Vietnam Die Häscher vom Mekong

Vietnam gilt als aufstrebender Staat in Südostasien. Doch das Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit wird mit Füßen getreten. Die Machthaber sind offenbar bereit, mit Schauprozessen, Razzien, Folter, Hausarrest, Todesstrafe jeden zu drangsalieren, der von der offiziellen Linie der Kommunistischen Partei abweicht.
Von Alexander Schwabe

Es ist Oktober, und wie so oft um diese Zeit ist der Mönch Thich Tri Luc vollkommen erschöpft. Der Mekong war über die Ufer getreten, hat im Süden Vietnams Dörfer und Städte überflutet. Hunderttausende müssen aus ihren Häusern fliehen, Dutzende von Menschen ertrinken im Hochwasser. Der Tradition seiner Vereinigten Buddhistischen Kirche Vietnams (VBKV) folgend, hatte Thich Tri Luc in Ho-Tschi-minh-Stadt, dem früheren Saigon, einen Transport mit Hilfsgütern für die Flutopfer organisiert.

Als er am Morgen aus seiner Pagode tritt, stehen zehn Lkw bereit. Sie sollen Reis, Decken, Wellblech und Ruderboote in die Überschwemmungsgebiete bringen. Doch plötzlich rückt eine starke Polizeieinheit an und hindert den Konvoi an der Abfahrt. Nach einem heftigen Wortgefecht wird Mönch Thich Tri Luc und vier seiner Helfer verhaftet.

Der Vorfall ereignete sich im November 1994. Ein dreiviertel Jahr später, im August 1995, wird Thich Tri Luc zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Hat er die abgesessen, steht er weitere fünf Jahre unter strenger Beobachtung. Im Juli 2002 wird sich seine Spur unter mysteriösen Umständen in Kambodscha verlieren. Grund für diese Strafe: Die Hilfsaktion der Vereinigten Buddhistischen Kirche war staatlich nicht genehmigt, weil die ganze Religionsgemeinschaft - die größte im Süden Vietnams - nicht geduldet ist.

Außerdem warf man Thich Tri Luc vor, Schreiben seines Kirchenoberhaupts Thich Huyen Quang an Mitmönche weitergeleitet zu haben. 82 Jahre alt ist Thich Huyen Quang – die letzten 20 davon hat er unter Hausarrest verbracht. Ein Urteil gegen ihn liegt nicht vor, nicht einmal eine offizielle Hausarrests-Anordnung, erklärt die Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Für die vietnamesische Regierung unter Premierminister Phan Van Khai sei Quang gar ein freier Mann. Doch nach Ho-Tschi-minh-Stadt, wo der Schwerkranke von Mönchen seiner Kirche gepflegt werden könnte, darf er nicht.

Immer mehr westliche Kräfte aus Politik und Wirtschaft suchen neuerdings den Kontakt zu Vietnam. Doch von demokratischen Freiheiten ist das aufstrebende Land Südostasiens noch weit entfernt. Ein Beschluss des Deutschen Bundestags vom 28. Juni 2002 stellt fest: Die Grund- und Menschenrechte sind in Vietnam "nach wie vor stark eingeschränkt".

Besonders betrifft das die Religionsausübung. Die Artikel 69 und 70 der vietnamesischen Verfassung von 1992 garantieren den knapp 80 Millionen Bürgern zwar Religions- und Meinungsfreiheit, außerdem hat Vietnam bereits vor 20 Jahren mehrere internationale Menschenrechtskonventionen ratifiziert. Doch wer Willkür, Bürokratie, Korruption, die Enteignung von Land kritisiert, läuft Gefahr, unbarmherzig verfolgt zu werden.

Selbst der Papst im fernen Rom ist angesichts der Menschenrechtsverletzungen hellhörig geworden. Im Januar 2002 mahnte Johannes Paul II. die vietnamesische Regierung, die Unabhängigkeit der Kirche - sechs Millionen Vietnamesen sind Katholiken - zu respektieren. Im Oktober prangerte die Katholische Bischofskonferenz Vietnams die permanente Verfolgung von Katholiken in den Provinzen Kon Tum, Zentralvietnam, und Son La, Nordvietnam, an.

Denn das Kesseltreiben gegen missliebige Religionsführer weitet sich aus. Trotz aller Beteuerungen der vietnamesischen Regierung, man strebe nach wirtschaftlichen Reformen und politischer Erneuerung, sind die Restriktionen gegen Regimekritiker im vergangenen Jahr sogar noch härter geworden, sagt Vu Quoc Dung, von der IGFM in Frankfurt. In den vergangenen Monaten sind rund drei Dutzend Priester und Mönche entweder unter Hausarrest gestellt oder inhaftiert worden. Bei der IGFM sind 120 Personen registriert, die im Jahr 2002 menschenrechtswidrig in Haft saßen, 60 wurden unter Hausarrest gestellt.

Der Hausarrest ist oftmals grausamer als eine offizielle Haftstrafe, sagt Dung. Denn diese Art der Zucht kann laut IGFM ohne Urteil für bis zu zwei Jahren verhängt, danach beliebig oft und willkürlich von einem Verwaltungs- oder Polizeichef verlängert werden. Die Betroffenen dürfen einen festgelegten Ort nicht verlassen. Sie werden mit unangekündigten nächtlichen Hausdurchsuchungen terrorisiert, in Schauprozessen vor der Nachbarschaft gebrandmarkt, vor ihren Häusern werden Schilder mit der Aufschrift "Reaktionäres Element" angebracht. Ihre Kinder leiden in der Schule unter Spott und Hohn. Jeder, der Kontakt mit den Ausgestoßenen aufnimmt, muss Schikanen fürchten.

Mönchen unter Hausarrest wird jeder Kontakt zu Menschen außerhalb des Tempels untersagt. Laut Dung dürfen sie bei Todesfällen in den Häusern der Trauernden keine Zeremonien verrichten, Feiern für die Ahnen sind ihnen untersagt. Eltern von Novizen würden eingeschüchtert, damit sie ihre Sprösslinge aus dem Tempel nehmen. Viele Mönche fliehen nach Kambodscha.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie der Mönch Thich Tri Luc in Kambodscha spurlos verschwindet, und wie die Bergvölker in Zentralvietnam unterdrückt werden

Thich Tri Luc flieht im April 2002 aus Vietnam ins benachbarte Kambodscha. Doch auch im Zufluchtsland sind die Dissidenten nicht sicher: Der vietnamesische Geheimdienst arbeitet eng mit der kambodschanischen Polizei zusammen. Als vietnamesische Flüchtlinge bei Razzien verhaftet werden, und sich dubiose Gestalten nach ihm erkundigen, taucht Luc unter. Geschäftsleute der vietnamesischen Exilgemeinde verstecken ihn auf abgelegenen Landgütern vor den Häschern im Dienste Hanois.

Das ewige Versteckspiel, das anonyme Leben in der Abgeschiedenheit hält Thich Tri Luc nicht lange aus. Er setzt sich nach Phnom Penh ab. Unter dem Schutz der UNHCR wähnt er sich in der kambodschanischen Hauptstadt sicher. In Frankfurt am Main kommt es in dieser Zeit immer wieder zu Telefonaten mit amerikanischen Organisationen. Menschenrechtler versuchen, Sponsoren aufzutreiben, die Thich Tri Lucs Ausreise finanzieren könnten. Sie versuchen, Kontakte zu vietnamesischen Buddhisten in den USA herzustellen.

Zu spät: Der Kontakt zu Thich Tri Luc bricht ab. Seine Vermieter in Phnom Penh haben ihn am 25. Juli gegen 17 Uhr zum letzten Mal gesehen. In der Dämmerung habe er mit einem dünnen, hochgewachsenen Unbekannten, bekleidet mit einem weißen T-Shirt und grünen Hosen, gesprochen. Seither fehlt jede Spur von dem Mann, dessen Name "Seelenstärke" bedeutet. Thich Tri Lucs Sachen waren noch in seinem Zimmer.

In Frankfurt versuchte IGFM-Asienreferent Vu Quoc Dung vergebens herauszubekommen, was mit dem Mönch passiert ist. Eine Liste mit Telefonnummern, die Thich Tri Luc ihm gegeben hatte, führte ins Leere. Alle Anschlüsse sind inzwischen gesperrt. Freunde wissen angeblich nichts über den Verbleib Thich Tri Lucs. Auch ein anderer Mönch, der mit ihm nach Kambodscha geflohen war, weiß nichts über das Schicksal des Bruders.

Flugblätter und Flaggen gelten als Sabotage der Solidaritätspolitik

Die Verfolgungen treffen alle Religionen. Im Morgengrauen des 16. Mai 2001 wurde der katholische Priester Thadeus Nguyen Van Ly von der vietnamesischen Polizei verhaftet, zum dritten Mal bereits. Schon 1977/78 hatten sie ihn ein Jahr lang ohne Gerichtsverfahren eingesperrt. Auch von 1983 bis 1992 saß er in Haft.

Jetzt wurde er erneut verurteilt – zu 15 Jahren Haft: 13 davon bekam er für "Sabotage der Solidaritätspolitik", zwei Jahre wegen "Nichtbefolgung der Anordnung des administrativen Hausarrests". Die allmächtige Kommunistische Partei versteht nach Einschätzung der IGFM unter "Solidaritätspolitik", dass nur sie das Volk solidarisieren dürfe. Die Verbreitung aller von der offiziellen Politik abweichenden Meinungen sei verboten. Wer in Vietnam Flugblätter mit antikommunistischem Inhalt hat, wer auch nur die Flagge des früheren Südvietnam besitzt, muss mit bis zu 20 Jahren Haft rechnen, sagt Dung.

Nun sitzt Van Ly im Gefängnis Ba Sao in der nordvietnamesischen Provinz Nam Ha in Isolationshaft, 1200 Kilometer entfernt von seiner Diözese und seiner Schwester. Alle drei Monate darf er unter Aufsicht Mitglieder seiner Familie für eine Viertel Stunde sprechen. Hunderte Gemeindemitglieder setzten sich für seine Freilassung ein – und bekamen die Macht der Partei zu spüren. Immer wieder wurde ihnen angedroht, sie würden ihren Arbeitsplatz verlieren oder ihre Kinder die Zulassung zum Schulbesuch. Sie wurden verhört, manche von ihnen laut Menschenrechtsorganisationen misshandelt und gefoltert.

Zwei Neffen und eine Nichte des Priesters nahmen die Behörden im Juni 2001 ebenfalls fest. Die Anklageschrift vom 24. Oktober 2002 wirft Nguyen Vu Viet, Nguyen Truc Cuong und Nguyen Thi Hoa Spionage vor. Sie sollen Informationen über ihren katholischen Onkel und auch über die Vereinigte Buddhistische Kirche Vietnams an einen Radiosender in den USA und an eine Menschenrechtsorganisation in Washington geliefert haben, die Fotos von Ly veröffentlichte. Ihnen droht nun bis zu 20 Jahren Haft oder gar die Todesstrafe.

Auch in den Bergen ist man vor dem Regime nicht sicher. Im vietnamesischen Hochland werden Stämme wie Djarai, Bahnar oder Rhade – alle mit eigenen Sprachen, Religionen und Kulturen - systematisch unterdrückt. Mehr als 30 Völker leben in der Region. Doch ziehen die Behörden rücksichtslos die Landenteignungen durch. In den vergangenen Jahren wurden ganze Dörfer verpflanzt, damit Gewinn bringende Kaffee-, Pfeffer- oder Cashew-Plantagen angelegt werden konnten.

Im Februar 2001 demonstrierten die Bergbewohner der Provinzen Dak Lac, Gia Lai und Kon Tum gegen die Konfiszierung ihres Landes und die Unterdrückung ihrer Religion. Der Protest wurde durch ein Großaufgebot von Polizei- und Militäreinheiten niedergeschlagen. Mindestens 200 Personen, darunter 60 evangelische Pfarrer und Stammesführer gerieten in Haft. Tausende flohen vor den Kampfhubschraubern nach Kambodscha. Die Kirchen der rund 700.000 Protestanten in Zentralvietnam sind seither geschlossen oder zerstört.

Am 19. Oktober 2002 sandte der als regierungsnah geltenden Verband der Evangelischen Kirche Vietnams in Südvietnam (EKV-Süd) ein Schreiben an die politische Führung des Landes. Darin protestiert die Kirche gegen die Verhaftung und Terrorisierung ihrer Pastoren in der Provinz Dak Lac, gegen die Beschlagnahmung von Kirchenmobiliar und die Schließung der Kirchen.

Christen, so klagen sie, werden öffentlich geschmäht, ihre Bücher verbrannt. KP-Kader und Volkskomitees, unterstützt von Milizen und Volkspolizei, würden versuchen, Christen zum Abschwören ihres Glaubens zu zwingen. Die Methoden seien teilweise bestialisch. Einige Evangelische sollen gezwungen worden sein, in einem Opferritual Ziegenblut zu trinken.

Die Botschaft der Sozialistischen Republik Vietnam in Berlin ist zu keiner Stellungnahme bereit. Statt einer Erklärung heißt es lapidar: "Es gibt kein Problem."

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