Künstlerwettbewerb in der Schweiz Ein Land sucht seine Hymne

Der Schweiz geht's prächtig: enorme Wirtschaftskraft, kaum Arbeitslose, die Alpen als Touristenmagnet. Wenn nur diese Nationalhymne nicht wäre! So antiquiert, so schwülstig, seufzen viele Eidgenossen. Jetzt sollen Künstler um die Wette dichten und komponieren.

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Bern - Es gibt Schweizer, die ihre Hymne innig lieben, das Singen des "Schweizerpsalms" ist für sie ein Erlebnis von besonderer emotionaler Intensität. Zum Beispiel für Ruedi Lustenberger. Der 63-Jährige wurde vor ein paar Tagen zum Nationalratspräsidenten gewählt. Beim Singen der Hymne komme "dieser leichte Schauer den Nacken hinauf", verriet der Politiker der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) in einem Interview.

Und dann sind da die Eidgenossen, die sich eine andere Hymne wünschen: Zu religiös, zu überladen und antiquiert sei die jetzige, sagen sie und verweisen etwa auf eine Zeile gleich in der ersten Strophe: "Betet, freie Schweizer, betet!" Oder auf die Sprache: "Alpenfirn", "Strahlenmeer", "Sternenheer", "Nebelflor", "Abendglühn" - in dem 1840 geschriebenen Text des Dichters Leonhard Widmer geht es gemessen am heutigen Geschmack wohl tatsächlich etwas schwülstig zu. Außerdem, so die Kritiker, kenne kaum ein Schweizer alle vier Strophen auswendig.

"Sprachlich sperrig"

Das soll künftig anders werden, findet jedenfalls die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). Sie hat einen Künstlerwettbewerb ausgerufen. Ab dem 1. Januar 2014 können Vorschläge für eine neue Nationalhymne eingereicht werden. Als Textgrundlage soll dabei die Präambel der Schweizer Bundesverfassung dienen. Auch die Melodie der existierenden Hymne darf geändert werden, soll aber "im Prinzip in der künftigen Hymne erkennbar sein". Für die SGG steht fest: Die jetzige Nationalhymne ist nicht nur "sprachlich sperrig", sie bildet auch nicht die Schweiz "in ihrer heutigen politischen und kulturellen Vielfalt" ab.

Zwar ist die SGG keine staatliche Organisation, trotzdem hat ihr Wort erhebliches Gewicht: Der traditionsreiche Verein wurde 1810 gegründet, bis heute verwaltet er die Rütliwiese, den Ort also, wo der Überlieferung zufolge im Jahr 1291 die Eidgenossenschaft begründet wurde.

Die Suche nach einer neuen Hymne geht damit in die nächste Runde. Die Schweiz steht im Ruf, die besten Uhrmacher der Welt zu haben, das "Schweizer Taschenmesser" ist eine Werkzeug-Legende, der Franken ist eine der stabilsten Währungen der Welt, die Arbeitsplätze in dem Land sind wegen der hohen Löhne auch bei Ausländern begehrt - aber mit ihrer Hymne tut sich die Schweiz schwer, und das schon seit Jahrzehnten.

Immer wieder sorgt die Hymne für Kummer und Ärger

Bis 1961 war "Rufst du, mein Vaterland" die Hymne der Eidgenossen. Ein populäres Lied, nur gab es ein kleines Problem: Es wurde zur selben Melodie gespielt wie die britische Hymne "God Save the Queen", was hin und wieder für Verwirrung sorgte. Die Regierung erklärte schließlich den "Schweizerpsalm" zur provisorischen Nationalhymne, nach dreijähriger Probezeit stimmten die Kantone ab. Zwölf waren dafür, sieben wollten eine längere Probezeit, sechs lehnten die Hymne ab. Im April 1981 schließlich wurde der "Schweizerpsalm" zur offiziellen Nationalhymne erklärt.

Eine Zeit lang war Ruhe, dann machte sich das "Aktionskomitee Schweizer Nationalhymne" für eine neue Hymne zur Fußball-EM 2008 stark - ohne Ergebnis. 2008 forderte die sozialdemokratische Abgeordnete Margret Kiener Nellen die Berner Regierung auf, einen neuen Text für die Schweizer Hymne verfassen zu lassen. Nötig sei ein Text in allen vier Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch, "mit dem sich möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer identifizieren können". Eine einzige, "gut singbare Strophe" genüge. Die Regierung lehnte ab.

Die SGG lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie hat eine Jury eingesetzt, darunter Schriftsteller, Chorleiter und Musikwissenschaftler. Sie sollen die Vorschläge für die neue Hymne beurteilen, die bis zum 30. Juni 2014 eingereicht werden können. Spätestens Anfang 2015 soll ein Siegerbeitrag gekürt werden, er wird dann der Regierung als neue Hymne vorgeschlagen. Wie sie mit dem Vorschlag umgeht, ist ihre Sache.

Aus Sicht der SGG könnte es mit einer neuen Hymne nur besser werden. Text und Melodie des "Schweizerpsalms" seien nicht in der Intention entstanden, dass daraus jemals eine Hymne werde, sagt Geschäftsleiter Lukas Niederberger: "Sie erinnert an einen Trauermarsch."

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Seite 1
irobot 12.12.2013
1.
Zitat von sysopGetty ImagesDer Schweiz geht's prächtig: enorme Wirtschaftskraft, kaum Arbeitslose, die Alpen als Touristenmagnet. Wenn nur diese Nationalhymne nicht wäre! So antiquiert, so schwülstig, seufzen viele Eidgenossen. Jetzt sollen Künstler um die Wette dichten und komponieren. Viele Schweizer wünschen sich neue Nationalhymne - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/viele-schweizer-wuenschen-sich-neue-nationalhymne-a-938515.html)
Tu felix Helvetica. Einem Land, das sonst keine Sorgen hat, kann es nicht schlecht gehen.
DenkZweiMalNach 12.12.2013
2. Text wird bleiben
Auch wenn der alte Text sehr schwülstig und verstaubt daherkommt, wird sich wohl kaum ein neuer guter Text finden und schon gar keine Mehrheit im Volk dafür. Und das ist auch gut so, weil wie überall in Europa der tiefere Sinn der Neuerung darin besteht, das Christentum aus der Nationalhymne hinauszuwerfen. Christen und der Glaube stören eben bei der hundertprozentigen Kommerzialisierung des Lebens.
AFH 12.12.2013
3. .
Naja. Die Gesellschaft kann Wettbewerbe veranstalten, so viel sie will - aber schlussendlich entscheidet sie nicht über die Hymne.
widower+2 12.12.2013
4. Christentum in der Nationalhymne
Zitat von DenkZweiMalNachAuch wenn der alte Text sehr schwülstig und verstaubt daherkommt, wird sich wohl kaum ein neuer guter Text finden und schon gar keine Mehrheit im Volk dafür. Und das ist auch gut so, weil wie überall in Europa der tiefere Sinn der Neuerung darin besteht, das Christentum aus der Nationalhymne hinauszuwerfen. Christen und der Glaube stören eben bei der hundertprozentigen Kommerzialisierung des Lebens.
Wo genau gibt es denn "überall in Europa" Bestrebungen, das Christentum aus Nationalhymnen zu entfernen? Deutschland scheidet schon mal aus, da der Text der Nationalhymne gänzlich ohne religiösen Bezug auskommt (zum Glück). Und seit wann stehen denn Kommerzialisierung und Christentum in irgendeinem Widerspruch? Das mag vielleicht noch für das Urchristentum gelten, die Kirchen sind allerdings seit jeher eher Triebfedern der Kommerzialisierung gewesen. Klöster waren und sind vor allem Wirtschaftsbetriebe, Ablasshandel die heutigen Praktiken der Caritas, etc.
reinhard-ursula.edqh 12.12.2013
5. Einfach mal Anfangen
Dann macht doch eine wo diese Dinge besungen werden etwa so Wir das Land mit den großen Banken Wir mit unserem, starken Franken und was noch viel besser unsere Taschenmesser Alpen Urlaub Kuren dazu die besten Uhren ….. Na wäre das kein Anfang
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