viertelstunde lange Video stamme von den "deutschen Taliban in Afghanistan", wird durch die Einblendungen suggeriert.

Der deutschsprachige Kämpfer hält eine mehrere Minuten lange Ansprache an die deutsche Bevölkerung. Unter anderem sagt er: "Erst durch euren Einsatz hier gegen den Islam wird ein Angriff auf Deutschland für uns Mudschahidin verlockend. Damit auch ihr etwas von dem Leid kostet, welches das unschuldige afghanische Volk Tag für Tag ertragen muss." Das Gefühl der Sicherheit sei eine Illusion: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Dschihad die deutschen Mauern einreißt."

Bilder von möglichen Zielen werden eingeblendet

Während dieser Ansprache werden Bilder vom Brandenburger Tor, der Skyline von Frankfurt, dem Kölner Dom, vom Oktoberfest und dem Hamburger Hauptbahnhof eingeblendet. Auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wird gezeigt, vor allem jedoch Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Der Politiker, der in dem Video als "Kriegsminister" vorgestellt wird, sei "ein Fall für den Henker", sagte der Sprecher.

"Ajjub" sitzt in dem Video vor einer Ziegelwand mit einem Banner, auf dem der arabische Schriftzug "Islamisches Emirat Afghanistan" zu lesen ist - das ist die Selbstbezeichnung der Taliban. Drei Gewehre, ein Maschinengewehr und zwei Raketen sind ebenfalls positioniert, um der Drohung Nachdruck zu verleihen. Neben dem deutschsprachigen "Ajjub" wird noch ein angeblich aus den USA stammender Taliban-Kämpfer präsentiert.

Das Video trägt den Titel "Der Ruf zur Wahrheit" und liegt SPIEGEL ONLINE vor. Eine unabhängige Bestätigung der Authentizität gibt es noch nicht. Das Band ist den deutschen Sicherheitsbehörden jedoch bekannt und wird derzeit ausgewertet. Sie halten es nach erster Analyse für echt.

Der deutschsprachige Kämpfer ist noch nicht identifiziert

Wer der deutsche Sprecher auf dem Video ist, wissen die Behörden noch nicht. Umgehend nach dem Erscheinen machte sich das Analysezentrum der Behörden in Berlin an die Auswertung. Weitere technische Untersuchungen - vor allem der Sprache - sollen am Wochenende klären, ob man den Mann identifizieren kann.

"Islamischen Dschihad-Union" (IJU)

Für die Taliban sind Videoveröffentlichungen eher ungewöhnlich. Als Produzent tritt Elif Media auf. Diese Einrichtung hatte erst vor einigen Wochen ein Video produziert, das bisher unbekannte Bilder des deutschen Eric Breininger zeigte, der sich der angeschlossen hat, nun aber möglicherweise in den Dienst einer andere Organisation oder der Taliban getreten ist, denn in diesem Band fehlte der IJU-Bezug.

Es gibt aktuelle Bezugspunkte in dem Video

In dem aktuellen Taliban-Video vom Freitag werden ansonsten vor allem Trainingsszenen gezeigt. Einige sind offensichtlich alt und zeigen schneebedeckte Wälder. Die Rede des "Ajjub" ist aber wohl aktueller. Vor allem die Erwähnung des von einem deutschen Oberst angeordneten Bombardements zweier Tanklaster bei Kunduz in Nordafghanistan zeigt laut einer ersten Analyse der Behörden, dass die Rede des vermummten Sprechers in den vergangenen Wochen aufgenommen worden sein muss. Bei dem Angriff am 3. September waren nach ersten Untersuchungen auch mehr als 30 Zivilisten ums Leben gekommen. Indirekt fordert der Kämpfer auf dem Video nun Rache für diese Aktion.

al-Qaida

Das Taliban-Drohvideo ist das jüngste in einer ganzen Reihe an Deutschland gerichteter Propagandawerke. In den vergangenen Monaten haben sich deutschsprachige Militante aus den Reihen von , der Islamischen Bewegung Usbekistan, der Islamischen Dschihad-Union und nun der Taliban zu Wort gemeldet.

Diese Häufung bestätige eine "von Anfang an geplante Choreografie", die offenbar lange vor den letzten Tagen der Wahl organisiert worden sei, sagt ein BKA-Experte. Dies sei ein Novum, dass die Notwendigkeit der erhöhten Sicherheitsmaßnahmen der vergangenen Tage aus Sicht des Bundesinnenministeriums voll und ganz bestätige.

Konkreteste Drohung gegen Deutschland

Vor allem die Kampagne al-Qaidas, die ebenfalls am Freitag mit einem an "die europäischen Völker" gerichteten Video Osama Bin Ladens weitergetrieben wurde, macht den Behörden Sorgen. Aber auch das jetzt erschienene Band der Taliban nehmen die Fachleute vom Bundeskriminalamt ernst - nicht zuletzt, weil es das bisher konkreteste gegen Deutschland gerichtete Drohvideo sei. "Es werden mehrere Orte für mögliche Anschläge gezeigt und der Bundesverteidigungsminister konkret als Zielperson eingeblendet", sagt ein BKA-Mann, "das gab es in dieser expliziten Form noch nie."

Bisher rätseln die Behörden, was die Terroristen mit den Bändern erreichen wollen. Zum einen befürchten sie seit Wochen, dass möglicherweise bereits eine Zelle in Deutschland einen Anschlag plant. Zum anderen haben sie trotz intensivster Nachforschungen im Milieu der bekannten Islamisten hierzulande noch keinen Anhaltspunkt gefunden. Außerdem geht man nun der Frage nach, ob die Serie von Videos möglicherweise Einzelpersonen, die bisher nicht im Raster der Behörden sind, zu spontanen Planungen für einen Anschlag anstacheln sollen.