Videoüberwachung Viel zu viele Kameras, viel zu wenig Auswertung

Nach dem Terrorattentat von Boston fordert Bundesinnenminister Friedrich die Ausweitung der Videoüberwachung in Deutschland. Dabei zeigt das Beispiel anderer Staaten: Es gibt schon jetzt mehr Bilder, als die Polizei auswerten kann. Und doch rüstet Europa weiter auf.
Überwachungsmonitore in Edinburgh: "Milliarden von Pfund für Technik ausgegeben"

Überwachungsmonitore in Edinburgh: "Milliarden von Pfund für Technik ausgegeben"

Foto: ? David Moir / Reuters/ REUTERS

Nicht einmal das stille Örtchen ist noch privat auf der King Ecgbert School. Zwölf Überwachungskameras hat Lesley Bowes in den Toilettenräumen der Gesamtschule vor den Toren Sheffields anbringen lassen. "Eine Sicherheitsmaßnahme für unsere Kinder", erklärt die Direktorin der Nachrichtenagentur AP. Man filme die Kabinen ja nur von außen, und das stört hier in Nordengland allenfalls die Aktivisten von Big Brother Watch.

Mehr als 200 britische Schulen haben bereits Videokameras in WCs oder Umkleideräumen installiert, hat die Bürgerrechtsorganisation ermittelt. Landesweit filmen etwa 100.000 Kameras rund um die Uhr Pausenhöfe und Klassenräume ab. Niemand kommt auf die Idee, dagegen zu protestieren.

Nach den Attentaten von Boston fordert Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich bei SPIEGEL ONLINE lautstark die Ausweitung der Videoüberwachung in Deutschland. Großbritannien hat vorgemacht, wie es geht: Zwischen 1,8 und 4,2 Millionen Kameras, so schätzen Experten, beobachten hier den öffentlichen Raum, allein London mit gut 500.000 Geräten übertrifft Deutschland um ein Vielfaches. Hier ist sie Wirklichkeit, die flächendeckende Videoüberwachung, von der deutsche Sicherheitsfanatiker träumen. Aber hier zeigt sich auch: Mehr Kameras bedeuten nicht automatisch weniger Verbrechen.

Schon in den siebziger Jahren haben die Briten losgelegt, aus Angst vor dem IRA-Terror, zunächst nur an Bahnhöfen oder Flughäfen. Heute prangen die elektronischen Überwacher überall; auf Laternenpfählen, Ampeln oder den Flutlichtmasten von Fußballplätzen, in Kirchen oder Restaurants. Rund 300-mal wird der Londoner Bürger durchschnittlich Tag für Tag abgelichtet. "Wir werden zu einer Überwachungsgesellschaft", sagt Emma Carr von Big Brother Watch SPIEGEL ONLINE, "in der uns anonyme Menschen aus Kontrollräumen beobachten."

Intelligente Maschinen sollen abnormes Verhalten aufspüren

Nicht nur die Bürgerrechtler prangern den Wildwuchs an. Auch Sicherheitsbehörden halten nichts davon, wenngleich aus einem anderen Grund: Die Kameras nutzen ihnen kaum. "Ein absolutes Fiasko" lautete 2010 das Urteil von Scotland Yard über "CCTV" (Closed Circuit Television). Nur drei Prozent der Straftaten in London werden durch Video aufgeklärt, macht etwa einen kriminellen Akt pro tausend Geräte und Jahr. Zwar haben die Kameras zur Aufklärung des U-Bahn-Attentats von 2005 beigetragen; aber verhindert haben sie bisher keinen einzigen Terroranschlag.

"Milliarden von Pfund sind für die Technik ausgegeben worden", klagte der zuständige Scotland-Yard-Chefinspekteur Mick Neville auf einer Sicherheitskonferenz in London, "aber kein Gedanke wurde drauf verschwendet, wie die Polizei die Aufnahmen auswerten soll." Die Kontrolleure hinter den Monitoren werden überschwemmt von der Bilderflut, abgestumpft von der krisseligen Monotonie auf ihren Schirmen. Von jeder aufgenommenen Stunde werde meist allenfalls eine Minute angeschaut, berichtet "The Guardian".

Ähnliche Probleme plagen auch andere Kamera-Hochburgen wie Amsterdam oder Mailand. Ein Brüsseler Sicherheitsexperte formulierte es gegenüber SPIEGEL ONLINE so: "Eigentlich gibt es in vielen EU-Staaten schon jetzt mehr Kameras, als wir auswerten können. Aber sie geben den Menschen das Gefühl von Sicherheit."

Die Sicherheitskräfte drehen deswegen nicht etwa weniger. Im Gegenteil, sie wollen die Kontrollen intensivieren: mit einer neuen Generation elektronischer Aufpasser. "Indect" gibt einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Bei dem von der EU mit zweistelligen Millionenbeträgen geförderten Forschungsprojekt sollen intelligente Maschinen abnormes Verhalten von Menschen aufspüren.

Wer etwa lange an einem Ort steht, sich schneller als die Norm bewegt oder allzu oft auf seine Uhr schaut, gerät ins Visier des Apparats. Kameras zoomen auf den Verdächtigen, identifizieren ihn mittels biometrischer Gesichtserkennung, jagen seine Personalien durch Datenbanken. Schlägt das System dann Alarm, könnten gegebenenfalls kleine Drohnen den potentiellen Übeltäter verfolgen.

In London sind Mini-Drohnen im Einsatz

Die Niederlande setzen derlei Hightech-Methoden neuerdings schon ein: zur Überwachung ihrer Grenzen zu Deutschland und Belgien. Seit vergangenem Herbst knipsen Kameras an 15 Übergängen stundenlang alle Fahrzeuge ab, leiten Bilder von Front, Seite und Nummernschild zum Zentralcomputer. Schlägt dessen Algorithmus Alarm, fangen Polizeistreifen das verdächtige Gefährt ab. All dies diene dem Kampf gegen Terrorismus, Menschen- und Drogenschmuggel, erklärte die Grenzpolizei entsetzten deutschen Datenschützern, die ihnen Totalüberwachung vorwerfen.

London steht nicht zurück. Hier lässt die Polizei Mini-Drohnen fliegen, die aus Dutzenden Metern Höhe Bilder machen. So gestochen scharf sind die Aufnahmen heutiger Präzisionskameras für Jedermann, dass selbst die Regierung nun vor einem "Big Brother Szenario" warnt. "Die Technik", sagte Andrew Rennison, Überwachungsbeauftragter des Innenministeriums, der Tageszeitung "Independent", "hat unsere Regulierungsmöglichkeiten überholt".

Vielleicht ist sie gerade deshalb gefragt wie nie. 23,5 Milliarden Dollar werden Hersteller wie Bosch, Samsung oder Sony 2014 weltweit mit CCTV umsetzen, prognostiziert das Marktforschungsinstitut RNCOS. Auf Jahre hinaus seien zweistellige Zuwachsraten sicher. Angst ist eben doch ein guter Ratgeber. Zumindest für die Industrie.